Was für ein hinreißender, souverän erzählter Roman! Es gilt ein kleines Wunderwerk anzuzeigen: die Liebesgeschichte zwischen Ali, einem jungen moslemischen Adligen, und Nino, der christlichen Tochter eines georgischen Fürsten. Das Buch spielt im Pulverfass Kaukasus am Vorabend der russischen Revolution. Die Titelheldin Nino übt einen großen Zauber auf alle jüngeren Männer aus der Oberschicht der Erdölstadt Baku aus. Die politischen, ethnischen und religiösen Zwistigkeiten werden durch Liebe oder persönliche Rivalitäten überlagert: der kluge armenische Kaufmann und Nachwuchspolitiker Nacharajan - leider so fett wie unansehnlich - möchte brennend gern seinen intellektuellen Trophäen und wirtschaftlichen Reichtümern die Gunst des Mädchens hinzufügen. Sie widmet sich ihm auch, soweit es die Etikette zulässt, aber ihr Herz gehört dem aufgeweckten moslemischen Abiturienten Ali. Als Nacharajan Nino mit dem Auto in die Wüste entführt und Ali die Flüchtenden auf dem rotgoldenen arabischen Wunderpferd verfolgt, kann es für den Armenier nicht gut ausgehen.Der Ullstein-Verlag feiert das Buch als "die Wiederentdeckung einer literarischen Sensation" und füttert alle Interessenten mit perfekt gestyltem, umfangreichen Material aus dem "New Yorker", in dem das Geheimnis um die Autorenschaft von "Ali und Nino" angeblich erstmals entschlüsselt wird. Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym Kurban Said? Stammt das 1937 erschienene Buch von der "schönen Baronin", jener auf dem Umschlag des Romanes so somnambul blickenden Elfriede Ehrenfels von Bodmershof, dem Mittelpunkt eines von der Sehnsucht nach dem Orient geprägten österreich-ungarischen Intellektuellenkreises? Oder wurde "Ali und Nino" von dem zum Islam übergetretenen Juden Lev Nussimbaum geschrieben, an den die Ehrenfels von Bodmershof die Tantiemen weitergeleitet haben soll und der eine nicht ganz geklärte Rolle ausgerechnet im Kreis um Mussolini spielte? Die Frage ist nicht entschieden. Folgt man der jüngst geführten Debatte im "Times Literary Supplement", so spricht vieles für Nussimbaum.Für den Leser ist dies erst einmal zweitrangig. Hat er einmal mit "Ali und Nino" begonnen, so kann er gar nicht mehr aufhören. Er lernt viel über die Europäisierung Bakus mit Hilfe der humanistischen Bildung. Der rein russische Lehrkörper des Gymnasiums hat vom Lande ringsum nicht die geringste Vorstellung. Ali und seine Freunde reden ihnen ein, dass sich in der Nähe von Baku eine Leprastation befindet. Wenn jemand die Schule schwänzen will, so meldet der Klassensprecher zähneklappernd, dass aus dem Leprasorium einige Kranke in die Stadt entflohen seien. Man vermute, dass sie sich in dem Stadtteil verborgen halten, in dem die betreffenden Schüler wohnen. Der Klassenlehrer erbleicht und beurlaubt die Schüler bis zur Festnahme der Kranken. Die Lehrer lassen zudem nur ungern einen Mohammedaner durchfallen, auch wenn er im Lateinunterricht Gerundium und Gerundivum nicht auseinander halten kann. Denn der hat viele Freunde: kräftige Burschen mit Dolchen und Revolvern. Die Lehrer wissen das und fürchten sich vor ihren Schülern nicht weniger als diese vor den Prüfungen.Gefangen nimmt Said durch den fantastischen Wechsel seiner stimmungs- und geheimnisvollen Orte. Nach dem Mord an seinem Nebenbuhler flieht Ali vor der Blutrache der Familie Nacharajan in die Berge Daghestans. Ohnehin wird in dem Buch viel geflohen und gereist. Das gibt Said die Möglichkeit, den Leser durch alle wichtigen Länder des Kaukasus zu führen und zusätzlich in Persien und Georgien vorbeizuschauen. Es schildert Flagellantenprozessionen am Tag des Märtyrers Hussein in Teheran, die Karawane der Leichen zur heiligen Stadt Kerbela und nicht zuletzt drei Dörfer in Daghestan, die ausschließlich von Dichtern bewohnt werden. Zum Zeichen der hohen Achtung, die der Orient von der Poesie hegt, seit alters von allen Abgaben und Steuern befreit sind.Nino leidet am stärksten im rückständigen, beinahe mittelalterlichen Persien, in dem sie mit Ali Zuflucht findet, nachdem Baku von marodierenden russischen Soldaten eingenommen worden ist. Sie verabscheut den Schleier und verflucht die Stadt, in der es Mann und Frau polizeilich verboten ist, gemeinsam durch den Basar oder die duftenden Gärten von Schimran zu gehen. Sie führt einen verspielten, aber zähen Kampf gegen den Eunuchen, der für sie verantwortlich ist: Sie wirft seine Amulette aus dem Fenster des Harems und verweigert die Mittelchen, die garantieren sollen, dass ihr erstes Kind ein Sohn wird. Wenn der Eunuch sie mit seinen Geisterbeschwörungen zu sehr quält, verbietet sie ihm die Süßigkeiten und nimmt ihm so die einzige Freude seines Lebens.Die Zeit ist durch grausame Umstürze geprägt, Said erzählt von ihnen ausgiebig; geschändete Tote liegen genug in den Straßen. Ali, Nino und ihre Freunde werden zwar noch durch Glauben und Herkunft bestimmt, setzen sich aber doch aus Liebe oder dem Zweifel an ewigen Wahrheiten immer wieder darüber hinweg. Das hat zum Glück überhaupt nichts Gezwungenes oder politisch Korrektes. Der Autor beherrscht einen Ton federner Leichtigkeit, ihn treibt die Lust an den orientalischen Erscheinungen. Man spürt seine Vertrautheit mit den kaukasischen Konflikten, und bewundert zugleich den lässigen Abstand, den er schreibend zu ihnen halten kann. Das wirre Treiben der Zeit in den Kreisen der aserbaidschanischen Oberschicht spielt sich auf dem Grunde einer tiefen Vergeblichkeit ab; bald ahnen wir, dass die Geschichte nicht gut ausgehen kann. Allerdings grundiert diese Vergeblichkeit eine nicht unangenehme Süße, die das Leben und die Liebe der heranwachsenden Hauptpersonen bis kurz vor Ende des Romans behalten hat. Kurban Said - wer immer er auch sei - hat mit "Ali und Nino" ein überaus unterhaltsames, leicht zu lesendes Buch verfasst, das niemanden überfordern, aber manchen entzücken wird. Es ist so schwungvoll zu genießen wie ein intelligenter Abenteuerfilm der dreißiger Jahre im Programmkino.Kurban Said: Ali und Nino. Roman. Ullstein Verlag, Berlin 2000. 272 S. , 36 Mark.