Wer die parasitäre Elite, die das Volk von Haiti seit Jahrzehnten ausbeutet, genügend hasst, der wird sich freuen über die Wahl des Armenpriesters Jean-Bertrand Aristide, 47, zum Präsidenten des ärmsten Landes Amerikas. Der mag dessen 92-Prozent-Sieg als späten Erfolg der Theologie der Befreiung interpretieren. Er wurde errungen in einer vom Terror Aristide-höriger Banden begleiteten, von der Opposition boykottierten Wahl. Die Beteiligung lag nach offiziellen Angaben bei 60 Prozent, laut Opposition gingen fünf Prozent der Berechtigten zur Wahl. Es wurde massiv manipuliert, die Uno stellt ihre Hilfe zum Aufbau der Demokratie in Haiti als aussichtslos ein."Der triumphale Wahlsieg des Priesters ist vor allem ein Akt des Exorzismus, durch den die Haitianer ihre eigenen Dämonen austreiben", so feierte die französische Zeitung Liberation den ersten Wahlsieg Aristides 1990. Damals hatte ihm die erste freie Abstimmung im Lande ebenfalls ein Resultat nahe 100 Prozent verschafft. Die Haitianer feierten den "Mitbruder", der nun ihr Präsident war. Auf Wandgemälden huldigten sie ihrem Messias. Aristide sollte der Wundertäter und Heilsbringer sein, die letzte Hoffnung, nachdem alle anderen zerstoben waren. War nicht ihr Freudentaumel am Ende der Schreckensherrschaft der beiden als Papa Doc und Baby Doc bekannt gewordenen Duvaliers unversehens in eine jammervolle Zeit von Staatsstreichen, Unsicherheit und noch tieferem Elend gemündet? Dass sich Aristide als den Diktatoren ebenbürtiger Nachfolger erweisen würde, wollte und konnte wohl auch niemand wissen - obwohl es mahnende Stimmen gab.In Wahrheit handelt die Geschichte Aristides von einem(Fortsetzung Seite 2) Aristide, Fortsetzung von Seite 1 ---schmächtigen, hoch begabten Schüler aus kleinen Verhältnissen, in dem Erniedrigungen und Demütigungen den Wunsch nach Macht, nach Gelegenheit zur Rache reifen ließen. In das Herrschaftsgefüge Haiti - dominiert von einem Dutzend Familien und ihren Marionetten - einzudringen, war unmöglich. Doch Aristide fand seine Waffen. Hartnäckig und rhetorisch fesselnd griff er als Priester des Salesianerordens in seinen Gottesdiensten die übermächtigen Gegner an, wetterte gegen die Verquickung von Wirtschaftselite, Armee und Kirchenhierarchie und forderte die "Priorität der Armen". Er machte sich zum "Sprecher der Verdammten der Erde", den die Bauern und Slumbewohner verstanden. Außenstehende allerdings verzweifelten an seinem symboltriefenden Mystikerjargon, ein politisches Programm ließ sich nicht erkennen.Unverzagt machte sich Aristide Feinde und zeigte keine Furcht, als diese während eines Gottesdienstes die Sain-Jean-Bosco-Kirche anstecken ließen. Spätestens von diesem Moment an war er zur "letzten reinen Seele Haitis" geworden, die Legende von der Wundergestalt, die sieben Attentate überlebt hatte, verbreitete sich. Nirgendwo auf der Welt ist der Volksglaube an schwarze Magie stärker als im Voodoo-Land Haiti. Unter diesen Voraussetzungen konnte Aristide jede Wahl gewinnen.Seinen erster Wahlsieg allerdings stahlen ihm Putschisten 1991, er zog ins US-amerikanische Exil, wo der Armenpriester recht bald in einer weißen Stretchlimousine gesehen wurde. Eine internationale Militäroperation unter US-Führung brachte Aristide Ende 1994 zurück nach Haiti und ins Amt. Das musste er schon im Februar wieder räumen, da die Verfassung die unmittelbare Wiederwahl nicht erlaubt. Sein Freund Rene Preval vertrat ihn.Aristide nutzte die Zeit, um am Stadtrand von Port-au-Prince hinter hohen Mauern, vor den Augen seiner hungrigen Brüder und Schwestern geschützt, eine seiner Person gemäße exquisite Residenz zu errichten und verabschiedete sich vom Zölibat. Er ließ potenzielle Rivalen vernichten, hielt sich eine Terrorbande nach dem Vorbild der aus Duvalier-Zeiten gefürchteten Tonton Macoutes und verdiente viel Geld. Haiti liegt als Drogenumschlagplatz günstig.Doch am schlimmsten wirkte sich während der vergangenen fünf Jahre Aristides permanente Destabilisierung aus. Er torpedierte Regierungsbildungen, störte Parlamentswahlen, sorgte wo er nur konnte mit Hilfe seiner fanatisierten Anhänger für Unsicherheit. Niemand durfte Erfolge erreichen. Jede Seele sollte zu ihm streben, jeder Bauch von ihm Nahrung erhoffen. Er hat jetzt große Macht. Es ist zu fürchten, dass er sie missbrauchen wird.