BERLIN. Im Weltverband der Amateurboxer geht es weiter herzhaft zur Sache. Wie AIBA-Sprecher Richard Baker dieser Zeitung bestätigte, wurde in der vergangenen Woche in aller Stille der AIBA-Generalsekretär Caner Doganeli (Türkei) suspendiert. Ihm wird Misswirtschaft und Veruntreuung vorgeworfen. Es geht, vorerst, um mehr als eine halbe Million US-Dollar. Die Sache wurde der Ethikkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) übergeben.Der Fall Doganeli beweist, dass nach einer 20 Jahre währenden Diktatur der Korruption durch den Präsidenten Anwar Chowdhry (Pakistan) die Aufräumarbeiten begonnen haben. Auf dem AIBA-Kongress in Santo Domingo im November 2006 war ja nicht nur unter mysteriösen Umständen ein Delegierter aus Mali, Pierre Diakite, ums Leben gekommen (er hatte sich gegen Chowdhry ausgesprochen und wurde später tot im Fahrstuhlschacht seines Hotels gefunden), der Kongress hatte auch einen neuen Präsidenten gewählt: Ching-Kuo Wu aus Taiwan gewann mit 83:79 Stimmen gegen Chowdhry. Wu setzte allerdings zunächst weiter auf Generalsekretär Doganeli und hatte sich auch mit dem Usbeken Gafur Rachimow verbündet. Rachimow, der in Dokumenten von polizeilichen Ermittlungsbehörden mit der organisierten Kriminalität und Drogenhandel in Verbindung gebracht wird, ist AIBA-Vizepräsident. Den Wahlkampf des Dr. Wu hatte mit Ho Kim (Südkorea) ein weiterer Funktionär zweifelhaften Rufes gemanagt. Kim wurde dafür zum Exekutivdirektor der AIBA berufen.Drei Monate später trennt sich Wu von Doganeli. Schweizer Rechnungsprüfer, die AIBA-Zentrale sitzt in Lausanne, haben ihren Bericht in Taipeh dem neuen AIBA-Exekutivkomitee vorgetragen. Das Exko leitete den Fall an seine Reformkommission weiter, die vom Norweger Gerhard Heiberg geleitet wird, dem Chef der IOC-Marketingkommission. Heiberg hatte schon im Herbst 2000 in dieser Zeitung Reformen in der AIBA angemahnt: "Wenn Boxen olympisch bleiben soll, muss sich schleunigst etwas ändern." Nun soll er im Auftrag von IOC-Chef Jacques Rogge handeln.Verwechslung? Terroristen?Das IOC hat inzwischen 300 000 Dollar, einen Teil der eingefrorenen olympischen Fernsehgelder, an die AIBA überwiesen. Die Lage ist vertrackt, denn Wu, selbst IOC-Mitglied, hat sich mit Personen verbündet, die Dreck am Stecken haben. Zudem werden Wu von einigen Verbänden Satzungsverstöße vorgeworfen. Merkwürdig erscheinen auch die Umstände der Ausbootung seines größten Kritikers, des russischen Verbandschefs und AIBA-Vizepräsidenten Eduard Kusainow. Dieser hatte Wu am 18. Januar in einem Brief vorgeworfen, er habe die eine Diktatur durch eine andere abgelöst, setze auf den "absolut identischen Clan" von Chowdhry und verletze die Regeln auf "kriminelle" Weise. Kurz darauf wurde Kusainow von der AIBA-Führung suspendiert. Es wurde behauptet, er gehöre einer islamischen Terrorgruppe an. Kusainow durfte deshalb nicht an der AIBA-Exekutivsitzung teilnehmen, er musste sich stattdessen einem Verhör durch die Kollegen stellen.Der russische NOK-Präsident Leonid Tjagatschow erklärte umgehend schriftlich, Kusainow sei mit einem bereits verurteilten Terroristen verwechselt worden. Daraufhin wurden die Russen mit der Austragung der Box-WM im September 2007 besänftigt. Aber auch das war kurios: Denn eigentlich wurde die WM schon vor einiger Zeit vergeben. Weil nun aber Sportkamerad Ho Kim, der neue AIBA-Exekutivdirektor, die WM gern in Südkorea gesehen hätte, wurde vergangene Woche in Taipeh ein zweites Mal abgestimmt. 22:9 für Moskau.Kompliziert ist die Welt des Amateurboxens. Wer lügt oder wer vielleicht sogar die Wahrheit sagt, ist schwer auszumachen. Zu den vielen Merkwürdigkeiten zählt auch, dass die Suspendierung des Generalsekretärs Doganeli nicht öffentlich publik gemacht wurde. Präsident Wu hat lediglich E-Mails an seine Exekutive geschrieben. AIBA-Sprecher Richard Baker, frisch im Amt, hat Schwierigkeiten, die Abläufe darzulegen. Blöde Lage für ihn, den Neuling. "Geben Sie uns beziehungsweise der IOC-Ethikkommission einige Wochen Zeit", sagt Baker. Es wird weiter nach belastendem Material gefahndet. Und sicher wird sich Caner Doganeli, kein Kind von Traurigkeit, der gern Mal mit teuren Klagen droht, demnächst lautstark verteidigen.------------------------------Foto: Altlasten: Anwar Chowdhry hat die AIBA in eine korrupte Organisation verwandelt. Nun wird aufgeräumt.