Der Amerikaner Barnett Newman in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Düsseldorf: Stahl wie Samt ­ Leinwand wie Seide

Es ist so etwas wie Besitzerstolz, was den Impuls zu der Düsseldorfer Ausstellung "Barnett Newman. Bilder, Skulpturen, Graphik" gegeben hat. 1993 nämlich gelangte die monumentale Skulptur "ZIM ZUM II" in die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Das seltene Stück ist eines von nicht mehr als sieben Werken der Bildhauerkunst dieses letztlich eher als Maler berühmten US-amerikanischen Künstlers (1905­1970).Die wirkungsvolle Erscheinung des gewaltig in den Raum ragenden Cor-Ten Stahls weckte vor einiger Zeit diesen Wunsch: Es sollten einmal alle auf renommierte Museen der Welt verteilten plastischen Arbeiten Newmans vereint werden. Das ehrgeizige Unternehmen ist tatsächlich geglückt; und es profitiert zudem von einem Nebeneffekt: Die Museumsleute stießen dabei immer wieder auch auf die zweidimensionalen Arbeiten Barnett Newmans; und um ihm wirklich gerecht zu werden, konnten sie auf seine Zeichnungen und Gemälde nicht verzichten. In ihnen hat er Pionierleistungen vollbracht. Seine Ölbilder haben im Sinne der fast grenzenlosen Farbfeld-Idee die Malerei seit Mitte unseres Jahrhunderts beeinflußt, wenn nicht gar revolutioniert.Es ist darum wichtig, daß die Ausstellung ein Blatt "Untitled" aus dem Jahre 1945 einbezieht. Damals setzte Newman mit Öl, Wachsstift und Pastell ein lyrisches Stilleben aufs Papier. Das kleine Bild, das wie von anderer Hand wirkt, sogar wie aus einer anderen Welt zu stammen scheint, belegt exemplarisch, wie radikal der Künstler mit dem Gegenständlichen gebrochen hat.Danach setzten Zeichnungen und Gemälde ein, die sich allein abstrakten Formen und reinen Farben widmeten. Mit der Ausschließlichkeit dieser neuen Bildsprache wuchsen die Formate der Ölgemälde auf damals noch ungekannte Ausmaße.Dennoch propagierte der Künstler die nahe Betrachtung der Farbfelder. Ihre koloristische Wirkung auf die Sinne einerseits und ihre gewaltige Größe andererseits sollten Empfindungen des "Sublimen" auslösen.Newman versuchte damit, dem "Erhabenen" der alten europäischen Kunst das "Sublime" ­ als das Erhabene einer neuen, unabhängigen Malerei ­ entgegenzusetzen.Selbst die Abstraktionen des Niederländers Piet Mondrian lagen ihm nicht. Auf sie reagierte er mit der gemalten und schon legendären Provokation "Who·s afraid of Red, Yellow and Blue?" ­ "Wer fürchtet sich vor Rot, Gelb, Blau?". Dieses Bild kam aus der Nationalgalerie Berlin nach Düsseldorf.Offenbar gestand sich der Maler der abstrakten Farbfelder doch Assoziationen zu. Das wandgroße, wie blaue Seide die Leinwand überspannende Gemälde "Cathedra" vermittelt kontemplative Ruhe; und "Chartres" erinnert in seiner vertikal farbig betonten Dreiecksform tatsächlich an die in die Höhe strebende, lichtdurchflutete Gotik. Newman war eben nicht nur ein auf die Sinne setzender Künstler; er galt als "pictor doctus", als ein gelehrter Maler.Auch sein plastisches Hauptwerk, der "Broken Obelisk", ist ohne historische Bezüge nicht denkbar. Pyramide und Obelisk spielen auf archaische Zeiten an, auf vergangene Kulte und Zeichen. Der Pyramide hat der mit diesem Werk weit in den Raum greifende Künstler den Obelisken so entgegengesetzt, daß die Spitzen beider Gebilde einander begegnen. Die Schwerkraft scheint damit außer Gesetz gebracht. Doch einer solchen Kühnheit der Statik wirkt der obere offene Bruch des Obelisken wie eine Wunde entgegen. Oder wie ein Symbol der Vergänglichkeit.Stellen die Skulpturen "Broken Obelisk" und "ZIM ZUM" Endpunkte in der Reihe des plastischen Oeuvres dar, so lassen sich die Anfänge in der Werkgruppe "Here I bis III" fassen. Offensichtlich war Newman von Giacometti beeindruckt. "Here I" zitiert die schrundige Oberfläche seiner Bronzen in der Basis und in einer Stele; die zweite jedoch ist geglättet. Sie leitet über zu den Variationen II und III, die nun mit Stahl das alte Thema der Stele durchspielen.Barnett Newman hat Cor-Ten Stahl bevorzugt. Dieses Material bietet sich dem Auge wie Samt dar, doch die Hände ertasten den spröden Rost. Diesem Gegensatz in der materiellen Eigenart entspricht auch die Illusion einer Leichtigkeit ­ als habe der harte Stahl von "ZIM ZUM" sich ganz einfach wie Stoff falten lassen. Es müssen solch paradoxe Qualitäten gewesen sein, die den Maler Newman zum Bildhauer machten.Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Düsseldorf, bis 10. August; Katalog 45 Mark.