Im Film hat Jeffrey Wigand keinen Bart. Im Film sieht Wigand aus wie Russel Crowe. "The Insider" ist der Titel des Films, den drei Berliner Schulklassen auf Einladung der Initiative "Rauchfrei in Berlin" gerade im Kino Arsenal am Potsdamer Platz gesehen haben. Der weißhaarige 61 Jahre alte Mann, der sich nun vorn auf den Bühnenrand setzt und lässig die Beine baumeln lässt, ist das Original zur Rolle von "Gladiator" Russel Crowe. Das ist der Mann, der die Zigarettenindustrie über 200 Milliarden Dollar gekostet hat.Rauswurf des InsidersDer Film "The Insider" schildert, wie aus Wigand, dem Chefwissenschaftler des Konzerns Brown & Williamson, der Kronzeuge der Regierung im Kampf gegen die Zigarettenunternehmen wird. Wigand wurde 1993 nach knapp vier Jahren bei B & W entlassen, weil er sich gegen die weitere Verwendung von suchtfördernden Zusätzen im Tabak aussprach. Das passte nicht zur Unternehmensphilosophie.Der Rauswurf reichte dem Unternehmen jedoch nicht. "Ich musste eine Stillschweige-Erklärung unterschreiben", erzählt Wigand, während sich nicht alle Schüler nach 160 Minuten Film die Geschichte noch einmal anhören wollen und tuscheln. Doch so etwas bringt Wigand nicht aus dem Konzept. "Die Tabakindustrie ist kriminell und unmoralisch", sagt Wigand. Er berichtet, wie er und seine Familie bedroht wurden, wie Pistolenkugeln als Warnung in der Post lagen, wie er schließlich bei der US-Gesundheitsbehörde aussagte und wie seine intimen Kenntnisse aus dem Inneren der Unternehmen 1998 zu der historischen Verpflichtung der Tabakkonzerne zu horrenden Schadenersatzzahlungen führten.Seitdem es ruhiger geworden ist um seine Person, reist Wigand viel. Er hat die Initiative Smoke-free Kids gegründet. Gerade kommt er aus Norwegen, davor war er in Südkorea, nun will er die Berliner Schüler über die Machenschaften der Unternehmen informieren und sie warnen. "Ihr Kinder sollt erkennen, dass ihr manipuliert werdet", sagt Wigand. Ihm zufolge sind Kinder und Jugendliche die Hauptzielgruppe der Tabakindustrie. So würde etwa jungen Frauen suggeriert, wer rauche, bleibe dünn - ein Versprechen, für das Pubertierende anfällig sind. "Die Konzerne haben Verhaltensmuster von 14-Jährigen erforscht", sagt Wigand.Der Mann ist Wissenschaftler, und er hat eine Mission. Beides zusammen kommt bei den Jugendlichen zwischen elf und 16 Jahren nicht nur gut an. Präzise Angaben wie "Ich war vier Jahre und zwei Monate bei B & W" oder "Am 20. Juni 1997 wurde ich von Staatsanwälten von meinem Schweigegelübde entbunden" lassen die Aufmerksamkeit der Zuhörer eher abwandern. Als Wigand seinen Ex-Chef mit dem Satz zitiert "Wenn wir sie jung süchtig machen, sind sie ein Leben lang süchtig", kommentiert einer der Schüler nur trocken: "Stimmt ja."Aber nach der Zeit des Psychoterrors und der Paranoia, die "The Insider" zeigt, scheint Wigand zu einer inneren Ruhe gefunden zu haben, die ein paar nörgelnde Schüler nicht anficht. Er sagt, dass Tabak jährlich fünf Millionen Menschen tötet. Gleichzeitig sei seine angepeilte Erfolgsquote bei Veranstaltungen wie der im Kino niedrig angesetzt: "Jeden Tag ein Kind retten, das ist meine Quote." Zumindest bemerkt Wigand zufrieden, dass sich beim Rausgehen keiner der Schüler sofort eine Kippe anzündet.Jeffrey Wigand spricht heute um 17 Uhr in der Oranienstraße 106 in Kreuzberg.Keine sichere Zigarette // Als Biochemiker kam Jeffrey Wigand 1988 zum US-Tabakunternehmen Brown & Williamson. Seine Aufgabe als Wissenschaftler bei B & W war die Entwicklung einer "sicheren Zigarette".1993 wurde Wigand von B & W entlassen. Der Wissenschaftler hatte gefordert, dem Tabak sollten keine schädlichen und Sucht steigernden Zusatzstoffe wie Ammoniak und Coumarin mehr beigefügt werden.Morddrohungen brachten Wigand schließlich dazu, die US-Gesundheitsbehörde über das Vorgehen der Tabak-Industrie zu informieren. Wegen dieser Aussagen mussten Konzerne schließlich über 200 Milliarden Dollar Schadensersatz an kranke Raucher zahlen.Wigands Geschichte verfilmte Michael Mann 1999 mit Russel Crowe und Al Pacino in den Hauptrollen unter dem Titel "The Insider".BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Kinder ohne Kippe: Zigarettenfirmen wollen ihre Kunden möglichst früh süchtig machen, warnte Jeffrey Wigand bei einer Diskussion im Kino Arsenal.

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