Der Amerikaner Joel Agee ist in der DDR aufgewachsen und hat darüber ein Buch geschrieben: Zwei Väter aus zwei Welten

Joel Agee ist Amerikaner. Aber wenn er Deutsch spricht, muss er nie nach Worten suchen, so perfekt beherrscht er die Sprache. Und sie hat bei ihm einen berlinischen Klang. Von 1948 bis 1960 lebte Joel Agee zunächst in Groß-Glienicke bei Potsdam, dann in Berlin, Hauptstadt der DDR. Als sein Buch über diese Zeit, "Zwölf Jahre. Eine Jugend in Ostdeutschland", in den USA erschien, begannen die meisten Rezensionen mit der Bemerkung: "Joel Agee, der Sohn von James Agee ." Sein Vater war ein berühmter Schriftsteller und Filmkritiker, geehrt mit dem Pulitzer-Preis. Als das Buch auf Deutsch erschien, schrieben die Rezensenten: "Joel Agee ist der Stiefsohn von Bodo Uhse." Bodo Uhse (1904-1963) war ein sozialistischer Schriftsteller, Volkskammermitglied, zeitweilig Vorsitzender des Schriftstellerverbandes der DDR. Agees Buch ist auf Deutsch 1982 (Hanser) und 1985 (Fischer) nur in der alten BRD erschienen. Manche Kritiker im Westen warfen ihm einen zu freundlichen Blick auf seine amerikanische Kindheit in Ostdeutschland vor, hätten statt einer Erinnerung eher eine Abrechnung gewünscht. In der DDR jedoch konnte das Buch nicht erscheinen - gerade weil es der offiziellen Verklärung der frühen Jahre entgegenwirkte. Bodo Uhse, damals eingereiht in die Heldengalerie des sozialistischen Aufbaus, ist in den Aufzeichnungen ein geduldiger Vater, aber auch ein Mann mit Ängsten und Schreibhemmungen. Joel Agee wuchs unter Menschen auf, die in der DDR einen Traum zu verwirklichen glaubten. Er ist mit seinem Buch Chronist einer Epoche, die für das Verständnis vieler gegenwärtiger Konflikte wichtig ist. Sein Buch "Zwölf Jahre" ist im amerikanischen Original gerade neu aufgelegt worden (The University of Chicago Press). Auf Deutsch kann man es leider nur noch in Bibliotheken oder Antiquariaten bekommen.Joel Agee wohnt derzeit mit seiner Frau im Literarischen Colloquium Berlin am Wannsee. Für seine Übertragung von Kleists "Penthesilea" ins Englische hat er den Helen-und-Kurt-Wolff-Übersetzer-Preis erhalten. Die Auszeichnung ist mit einem zweimonatigen Aufenthalt im LCB verbunden. Agee kehrt an Orte zurück, die er kennt. Und er schreibt weiter an einem Manuskript, das er jetzt fertig stellen möchte. "Als ich damit anfing, war es ein Erinnerungsbuch", sagt Joel Agee, "aber mittlerweile ist es ein Roman geworden." Ein Freund, der schon Auszüge gelesen hat, habe verblüfft gesagt, da schreibe einer mit einer deutschen und einer amerikanischen Seele. Agee hat eben prägende Jahre unter Deutschen verbracht. Und bis heute, sagt er, vermisse er in den USA manches Deutsche: "So eine bestimmte Ernsthaftigkeit im Gespräch meine ich, überhaupt diese Art, einen anderen wirklich ernst zu nehmen. Das gibt es dort sehr selten." In seinem Buch "Zwölf Jahre" werden die Verhältnisse in der Sowjetischen Besatzungszone und in Ost-Berlin auf doppelt ungewöhnliche Weise plastisch. Zum einen kommt Agee mit einem fremden Blick. Seine Mutter ist Amerikanerin. Ihre Ehe mit James Agee zerbrach, als das gemeinsame Kind noch nicht einmal zwei Jahre alt war. Auf einer Reise nach Mexiko verliebte sie sich in Bodo Uhse, der dort im Exil lebte. Alma Agee und Bodo Uhse heirateten, bekamen ein Kind - Stefan, sechs Jahre jünger als Joel - und nutzten 1948 die erste Gelegenheit, nach Deutschland zu kommen. Joel, der bei den Nachbarskindern als "der Ami" galt, lernte, sich in der fremden Welt zurechtzufinden. So setzt das Buch ein. Ungewöhnlich ist die Sicht auch, weil er als Funktionärskind in privilegierten Verhältnissen aufwuchs. Die Mutter hielt sich anfangs ein Reitpferd, die Familie hat eine Haushaltshilfe, der Vater einen Chauffeur. Und doch erscheint er nicht als Bonze. Bodo Uhse ist, was Agee nicht schreibt und was ihm nicht einmal bewusst war, über einen großen Umweg zum Kommunismus gekommen. Als Sohn eines Offiziers war er im militärischen Geist erzogen worden und wandte sich als junger Mensch den Nationalsozialisten zu. Er wurde schließlich von Goebbels als Chefredakteur der "Schleswig-Holsteinischen Tageszeitung" eingesetzt, einer Zeitung, von der sich die Nazis Einfluss auf die Bauernschaft versprachen. Da Uhse aber angesichts der Lage der Bauern das NSDAP-Programm sozialistisch zu interpretieren begann, kam es zum Bruch mit der Partei. Er wandte sich den Kommunisten zu, emigrierte 1933 nach Frankreich und ging mit den Internationalen Brigaden nach Spanien. Dieser Umweg mag ein Grund dafür sein, dass sich Uhse später seinen Glauben an den Sozialismus erhalten wollte. Joel Agee bekommt von den Zweifeln Uhses zunächst wenig mit. Nach den Enthüllungen der KPdSU über die Verbrechen Stalins erlebt er, "wie Bodo eines Abends beim achten oder zehnten Bier, stöhnend und gekrümmt vor Reue, jammerte, sein Leben sei verpfuscht, er habe sein Talent vergeudet, er habe diesem Schweinehund Stalin seine Seele verkauft". Agee schreibt, wie diese Verunsicherung erst anhält, Uhse sich aber bald wieder in die Verhältnisse einordnet. Zwei Jahre später, als Joel die Schule verlässt, um arbeiten zu gehen, sagt sein Stiefvater: "Welchen Weg du auch gehst - ich hoffe, du wirst lernen, was es heißt, ein guter Kommunist zu sein. Leider ist das etwas, was ich dir nicht beibringen kann." Zum Gespräch im Literarischen Colloquium hat Joel Agee eine Sammlung von Aufsätzen Marcel Reich-Ranickis über Schriftsteller aus Ost und West mitgebracht. "Sein Traum war ein gerechtes Deutschland", heißt dessen erster Satz über Bodo Uhse. Noch einen anderen findet Agee sehr treffend: "Er schrieb schlechte Bücher und war ein guter Schriftsteller." Als Alma Agee 1960 mit ihren beiden Söhnen die DDR verließ, überwogen private Gründe. Sie konnte die Demütigung nicht ertragen, dass eine der Geliebten von Bodo Uhse von ihm ein Kind erwartete. Wohin sonst als in die USA hätte sie gehen sollen? Die deutsche Sprache hat sie nie richtig gelernt. Über die ostdeutsche Engstirnigkeit, Jazz und "offenes" Tanzen für dekadent zu halten, hatte sie sich immer hinweggesetzt. In Agees Erinnerung hat sie manche dröge Diskussion über Politik mit einem "Let s dance!" unterbrochen. Den Söhnen, die nun wieder den Familiennamen aus der ersten Ehe der Mutter bekamen, fiel der Wechsel schwer. Stefan, den Joel Agee für den Begabteren hält, der als Zehnjähriger mit literarischen Parodien, "hyperpreußischen pseudosozialistischen Beschwerdebriefen" auf sich aufmerksam machte, bald Erzählungen und Theaterstücke schrieb, wurde seelisch krank und flüchtete später in den Selbstmord. Joel Agee bewegte sich lange Zeit als Fremder in dem Land, in dem er zur Welt gekommen war, holte den College-Abschluss nach, schrieb sich mehrmals für ein Studium ein. "Ich begann erst, mich als Amerikaner zu fühlen, als die counter culture begann, als die Haare länger wurden und so eine Art rebellische Subkultur sich entwickelte", sagt er. "Da merkte ich: Hier passe ich rein." Richtige DDR-ReflexeInzwischen ist er oft nach Deutschland gefahren; erst nur in den Westen, nach dem Mauerfall sogar zu Klassentreffen. Im deutschen Umfeld allerdings beobachte er an sich bis heute "so richtige DDR-Reflexe", die in Berlin gerade wieder lebendig werden. Er spüre dann ein Unbehagen im Umgang mit Autoritätsfiguren, an der Grenze, in der Bank, auf der Post, an der Supermarktkasse sogar. In Momenten, da er die Regeln nicht genau kenne, dies aber erwartet wird, "weil man mich ja nicht als Ausländer erkennt", beobachte er an sich Verkrampfungen, Ängstlichkeiten, Reflexe aus den fünfziger Jahren. Autoritätserfahrungen hat er damals zur Genüge gesammelt, als notorischer Schulschwänzer, als Junge, der vergaß, an der Jugendweihe teilzunehmen, der sich von der Russischlehrerin vor der ganzen Klasse anhören musste: "Die einzige Fünf in dieser Prüfung hat unser Herr Uhse geschrieben. Und ich möchte, dass ihr ihn euch genau anseht ., denn er ist intelligent und begabt wie wahrscheinlich sonst niemand in dieser Klasse. . Aber er ist faul - faul wie die Sünde!" Er war 33, als sein Bruder sich das Leben nahm. Damals veröffentlichte er seine erste literarische Arbeit, eine Geschichte über den Besuch im Leichenschauhaus. So hatte er zu schreiben begonnen. Mit seinem leiblichen Vater, den er kaum gekannt hat, fühlt er sich heute literarisch verbunden: "Ich bewundere seine Arbeit sehr." Joel Agees literarische Reportagen und Essays erscheinen im "New Yorker" und der "New York Times Book Review". Er schreibe sehr langsam, sagt er, "mein Geld verdiene ich mir mit Übersetzen"."Er schrieb schlechte Bücher und war ein guter Schriftsteller. " M. Reich-Ranicki über Bodo Uhse