Zwei Menschen wollen 150 Meter rennen, die Menschheit greift zum Taschenrechner. Der sportbegeisterte Teil zumindest. Ein Mann namens Michael Johnson hat bei seinem Fabellauf 1996 in Atlanta 19,32 Sekunden für die 200 Meter benötigt, macht 9,66 Sekunden für 100. Deutlich schneller als jener Donovan Bailey, bei dessen 100-Meter-Weltrekord die Uhren nach 9,84 stoppten. Keine Frage also, wer der "schnellste Mann der Welt" ist. Keine Frage? Statistiker wissen zu berichten, daß Bailey auf der Rennbahn eine Spitzengeschwindigkeit von über 43 Kilometern pro Stunde erreicht, Johnsons liegt bei 37. Hat also doch der smarte Bailey den ehrenhaften Titel verdient, nicht der maschinenhaft-kühle Johnson?Diese quälende Ungewißheit, die Leitartikler zu philosophisch-moralischen Betrachtungen, Mathematiker zu komplizierten, computergestützten Berechnungen und Stammtische zu leidenschaftlichen Debatten hinreißt, soll an diesem Sonntag ein Ende haben. Am Nachmittag, kurz nach halb sechs Ortszeit, werden Donovan Bailey und Michael Johnson, die beiden schnellsten Männer der Welt, im Skydome von Toronto/Kanada auf einer eigens für diesen Tag gebauten Bahn 150 Meter zurücklegen. Wer als Erster ankommt, ist der Allerschnellste. Und um 1,5 Millionen Dollar reicher. Dem Verlierer bleibt die Startprämie. Doch angeblich geht es nicht ums Geld. Es geht um die Ehre. Sagt jedenfalls Johnson: "Dieses Rennen hat einen so hohen Aufmerksamkeitswert, daß der Sieger unsterblich wird. Das ist mehr wert als der Scheck." Bailey erlaubt sich weniger schales Pathos: "Geld und Ansehen, genau diese Kombination will ich."Tatsächlich hätten die cleveren Geschäftemacher wohl niemanden erwärmen können, zwei Millionen Dollar auszuloben, wenn nicht auch eine gehörige Portion Patriotismus mitschwingen würde. Michael Johnson, 29, geboren in Dallas/Texas, ist der beste Läufer, den die USA zur Zeit zu bieten haben. Mit der einstigen Sprinterherrlichkeit in den Vereinigten Staaten ist es nicht mehr weit her. Die Königsstrecke, die 100 Meter, machten bei Olympia Ato Boldon (Trinidad, Bronze), Frank Fredericks (Namibia, Silber) und Bailey unter sich aus. Bailey, 29, geboren in Manchester/Jamaika, startet für Kanada. Er ist mit Ben Johnson befreundet, der Carl Lewis in Seoul die Show verdarb und, des Dopings überführt, die Leichtathletik in eine Sinnkrise stürzte. Das US-amerikanische Fernsehen jedenfalls erkor in Atlanta Doppelolympiasieger Michael Johnson zum Mega-Mann, nicht Bailey. Eigentlich hat Bailey wenig Grund, sich auf das Duell einzulassen. Daß das Rennen in der Kurve gestartet wird, benachteiligt den 100-Meter-Spezialisten ebenso wie die für ihn um ein Drittel längere Distanz. Traditionell gilt in der Leichtathletik ohnehin der 100-Meter-Weltrekordler als der schnellste Mann der Welt. Aber das stört die US-Amerikaner wenig - was Bailey wurmt: "Sie denken, sie sind die Größten der Welt, und es interessiert sie absolut nicht, was in anderen Bereichen der Gesellschaft abläuft." Egal wie das Rennen am Ende ausgeht, gewinnen werden beide. Das Ballyhoo wird genüßlich um die ganze Erde gefunkt, das Ereignis am Sonntag weltweit übertragen. Ihr Marktwert steigt. Johnson glaubt sogar, daß so die Zukunft der Branche aussieht: "Das ist kein Zirkus, das ist spannende Unterhaltung. Und genau das, was die Leichtathletik in vermehrtem Maße braucht." All das klingt danach, als handele es sich um eine Inszenierung des Turnschuhherstellers Nike, der Johnson mit zwölf Millionen Mark sponsort. Daß dem offenbar nicht so ist, mag damit zusammenhängen, daß Bailey bei der Konkurrenz unter Vertrag steht. "Wir haben damit nur am Rande zu tun", sagt Oliver Heieck von Nike-Deutschland, "Johnson bekommt von uns keine Siegprämie." Statt dessen zahlt ein Sponsorenpool.Traditionalisten wenden sich indes mit Grausen ab. Ihnen bleibt der Trost, daß es im strengen Sinn den schnellsten Mann der Welt ohnehin nicht gibt. Wer immer auch am Sonntag gewinnen wird, er war nur an jenem Ort zu jener Zeit unter dortigen Bedingungen der Bessere. Sonst könnte als bester Fußballer im Lande künftig derjenige gelten, der am Sonnabend die meisten Bälle in der Torwand des ZDF-Sportstudios versenkt. Um das festzustellen, bräuchte man nicht einmal einen Taschenrechner. +++