Herr Professor Chomsky, nach den Wahlen in Afghanistan und Irak ist die Region in Bewegung geraten. In vielen Ländern regen sich Oppositionskräfte. Die US-Regierung sieht das als ihr Verdienst - ohne Irak-Invasion hätte es diese Demokratiebewegungen nicht gegeben, der Krieg sei somit gerechtfertigt. Richtig?Gegenfrage: Wie viele Menschen feiern jedes Jahr am 7. Dezember den Überfall Japans auf Pearl Harbor?Offiziell niemand.Dabei hat dieser Überfall auch gute Ergebnisse gebracht: die Befreiung Indonesiens von niederländischer Kolonialmacht, die Befreiung Indiens und Singapurs vom mörderischen britischen Imperialismus, was wahrscheinlich Millionen Indern das Leben gerettet hat. Ich benutze dieses drastische Beispiel, um zu zeigen: Man kann einen Krieg nicht danach beurteilen, ob er am Ende nicht doch immerhin ein paar gute Ergebnisse zeitigt. Wer heute sagt: "Immerhin gab es Wahlen in Irak" oder "Immerhin müssen die afghanischen Frauen keinen Schleier mehr tragen" - was übrigens nicht stimmt - der ignoriert die Ziele der Politik und freut sich, dass am Ende doch nicht alles schlecht ist. Er ist Optimist, um nicht zu sagen Opportunist.Zurück zu ihrem Beispiel: Demokratisierung und Befreiung waren kein Ziel des japanischen Angriffs.Sie waren auch kein Ziel der Bush-Regierung. Obwohl das jetzt - wo keine Massenvernichtungswaffen in Irak gefunden wurden - behauptet wird. Das ist nicht neu. Schon die Bombardierung Vietnams wurde damit begründet, den Vietnamesen ihre Freiheit zu erhalten. Das war gelogen. Was wäre das auch für eine Logik: Zwei zerstörerische Kriege gegen Irak, hunderttausende Tote, Millionen Menschen ohne Lebensgrundlage, ein jahrelanges Embargo, das Land und Leute ruiniert hat - und alles nur, um den Irakern etwas Gutes zu tun?Aber die Wahlen haben doch stattgefunden, sogar mit großer Beteiligung. Die US-Regierung hat das als Erfolg gefeiert.Für sie war das auch ein Erfolg. Aber in welcher Sache? Ziel der US-Regierung ist und war es, in all diesen Ländern fügsame Regierungen zu installieren, die sich als Vasallen der US-Politik begreifen und gleichzeitig von der Bevölkerung akzeptiert werden. Wie macht man das? Man hält das Land besetzt. Man schließt alle Kandidaten von der Wahl aus, die nicht die US-Sicht teilen. Man schreibt dem Land eine vorläufige Verfassung und gibt damit den erwünschten politischen Kräften den erlaubten Rahmen vor. Und dann organisiert man eine "freie Wahl". Mit ihr soll kein System installiert werden, in dem die Bevölkerung über die Politik entscheiden kann - das will die US-Regierung zu Hause ja auch nicht. Nein, die Wahlen in Irak und Afghanistan waren ein Instrument, die US-Besatzung zu einem von der Bevölkerung akzeptierten Zustand zu machen.Ist die Strategie aufgegangen?Die Übung hat ganz gut funktioniert: Die Wahlbeteiligung war hoch, gleichzeitig wurde ein US-freundliches Staatsoberhaupt ermächtigt, dass seiner Bevölkerung jetzt immer entgegenhalten kann: Ihr habt mich doch gewählt! Die hohe Beteiligung verbuchten die USA als Anerkennung für sich, die Veranstalter der Wahl. Bush trat stolz vor die Kamera und sagte den Kriegsgegnern: Seht ihr! Die Afghanen haben unseren Mann zum Präsidenten gewählt, und die Iraker wollen ihr Land unter unserer Führung wieder aufbauen. Er verkaufte die Wahl als Zustimmung der Bevölkerung zum Ergebnis der US-Invasion.Sie meinen also nicht wie US-Präsident Bush, dass die Welt ohne Saddam Hussein ein sicherer Ort ist?Sicher. Man darf aber nicht vergessen, dass Irak vor der Invasion militärisch und ökonomisch am Boden lag. Die "Gefahr", die von Saddam für die USA ausging, war lediglich, dass er sich den US-Wünschen nicht gebeugt hat. Was Saddam also "gefährdet" hat, war die absolute Unterordnung aller Staaten unter die Weisungen aus Washington. Um diese Gefahr zu beseitigen, wurde ein Exempel statuiert. Und das wirkt nun in Nahost.Was halten Sie von den Oppositionsbewegungen in den anderen Ländern, wo die USA nicht Besatzungsmacht sind?Erstens ist Widerstand gegen Unterdrückung immer gut, in Amerika, Europa oder im Nahen Osten. Zweitens gibt es diese Bewegungen schon lange, sie sind also kein Produkt amerikanischer Politik.Sie werden aber von der US-Regierung unterstützt.Die US-Regierung verfolgt ihre eigenen Ziele bei ihrem Demokratieexport: Ihr passen die von der Opposition bedrohten Regierungen nicht. Sie stören die Interessen der US-Politik - nicht, weil sie keine Wahlen zulassen, sondern wegen ihrer außenpolitischen Ambitionen. Den Sturz von Regierungen, den die CIA früher in Südamerika im Geheimen betrieb, betreiben die USA und andere Weltmächte heute offen.Welche Rolle spielt Europa?Die Politiker beider Weltmachtblöcke sind in ihren Interessen und Mitteln sehr ähnlich. Die meiste Zeit arbeiten sie zusammen, der Krieg gegen Jugoslawien war dafür nur ein Beispiel.Sie meinen nicht, dass dieser Krieg vielen Menschen in Kosovo das Leben gerettet hat?Nein. Es ist mittlerweile auch von offiziellen Stellen wie dem britischen Verteidigungsministerium gut belegt, dass vor dem Bombardement Jugoslawiens die meisten Morde in Kosovo auf das Konto der kosovarischen Befreiungsarmee gingen. Erst nach dem Beginn des Nato-Krieges fingen die serbischen Säuberungen an. Darüber herrscht auch in Europa Schweigen. Nein, ich hoffe nicht auf Europa. Ich hoffe auf die Menschen, die sich diese Politik eines Tages vielleicht nicht länger bieten lassen.Das Gespräch führte Stephan Kaufmann.------------------------------Foto: Der Linguistik-Professor Noam Chomsky (75) ist einer der profiliertesten politischer Analytiker und Medienkritiker der USA.