Herr Professor Stiglitz, der Klappentext Ihres neuen Buches nennt Sie den "zurzeit bedeutendsten und einflussreichsten Ökonomen".Schön wär s.Sind Sie es nicht?Ich weiß nicht. Wenn ich schon der Einflussreichste bin, dann haben Ökonomen wohl nicht viel Einfluss.Wir dachten immer, Politiker hören auf den Rat der Wirtschaftsexperten.Das kann schon sein. Mir scheint aber eher, dass Politiker ihre eigenen Ziele verfolgen und sich zur Legitimation ihrer Politik den Ökonomen heraussuchen, der die zu ihrer Praxis passende Theorie hat. Bei der Vielzahl von ökonomischen Sichtweisen dürften sie dabei kein Problem haben. Es ist eine dehnbare Wissenschaft.Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie sich als junger Mann in die Ökonomie verliebt haben. Nun kann die Wirtschaftswissenschaft viele Gefühle hervorbringen: Respekt, Verwirrung, Langeweile - aber Liebe?Ich liebe komplizierte Dinge. Ich bin sozusagen eine Problemlöser-Natur.Wie wärs mit Schach? Schach ist nicht schlecht, hat aber einen Nachteil. Beim Schach gehts nur ums Gewinnen.Wie in der Wirtschaft.Sicher. Aber wenn die Schachpartie vorüber ist, was dann? Dann kann man nichts weiter machen, als wieder von vorne anzufangen, um abermals zu gewinnen. Schach ist folgenlos. Das reizt mich nicht. Bei der Wirtschaft dagegen geht es richtig um etwas: um die Beseitigung von Arbeitslosigkeit, Inflation, Hunger, Elend.Aber wenigstens gelangt der Schachspieler ans Ziel, zumindest einer von beiden. Dagegen ist ein Ökonom, der den Weg zum allgemeinen Wohlstand sucht, wie Sisyphos. Kaum ist ein Problem gelöst, schon wächst das Elend an anderen Stellen nach, und er fängt wieder von vorne an. Seine Partie ist nie zu Ende.Das kann schon sehr frustrierend sein. Viel Elend wird aber auch einfach von falschen ökonomischen Ratschlägen verursacht. Nehmen Sie zum Beispiel Argentinien. Das jahrelange Befolgen der Rezepte des Internationalen Währungsfonds IWF hat zu einem beispiellosen Desaster geführt. Heute lebt mehr als die Hälfte aller Argentinier unter der Armutsgrenze. Oder Osteuropa: Statt neuem Reichtum hat die schockartige Einführung der Marktwirtschaft zu dort nie gekanntem Elend geführt. Sie sprechen von "falschen Wirtschaftsrezepten". Aber was ist in der Wirtschaftswissenschaft schon "falsch"? Die Ökonomie ist eine Wissenschaft mit nur wenig gesicherten Erkenntnissen. Der Rest ist umstritten.Sicher, viele Ökonomen glauben, der Niedergang in Argentinien sei unvermeidlich gewesen, mit oder ohne IWF. Und wieder andere meinen, Grund für das Desaster sei gewesen, dass Argentinien die IWF-Ratschläge nicht entschieden genug befolgt hat. Ja, es gibt viele Ökonomen-Witze, und bestimmt die Hälfte von ihnen funktioniert nach dem Muster: Zwei Ökonomen, drei Meinungen. Erzählen Sie uns einen.Einen guten?Möglichst.Die Ökonomie ist die einzige Wissenschaft, in der sich zwei Menschen einen Nobelpreis teilen können, weil ihre Theorien sich gegenseitig widerlegen. Die Ökonomie stellt sich gerne als exakte Wissenschaft dar. Sie ist hoch mathematisiert. Gleichzeitig scheint es, als habe die Wirtschaftswissenschaft im Vergleich zu Wissenschaften wie Medizin oder Biologie in den vergangenen Jahrzehnten kaum Fortschritte gemacht. Es ist ziemlich klar, dass wir einige der wichtigsten Probleme noch nicht gelöst haben. Aber von einem intellektuellen Standpunkt aus würde ich sagen, wir haben in den letzten Jahrzehnten doch immense Fortschritte gemacht. Durch Informationsökonomie oder Spieltheorie können wir bestimmte wirtschaftliche Abläufe und Krisen heute besser verstehen.Wirtschafts-Experten präsentieren sich gern als Ingenieure und hantieren mit Maschinen-Metaphern wie dem "Konjunktur-Motor", der "stottert" oder - nach einer "Initialzündung rund läuft". Aber noch immer wissen sie nicht, auf welchen Knopf sie drücken müssen, damit unten Wachstum herauskommt. Was nutzt das Wissen, wenn man es nicht anwenden kann?Dazu fällt mir noch ein Witz ein. Ist das okay?Sicher.Zwei Männer fliegen in einem Ballon. Sie haben den Kurs verloren. Sie gehen tiefer und sehen einen Wanderer. "Wo sind wir?", rufen sie. "In einem Ballon!", antwortet der Wanderer. "Dieser Mann muss ein Ökonom sein", sagt der eine Ballonfahrer zum anderen. "Seine Antwort war richtig und absolut nutzlos."Der ist schön. Sie haben also einen Nobelpreis in einer nutzlosen Wissenschaft erhalten?Eigentlich geht der Witz ja noch weiter: "Und Sie müssen Unternehmer sein!", ruft der Wanderer zurück. "Sie haben dort oben so einen guten Überblick und wissen nicht, wo Sie sind!" Was ist die Moral von der Geschichte?Unternehmer bleiben in ihrem egoistischen Interesse gefangen. Sie wollen zum Beispiel immer Lohnsenkungen oder Steuersenkungen. Es ist an den Ökonomen zu beurteilen, ob solche Schritte der Allgemeinheit nützen. Das ist schwierig genug, und man muss sagen: Die Lücke zwischen den realen Problemen und dem, was wir zu ihrer Lösung beitragen können, bleibt sehr groß.Unsere hiesigen Experten scheinen von solchen Zweifeln frei. Jeden Tag trauen sie sich, öffentlich Rezepte auszustellen wie "Steuersenkungen kurbeln das Wachstum an" oder "Lohnsenkung drückt die Arbeitslosigkeit".Das Problem mit diesen ewigen Wahrheiten ist: Es steckt stets ein Körnchen Wahrheit drin. Dass dieses Körnchen Wahrheit sich oft zu einer ewigen Wahrheit auswächst, hat viel mit dem Wunsch von Ökonomen zu tun, Politik zu machen oder bestimmte Politiker zu unterstützen. Ist das eine Vermutung oder eine Erfahrung?Eine Erfahrung. In den neunziger Jahren zum Beispiel, als der Demokrat Bill Clinton an der Regierung war, haben konservative Ökonomen stets gesagt: Das US-Staatsdefizit ist ein großes Problem, die Regierung muss es beseitigen. Das haben wir damals geschafft. Dieselben Experten sagen heute, wo "ihr" Kandidat George W. Bush die Defizite in Schwindel erregende Höhen geschraubt hat: Ach, Defizite sind gar nicht so schlimm. Sie sehen also, es gilt nicht nur: Zwei Ökonomen, drei Meinungen, sondern auch: Ein Ökonom, zwei Meinungen. Das ist Politik und hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Die Wirtschaftswissenschaft ist durch solche Aussagen diskreditiert worden.In Ihrem Buch erzählen Sie von Ihrem ersten Job als Schuhverkäufer. Saß ein Schuh zu eng und drückte, erklärten Sie dem Kunden, das Leder atme und werde bald nachgeben. Saß er zu locker, betonten Sie den Tragekomfort und versicherten, der Schuh werde sich bald an den Fuß anpassen. Ziel sei es allein gewesen, den Schuh zu verkaufen. Haben Sie als Präsidentenberater von Clinton nie die Politik Ihres Präsidenten verkauft?Um ehrlich zu sein: Ja, das habe ich. Als Clinton-Berater haben wir damals keine Gelegenheit ausgelassen zu behaupten, die wirtschaftliche Erholung sei unser Verdienst. Dabei war sie zu einem Teil Resultat von Kräften, die schon vor Clinton angefangen hatten zu wirken. Und heute? Es ist kein Geheimnis, dass Sie statt Bush lieber einen Demokraten als Präsidenten hätten.Ich bemühe mich, seriös zu bleiben und Politik von Wissenschaft zu trennen. Die Steuersenkungen von Bush habe ich zum Beispiel heftig kritisiert. Denn von ihnen profitierten vor allem die Reichen im Lande - ausgerechnet die, deren Vermögen in den vergangenen Jahren ohnehin stark gewachsen ist. Das war ein politisches Statement. Als Ökonom wiederum versuchte ich zu zeigen, dass solche Steuersenkungen der Wirtschaft nicht helfen.Warum nicht?Eben weil die Steuersenkungen vor allem den Reichen zu Gute kamen. Und da reiche Menschen dazu neigen, zusätzliches Einkommen eher zu sparen als auszugeben, steigt der Konsum nicht und damit auch nicht das Wachstum.Warum hat Bush dennoch diese Steuersenkungen durchgesetzt?Weil er eben den Reichen Steuersenkungen schenken wollte. Und er hat sich konservative Wirtschaftsexperten gesucht, die das für sinnvoll hielten oder das zumindest gesagt und damit der Politik ein wissenschaftliches Mäntelchen umgehängt haben. Wissenschaftlich seriös wäre es gewesen, zumindest das Risiko dieser Maßnahmen zu betonen. Denn in der Wirtschaftspolitik gibt es keine absolute Gewissheiten.Aber mit Sätzen wie: "Wir senken die Steuern, denn das könnte vielleicht unter Umständen gut für die Wirtschaft sein" würden Sie kein Vertrauen in der Öffentlichkeit schaffen. Und die will Vertrauen haben.Ökonomen sollen ja auch gar keine Politik machen. Dafür haben wir Politiker.Eine der Hauptaufgaben von Ökonomen ist es, Vorhersagen zu machen. Dabei machen Sie jedoch eine schlechte Figur. Ihre Vorhersagen treten allzu oft nicht ein. Eine neuere Studie zeigt zum Beispiel, dass die Prognosen des deutschen Sachverständigenrates in den vergangenen 40 Jahren schlechter geworden sind. Verzweifeln Sie daran?Nein, ich glaube, unsere Prognosen im Beraterstab waren nicht schlecht - zumindest besser als die von anderen Instituten. Aber ob sie im Zeitverlauf schlechter geworden sind, ist nicht untersucht worden. Das sollte man mal tun.Werden Ökonomen in 50 Jahren in der Lage sein, die wirtschaftliche Entwicklung akkurat vorherzusagen? Zumindest so wie Meteorologen das Wetter?Nein.In 500 Jahren?Nein. Selbst wenn es Marktwirtschaft und Ökonomen dann noch geben sollte. Weil Marktwirtschaft einfach zu kompliziert ist: Millionen Individuen handeln nach ihren eigenen Plänen, und ihre Handlungen sind kaum zu prognostizieren. Es gibt zu viele Unsicherheiten. Es kann kein Modell geben, das diese Unsicherheiten berücksichtigt.Wenn akkurate Prognosen nicht möglich sind - wie soll ein Ökonom dann überhaupt in der Lage sein, Empfehlungen für die Politik abzugeben? Wirtschaftspolitische Entscheidungen beruhen ja immer auf einer Prognose, wie eine Entscheidung wirken wird.Es ist ja nicht so, dass wir nichts wissen. Die Realität ist nur so kompliziert. Nehmen Sie doch mal die in Deutschland derzeit sehr populäre Frage, ob Steuersenkungen die Wirtschaft ankurbeln. Nun, wenn man exzessiv hohe Steuern hat, so dass die Menschen nicht mehr arbeiten oder investieren wollen, lautet die Antwort: ja. Oder wenn man hohe Arbeitslosigkeit hat und man die niedrigen Einkommen von Steuern befreit, so geben diese Menschen mehr Geld aus, und das stimuliert die Wirtschaft. Wenn man aber nur die Reichen entlastet, hilft das der Wirtschaft kaum. Und wenn die Ökonomie Vollbeschäftigung hat und man die Steuern senkt, so sinken bloß die Staatseinnahmen. Dann steigt entweder das Budgetdefizit, was nicht gut ist. Oder der Staat muss Ausgaben senken, vernachlässigt seine Aufgaben und das behindert das Wachstum. Sie sehen: Steuersenkungen können alle möglichen Wirkungen haben. Die Sache ist kompliziert, aber nicht unlösbar.Ein anderer hier zu Lande derzeit beliebter Ratschlag lautet: Lohnsenkungen oder Lockerung des Kündigungsschutzes stimulieren Konjunktur und senken so die Arbeitslosigkeit.Dieses Argument ist derzeit weltweit beliebt. Nicht nur in Deutschland. Weltweit wird die Macht von Gewerkschaften bekämpft und Flexibilisierung durchgesetzt. Überall bangen Arbeitnehmer um ihren Arbeitsplatz. Denn die Hemmschwelle für Entlassungen bei Firmen sinkt. Ein Ergebnis dieser Flexibilisierung ist, dass im Wirtschaftsabschwung die Zahl der Arbeitslosen viel schneller zunimmt und die sozialen Sicherungssysteme nicht Schritt halten können und daher abgebaut werden. Konservative Ökonomen halten das für gut. Denn sie meinen, ein geringeres Arbeitslosengeld stärke den Anreiz für Arbeitnehmer, sich Arbeit zu suchen. Dabei besteht das Problem eindeutig darin, dass es nicht genug Stellen gibt.Was halten Sie von dem Patentrezept für Wachstum, das derzeit in Deutschland beliebt ist: Die Politik muss einfach das Vertrauen von Investoren und Konsumenten in die Zukunft stärken, dann sind die Leute zuversichtlich, konsumieren mehr, investieren mehr und das Land zieht sich selbst am Schopf aus dem Sumpf?Wenn dem so wäre, müssten wir unsere Lehrbücher umschreiben. Weil dann Wirtschaft nichts mit Ökonomie zu tun hätte, sondern nur mit Psychologie.Warum nicht? Wenn das der Wahrheit helfen würde.Das Vertrauensargument ist aber falsch. Ein Beispiel: In der asiatischen Währungskrise 1997 flüchteten die internationalen Investoren aus der Region und lösten damit eine Krise aus. Der Internationale Währungsfonds forderte daher von den asiatischen Ländern, die Zinsen zu erhöhen, um den internationalen Investoren Vertrauen zu geben. Das ist Unsinn. Denn Zinserhöhungen in der Krise drücken das Wachstum. Und das hilft weder der Konjunktur noch dem Vertrauen. Letztlich ist das Vertrauensargument ohnehin ein Zirkelschluss. Denn: Der einzige Weg, Vertrauen zu schaffen, ist Wirtschaftswachstum. Wir brauchen also Wachstum, um das Vertrauen zu stärken und Vertrauen, um Wachstum zu schaffen. Das führt doch nirgendwo hin. Die Wahrheit ist: Wenn Ökonomen nicht mehr weiter wissen, flüchten sie in die Psychologie.Den deutschen Konsumenten fehlt es also nicht an Vertrauen?Ihnen fehlt Geld. Gerade den Ärmeren. Es gibt historisch keinen einzigen Fall, in dem eine Krise durch stärkeres Vertrauen gelöst worden wäre.Nun wächst die US-Wirtschaft derzeit wieder sehr stark. Amerika ist die Wachstumslokomotive der Welt. Macht der von Ihnen so kritisierte Präsident Bush einfach die bessere Wirtschaftspolitik?Mit Bushs Politik hat der Aufschwung nicht viel zu tun. Jeder ökonomische Abschwung kommt mal zu seinem Ende. Die Unternehmen füllen einfach ihre inzwischen leeren Lager wieder auf - und schon gibt es Wachstum. Die Firmen machen wieder hohe Gewinne - aber nur, weil sie in den vergangenen Jahren hunderttausende Mitarbeiter entlassen haben. Die Steuersenkungen für Reiche hatten zwar eine Wirkung, aber nur eine kleine. Schauen Sie sich mal die Daten an: Billig-Discounter in den USA wie Wal Mart verzeichneten im Dezember ein Umsatzwachstum von vier Prozent. Luxusgüter-Läden wie Tiffany s dagegen verkauften 16 Prozent mehr.Vier Prozent Umsatzplus - davon kann der deutsche Handel nur träumen.Sicher. Die Frage ist aber: Wie viel kostet uns dieser kleine Aufschwung? Damit komme ich zum US-Budgetdefizit. Unter anderem wegen der Steuersenkungen ist der amerikanische Staatshaushalt mit über 500 Milliarden Dollar ins Minus gerutscht. Das ist gigantisch - und ein Dauerproblem. Überall werden Ausgaben gekürzt, für Forschung, Bildung, Infrastruktur und Soziales. Nur das Militär bekommt immer mehr Geld. Dazu kommt das Milliarden-Defizit im Außenhandel und die hohe Verschuldung der Privathaushalte. Der Aufschwung basiert zum Großteil auf Pump. Aber wo ist das Problem, solange die USA Geldgeber finden, die die Defizite finanzieren?Wie lange wird die Welt dazu noch bereit sein, den USA jeden Tag mehr als eine Milliarde Dollar zu leihen? Vielleicht zwei Jahre, vielleicht nur ein Jahr. Irgendwann werden sich die internationalen Investoren sagen: Wir haben den USA zu viel Geld geborgt, wir haben einfach zu viele amerikanische Schuldscheine in unseren Tresoren. Und dann droht der Ausverkauf: Der Dollar fällt, die Zinsen steigen. Und das wird ein Problem für die ganze Welt. Denn die Weltwirtschaft hängt heute an den Vereinigten Staaten.Welche Rolle spielt der Irak-Krieg für die US-Wirtschaft? Wohl die meisten Menschen in Europa hegen den Verdacht, der Krieg sei aus ökonomischen Gründen geführt worden. Was sagt der Ökonom dazu?Gründe für den Krieg waren eher politische. Er war und ist eine Demonstration: Amerika hat die militärische Macht und ist bereit, sie gegen jeden erfolgreich einzusetzen, der Amerika schadet oder bedroht. Widerstand zwecklos. Aber US-Firmen verdienen am Krieg.Das stimmt schon. Rein ökonomisch ist Krieg langfristig aber immer schädlich für die Wirtschaft. Am Wiederaufbau kann kaum verdient werden, der Irak ist zu arm. Erst wurde er mit Milliardenkosten zerstört, jetzt muss er mit Milliardenkosten wieder aufgebaut werden. Das ist kein Geschäft. Zudem belastet der Krieg massiv den Staatshaushalt. Geld, das wir ökonomisch sinnvoll in Infrastruktur oder Forschung ausgeben könnten, wird zur Zerstörung von Material und Anlagesphären verschwendet.Aber aus der militärischen Forschung finden doch viele Produkte ihren Weg auf den Markt, wie zum Beispiel Satellitentechnik oder das Internet?Sehr wenige. Das ist ein extrem ineffizienter Weg zur Produktforschung. Man gibt 100 Milliarden Dollar aus und bekommt die eine oder andere Innovation. Von daher wäre es immer lohnender, das Geld gleich für zivile Forschung auszugeben. Was ist mit den Ölreserven des Irak?Ich denke, die Bush-Regierung hat zwar keine klare Vorstellung von ihrem ökonomischen Konzept. Unter ihren vagen Ideen jedoch spielt die Energiefrage eine Rolle. Wesentlich ökonomischer und ökologischer als ein Irak-Krieg wäre es jedoch gewesen, das Geld in Energieeinsparungen zu investieren. Aber so etwas verfolgt eine Regierung nicht, die so eng an die Öl-Industrie gebunden ist wie die Bush-Regierung.Zumindest in der Ölfrage war sie doch erfolgreich. Das Öl gehört jetzt de facto Amerika, und der Nahe Osten ist mehr oder weniger unterworfen.Aber zu welchem Preis? Die Iraker hassen uns. Selbst eine demokratische Regierung in Bagdad wird wahrscheinlich nicht dieselben Interessen haben wie Washington. Die USA müssten daher Irak dauerhaft okkupieren. Das ist teuer, und die Iraker hassen uns noch mehr. Amerikas Einfluss schwindet oder ist nur mit Waffengewalt aufrecht zu erhalten. Die ganze Welt ist gegen Amerika aufgebracht. Der Nahe Osten brodelt. So sichert man gar nichts. Nicht mal die Interessen der Öl-Industrie. Man kann ja nicht hinter jeden Politiker oder hinter jede Ölquelle einen US-Soldaten stellen.Hat die Bush-Regierung also etwas anderes vorgehabt oder hat sie sich geirrt?Man darf bei der Analyse ihrer Politik nicht versuchen, logisch zu denken. Das ist der Schlüssel, um Bushs Politik zu verstehen. Statt eines kohärenten Konzepts hatte sie einfach eine Serie von Mini-Gedanken in der Reihenfolge: Öl - Nahost - Macht - Eroberung.Nun versucht die US-Regierung, die Iraker auf ihre Seite zu ziehen, indem sie einen wirtschaftlichen Wiederaufbau verspricht. Als Chef-Volkswirt der Weltbank haben Sie viele nationale Aufbaupläne mitverfolgt. Findet im Irak so etwas wie ein Erfolg versprechender Wiederaufbau statt?Nein. Die Arbeitslosigkeit ist riesig. Mehr als die Hälfte der Iraker hat keinen Job. Das Sicherheitsproblem ist ungelöst, die Investoren schrecken zurück vor einem Land, in dem auf ihre Angestellten geschossen wird. Die einzige Boom-Branche ist die für Sicherheitspersonal. Und hier heuern Firmen ausländische Mitarbeiter an, weil sie Angst vor der einheimischen Bevölkerung haben.Aber es gibt doch ein offizielles Programm zum Aufbau einer so genannten irakischen Marktwirtschaft. Sollte dieses Programm durchgeführt werden, führt es den Irak ins Desaster. Geplant ist eine extreme Form der Schock-Therapie, die schon Russland ruiniert hat: Abbau aller Handelsschranken, Privatisierung, Deregulierung, Liberalisierung aller Sektoren - außer Öl natürlich. Was wird passieren? Irakische Firmen werden in der Flut von Importgütern untergehen. Die Privatisierung wird zur Übernahme der irakischen Unternehmen durch ausländische führen. Und die werden ihre Produktion zum guten Teil wohl auslagern. Die einzige Hoffnung bleibt die Inkompetenz der US-Regierung, die dieses Programm nicht durchziehen wird.Aber immerhin versucht Amerika ja, die Schuldenlast des Irak zu reduzieren.Aber die Welt fragt sich doch: Warum werden Äthiopien nicht die Schulden erlassen? Oder Kongo? Die Antwort Amerikas: Weil wir den Irak ruiniert haben, und jetzt sollen andere dafür zahlen. Die USA, das reichste Land der Welt, steht da und sagt: Wir können alles zusammenbomben, aber den Aufbau sollen andere zahlen. Diese Politik der Dominanz hat Bush nicht erfunden, aber radikalisiert. Nach allem, was ich höre und lese, scheint mir klar: Amerika hat es in beeindruckender Weise geschafft, sich die Iraker, den Nahen Osten, die Welt zu Feinden zu machen.Wird Bush wieder gewählt?Möglich. Es gibt aber drei Quellen der Unsicherheit: Das Wirtschaftswachstum ist nicht schwach genug, um Bush zu schaden, und gleichzeitig nicht stark genug, um seinen Sieg zu garantieren. Es droht ein Aufschwung ohne zusätzliche Jobs. Und wenn nur die Reichen immer reicher werden, sieht das nicht gut aus. Zweitens Irak. Das ist weder eine Niederlage noch ein richtiger Sieg. Im Irak werden täglich Amerikaner getötet, der Wiederaufbau geht schleppend voran, und das Versagen der Geheimdienste im Vorfeld wird heftig kritisiert. Die einzige Frage ist: Waren die Geheimdienste inkompetent oder haben sie gelogen? Wahrscheinlich beides. Die Glaubwürdigkeit Amerikas ist jedenfalls dahin. Und drittens: Die Wahlbeteiligung in den USA ist sehr niedrig. Wenn sich nur ein paar Wähler gegen Bush mobilisieren lassen, dann wird es eng für ihn.Das Gespräch führte Stephan Kaufmann.Zur Person // JOSEPH EUGENE STIGLITZ ist einer der renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler weltweit. Geboren 1943, studierte er Wirtschaftswissenschaft am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und promovierte 1967. Es folgten Professuren an der Yale University, in Stanford, Oxford und an der Princeton University.ZUNÄCHST beschäftigte sich er sich mit den Auswirkungen ungleich verteilter Information an Märkten. Er zeigte, dass asymmetrische Informationsverteilung keine Ausnahme ist, sondern Regel und widerlegte damit das geltende Dogma effizienter Märkte, auf denen alle Teilnehmer über das gleiche Wissen verfügen.FÜR SEINE FORSCHUNGEN erhielt er 2001 den Nobelpreis, sie wurden zur Grundlage der neuen wissenschaftlichen Disziplin "Informationsökonomie".AB 1993 war Stiglitz Mitglied, von 1995 bis 1997 Vorsitzender des Wirtschaftsrats von US-Präsident Bill Clinton und ging dann als Chefökonom zur Weltbank, die sich um die Finanzierung von Entwicklungsprojekten in der Dritten Welt kümmert. Er kritisierte die Politik des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der US-Regierung: Das damals geltende Entwicklungs-Dogma von freien Märkten, von Deregulierung und Liberalisierung habe die Krisen in Russland und Südostasien nicht bekämpft, sondern verschärft. Damit hatte er das ungeschriebene Gesetz gebrochen, dass die Weltbank IWF und amerikanische Regierung nicht öffentlich kritisieren darf.AUF DRUCK DER USA trat Stiglitz Ende 1999 zurück und lehrt wieder an der Columbia Business School in New York.NACH "Die Schatten der Globalisierung" ist nun sein neues Buch auf Deutsch erschienen: "The Roaring Nineties. Der entzauberte Boom".Foto (2)