Unsere langjährigen Abonnenten erinnern sich an ihn als herausra-genden Autor dieser Zeitung, der Karl-Heinz Gerstner von 1948 bis 1990 gewesen ist. Seine "Sonntägliche Wirtschaftsbetrachtung" im Radio endete mit der berühmten Formel "Sachlich, kritisch, optimistisch wie immer". Die Sendung erreichte traumhafte Einschaltquoten und machte den Kommentator, der später noch die Fernsehsendung "Prisma" moderierte, bald zum freigewählten Medienliebling-Ost. Gerstners Taktik bestand nach eigenen Worten darin, hier und da Missstände einzuräumen, um dadurch seinen Optimismus verdaulicher zu machen. Seine Themen galten zum erheblichen Teil dem alltäglichen, vorparadiesischen Jammertal: den Warteschlangen vor den Kaufhallen-Kassen ("blindtippen!") oder dem Fehlen von Taxis ("auch nebenberuflich!"), den vielen Schließtagen der wenigen Gaststätten ("unbefriedigend!"), dem mäßigen Schick der VEB-Goldpunkt-Schuhe ("bedarfsgerechtere Produktion!") oder den in ungenügender Zahl gelieferten Zusatzgeräten für den Handrührmixer RG 25 ("umfangreiche Wunschliste!").Auch unter seinen Kollegen der "Berliner Zeitung", zumal den Kolleginnen, hat Gerstner einen angenehmen Eindruck hinterlassen: Als fast exotisches Überbleibsel jener Elite, die noch wusste, wie ein Handkuss geht, wie und wann der Hut zum Gruß zu heben ist, als Kavalier, der trotz seines Alters, und einer Gehbehinderung jeder Dame die Türe aufhielt. Er zeigte sich interessiert, offen und galant.Im Jahr 1945 wurde Gerstner vorübergehend stellvertretender Bezirksbürgermeister von Berlin-Wilmersdorf und dann nach einer kurzen, jedoch lebensbedrohlichen Internierung durch den NKWD Wirtschaftsredakteur der neu gegründeten "Berliner Zeitung". Aber der von ihm immer wieder beantragte Eintritt in die SED gelang erst 1959 nach vielen Bewährungsjahren.Seine journalistischen Erfahrungen hatte der promovierte Jurist 1940 als Mitarbeiter der Abteilung Rundfunkpropaganda des Auswärtigen Amts gesammelt, den wirtschaftlichen Sachverstand 1937/39 als Assessor bei der Deutschen Handelskammer in Paris, dann von 1941 bis 1944 als faktischer Leiter der Wirtschaftsabteilung an der Deutschen Botschaft im besetzten Paris. Seine Vorgesetzten dort zeigten sich mit dem "tüchtigen" jungen Mann hoch zufrieden, beurteilten ihn als den "weitaus fähigsten" unter den Nachwuchskräften der Botschaft. Sie schätzten Gerstners gute "persönliche Verbindungen zu den maßgebenden französischen Wirtschafts- und politischen Kreisen" und die Zuverlässigkeit seiner Berichterstattung. Schon nach wenigen Monaten gelang es Gerstner, seinen in jeder Weise laschen Abteilungschef Hans Kuntze "praktisch zu ersetzen".Im letzten Kriegsjahr arbeitete Gerstner im "Sonderreferat für Nachrichtenbeschaffung" des Auswärtigen Amts. Spätestens hier erhielt eine seiner weniger bekannten Qualifikationen ihren vorletzten Schliff: Das diskrete geheimdienstliche Auftreten, die Herstellung einer vertrauensvollen Atmosphäre zum alleinigen Zweck, das Gehörte rasch und gründlich an Dritte zu rapportieren. Nach den in den Archiven der Gauck-Behörde noch erhaltenen Spitzelberichten es sind mehr als 2500 Blatt verdingte sich Gerstner spätestens seit 1975 als IMB, Informeller Mitarbeiter mit Feindberührung, und bezog dafür zuletzt ein monatliches Zusatzgehalt von 2000 Mark.Im vergangenen Herbst legte er seine Memoiren vor ("Sachlich, kritisch, optimistisch. Sonntägliche Lebensbetrachtung", Berlin, edition-ost, 448 Seiten, 39,80 Mark). Darin stellt sich der langjährige Spitzel als Opfer der Stasi dar. Aber "IMB-Ritter", als der Gerstner im Anklang an seinen biologischen Vater den Diplomaten und Ribbentrop-Vertrauten Karl Ritter geführt wurde, berichtete was das Zeug hielt. Hundertfach diktierte er seine Protokolle für das Mielke-Ministerium auf Tonband gleichgültig ob es sich um die Gespräche auf seinen vorgeblich privaten "Rhododendron"-Festen in Kleinmachnow handelte, um auf Diplomaten-Empfängen Gehörtes und Erfragtes, um interne Probleme der "Berliner Zeitung" oder um die regelmäßigen, vertrauensseligen Unterhaltungen mit Günter Gaus. Dem zum Trotz schmückt Gerstner in seinen Erinnerungen aus, wie er frühmorgens und nicht ganz nüchtern von zwei MfSlern festgenommen, über den "Polizeistaat DDR" geschimpft und anschließend von Hermann Axen "herausgehauen" worden sei.Kurz und sinnfällig lässt sich die höchst intensive Stasi-Tätigkeit am Fall von Manfred Krug zeigen. Laut Gerstner besuchte er den zur Ausreise entschlossenen Krug im April 1977 auf Wunsch seiner Frau, um den "in Bedrängnis Geratenen zu fragen, ob man irgendwie helfen könne". Der Besuch verlief negativ: "Die Kleingeister hatten ihm zu sehr zugesetzt, da war nichts mehr zu machen. " Krug berichtet in seinen Erinnerungen ("Abgehauen") über dieselbe Geschichte: "Abends ruft mich Genosse Gerstner an. Seit Jahren fehlt er auf keiner Diplomatenfete, er ist dabei, wenn gedinnert, gejahrestagt und eingeweiht wird, er fehlt nicht beim Kostümfest und nicht beim Maskenball. " Daher glaubten alle, er sei ein Stasi-Spitzel und "kein echter Lebenskünstler". Auf die Vorhaltungen Krugs reagierte Gerstner mit gespielter Empörung. Tatsächlich berichtete er dem MfS anschließend umfassend, teilte mit, dass Krug ein Tagebuch führe, ihn zwar für einen Stasi-Agenten gehalten habe, es ihm jedoch gelungen sei, eine vertrauensvolle Situation herbeizuführen.Ähnlich verlogen schreibt Gerstner in seinem Buch über die Jahre 1933 bis 1945. Seinen Eintritt in die NSDAP am 1. Mai 1933 will er nur aus "Hass gegen Hitler" vollzogen haben, "um etwas gegen die Nazis" zu tun. In den zeitgenössischen Dokumenten des Auswärtigen Amts liest sich das anders. Zum Beispiel meldete Gerstner 1942 seinem Chef: "Eine sehr erfreuliche Erscheinung ist der junge rumänische Wirtschaftsjournalist Matresco, der von den nationalsozialistischen Wirtschaftsauffassungen und der deutschen Mission in Europa überzeugt ist. Im Übrigen ziehen wir Matresco näher an die Botschaft heran. " Im Spätsommer 1944, als Frankreich schon halb befreit war, regte Gerstner an: "Die Widerstandsbewegung ist gegen die alten politischen Routiniers aufzuhetzen. Die radikalen wirtschaftlichen und politischen Erwartungen der Widerstandsbewegung sind gegen die von den Engländern und Amerikanern unterstützte kapitalistische Reaktion auszuspielen und umgekehrt. " Nach 1945 behauptete Gerstner stets, er habe in Paris aktiv mit der Résistance zusammengearbeitet und kein Risiko gescheut, der deutschen Besatzungsherrschaft zu schaden. Tatsächlich aber schob er nur anderen in die Schuhe, was er selbst getan hatte. So mokiert er sich in seiner Lebensbetrachtung über die enge Zusammenarbeit deutscher und französischer Ge-neraldirektoren während der Okkupation und wirft den "emsigen Geschäftemachern" aus Paris vor, sie hätten während ihrer profitablen Reisen nach Deutschland völlig übersehen, dass dort "hinter Stacheldraht eine Million ihrer kriegsgefangenen Landsleute schmachteten". Gerstner weiß, wovon er spricht: Schließlich gehörte die Organisation des "französischen Arbeitereinsatzes" zu seinen Aufgaben. Zusammen mit Abgesandten der französischen Industrie hielt er 1942 Propagandareden vor französischen Kriegsgefangenen, beispielsweise in den Lagern Elstahorst und Lübben.Ebenso wenig widerstandsfreundlich hatte sich der "Autokenner" (Gerstner über Gerstner) am 27. November 1941 in Paris um 14 Uhr verhalten: Auf einem markierten Fußgängerübergang herrschte lebhafter Passantenverkehr. Gerstner hielt mit seinem Dienstwagen angeblich vorschriftsmäßig an, um, "als die Fußgänger nicht zur Seite gingen, mehrmals zu hupen". Weiter heißt es in dem Bericht: "Ein Franzose, der sich hierüber offenbar ärgerte, trat daraufhin mit seinem Stiefel heftig an den Kühlerschutz des haltenden Wagens" und versuchte dann, in der Menge zu verschwinden. Aber Gerstner setzte ihm nach, nahm ihn fest und ließ den "Täter" (Herrn Aubrie, Carte d Identité No 129 6219, Serie B) durch die Deutsche Botschaft dem Wehrmachtskommandanten von Groß-Paris melden, mit der "Bitte um entsprechende Veranlassung" zwecks Ahndung dieser "eindeutig deutsch-feindlichen Kundgebung". (In Gerstners Memoiren lesen wir ergänzend: "Ich halte das Auto für das wichtigste und schönste Konsumgut des 20. Jahrhunderts. ") So werden sich damals viele Mitarbeiter der deutschen Besatzungsverwaltung aufgeführt haben. Am Verhalten dieses Deutschen überrascht nur seine schamlose Verlogenheit. "In Zeiten anhaltender Entwertung gelebter Orientierungen und Ideale scheint es mir nicht vergeblich, unwiederbringliche Erfahrungen festzuhalten", mit solchem Schwulst begründet Gerstner die Notwendigkeit seiner Autobiografie. Dahinter aber zeigt sich der schwärmerisch-jugendbewegte Deutsche des Jahrgangs 1912, der sich im jeweiligen politischen System zur Avantgarde rechnete und seinen Hang zur Weltbeglückung stets mit persönlicher Vorteilsnahme zu verbinden wusste. Im hohen Ton des unentwegten Fortschritts stellt sich einer dar, der das Stadium politisch-draufgängerischer Unerwachsenheit niemals überwunden hat. Ein paar Zehntausend weniger Idealisten vom Schlage des Karl-Heinz Gerstner, und das 20. Jahrhundert wäre besser verlaufen.Ein Mann von Welt am Alexanderplatz: Karl-Heinz Gerstner mit dem "schönsten Konsumgut des 20. Jahrhunderts", 1969.Gerstner sieht sich als Idealist. Ein paar Zehntausend weniger davon und das 20. Jahrhundert wäre besser verlaufen.