CHRISTCHURCH. Wenn in Deutschland der Herbst beginnt, erwacht am anderen Ende der Welt der Frühling. Für die Meteorologen am 1. September, für die Astronomen am 23. September. Nur in Christchurch ist es ein bisschen anders. Die größte Stadt auf der Südinsel Neuseelands begrüßt den Frühling, wenn die ersten Pfuhlschnepfen nach ihren Rekordflügen aus der Arktis kommend im seichten Mündungsgebiet der beiden Flüsse Heathcote und Avon landen.Sobald - wie in dieser Woche - die ersten der 40 Zentimeter großen Zugvögel am Strand gesichtet werden, läuten die Glocken der Kathedrale am nächsten Tag um 12 Uhr Mittag Sturm. Eine Liebeserklärung an die prächtigen Watvögel, die es vor einigen Tagen dank eines Rekordfliegers namens E7 weltweit in die Medien geschafft haben. Das mit einem winzigen Sender ausgestattete Weibchen war aus seinem Brutgebiet in Alaska 11 500 Kilometer nonstop in sein Winterquartier im Land der flugunfähigen Kiwis gesegelt. Damit gelang erstmals der gesicherte Nachweis, dass Pfuhlschnepfen - lateinisch: Limosa lapponica - zu solch einer Mammutleistung fähig sind.Während E7 am Firth of Thames, einem Meeresarm auf der neuseeländischen Nordinsel, an Land ging, war die Reise für einige andere Pfuhlschnepfen dort noch längst nicht zu Ende. Sie flogen - mit einer Geschwindigkeit von 50 bis 60 Stundenkilometern - mehr als 1 000 Kilometer weiter nach Süden. Insgesamt werden im Lauf der nächsten Wochen rund 110 000 dieser Vögel an den Küsten und auf den Sandbänken der Südinsel völlig ausgehungert eintreffen. Bis Anfang Dezember dauert diese Phase, denn junge Tiere wählen meist eine 3 500 Kilometer längere Route über Ostasien und Australien.Es wird einige Tage dauern, bis sich die Pfuhlschnepfen von den Strapazen ihrer Nonstop-Flüge erholt haben werden. Rund ein halbes Jahr verbringen sie auf der Süd-Halbkugel der Erde und pulen bei Ebbe mit ihren rund zehn Zentimeter langen Schnäbeln Spritzwürmer und Krabben aus dem Sand. Durch unermüdliches Fressen verdoppeln sie ihr Gewicht. Nur so stehen sie den wesentlich längeren und von Zwischenlandungen unterbrochenen Rückflug über das Gelbe Meer, Japan und die Kamtschatka durch. Jeder sieht, wann die Rückreise in die arktische Zone bevorsteht, denn dann färbt sich das Prachtgefieder der Männchen mit leuchtendem Rostrot.So, wie die Pfuhlschnepfen mit Glockenläuten begrüßt werden, so liebevoll werden sie in Christchurch jeden Herbst verabschiedet. Während die Tiere gierig die letzten Weichtiere verschlingen, pilgern ganze Scharen von Vogelfreunden an den Strand, und ein Maori-Priester segnet die Pfuhlschnepfen vor der langen Reise.------------------------------Foto: Pfuhlschnepfen bewältigen lange Nonstop-Flüge mit Eleganz.