Nach mehr als 35 Jahren kann einer der infamsten Anschläge, der aus den frühen Milieus bewaffneter Untergrundgruppen heraus begangen worden ist, in den Grundzügen als aufgeklärt gelten: das fehlgeschlagene Attentat auf das Jüdische Gemeindehaus in der Fasanenstraße in West-Berlin am 9. November 1969. Aber das Licht, das endlich in dieses trübe Kapitel gebracht worden ist, lässt eine andere Seite umso deutlicher hervortreten. Da war noch jemand am Werk .Der Reihe nach: Wolfgang Kraushaar hat in seinem neuesten Buch "Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus" den Bombenleger selbst, den Ex-Kommunarden und Studenten Albert Fichter, ausfindig gemacht und zu einer Art Lebensbeichte veranlasst. Er hat darüber hinaus Zeugenaussagen von Beteiligten ebenso ausgewertet wie die im Hamburger Institut für Sozialforschung deponierten Akten des "Sozialistischen Anwaltskollektivs" (zu dem neben Christian Ströbele der spätere RAF-Aktivist und heutige Neonazi Horst Mahler gehörte) sowie einige Stasi-Akten. Er konnte so die genauen Umstände und das Umfeld dieser Tat rekonstruieren.Sie war die erste in einer Serie potenziell mörderischer Anschläge (gegen das KaDeWe, den Berliner Juristenball und Einzelpersonen), die im Winter 1969/70 auf das Konto einer kurzlebigen Gruppe namens "Tupamaros Westberlin (TW)" gingen. Ihr Initiator und Kopf war der Kommunarde Dieter Kunzelmann. Er war mit Georg von Rauch, Ina Siepmann, Lena Conradt "und noch jemandem", wie er 1998 in seinen Memoiren schrieb - eben dem sorgsam herausretuschierten Attentäter Albert Fichter - im Sommer 1969 nach Palästina gefahren, um sich im Guerillakampf schulen zu lassen. Spätestens auf der Rückfahrt entstand der Plan, eine erste, klandestine Stadtguerilla in West-Berlin zu bilden.Kraushaars Recherchen präzisieren das Bild, das ich in meinen Darstellungen des "roten Jahrzehnts" und der "Urszenen des deutschen Terrorismus" gezeichnet habe. Die West-Berliner Kommunardenszene mit ihren gewaltsamen Selbstexperimenten unter der Losung "High sein, frei sein, Terror muss dabei sein" spielte eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung des Terrorismus der Siebziger. Und die fast symbiotische Beziehung, die sich ab 1969 zwischen den extremsten Fraktionen der PLO und den deutschen terroristischen Gruppen herstellte, prägte von Beginn an diese lange blutige Geschichte, die zu Unrecht auf die der RAF verkürzt wird."Dem Terror ein Ende setzen"Kraushaar hält den Blick auf den Oberprovokateur und Gottseibeiuns Kunzelmann fixiert. Aus dessen umnebelten Tiraden und den Erklärungen der Gruppe auf einen "primären Judenhass" zu schließen, der "die ungebrochene Wirksamkeit eines antisemitischen Latenzzusammenhanges" bis tief in die Neue Linke demonstriere, erscheint mir fraglich, auch angesichts der Befunde des Buches. Dass Kunzelmann nach dem Attentat auf die "Saujuden" geschimpft haben soll, hat nur der Attentäter selbst berichtet, der ihn darauf einen Antisemiten genannt haben will - und prompt mit der Pistole bedroht worden sei. Das war der Beginn einer lebenslangen Flucht des Albert Fichter, auch vor den eigenen Genossen.Man verfehlt aber den ganz eigenen, mörderischen Drive dieses linken Antizionismus, wenn man ihn in die altvertraute Figur eines reinen Judenhasses auflöst. Er war Teil eines latent totalitären Weltbildes, in dem es von "Schweinen" jeder Art - Kapitalistenschweinen, Nazischweinen, Amischweinen, Zionistenschweinen - wimmelte. Der Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus sollte als ultimative Provokation auch der eigenen Szene dienen, um deren angeblichen (philosemitischen) "Judenkomplex" und "hilflosen Antifaschismus" zu überwinden. So das erklärte Kalkül der Initiatoren des Anschlags.Aber dann war da eben "noch jemand" am Werk, der offenbar ein eigenes Kalkül verfolgte. Die Bombe war, wie man lange vermutete und Kraushaar nun mit Zeugen und Dokumenten belegt, das Fabrikat eines Agent provocateur des Berliner Verfassungsschutzes, des sattsam bekannten Manns mit dem Hütchen, Peter Urbach. Nach den Gutachten der Sprengstoffexperten der Berliner Polizei, die ein Duplikat zur Explosion brachten, hätte die von Urbach gelieferte Bombe "das Haus zerfetzt" und unter den 250 Teilnehmern der Gedenkfeier zur "Kristallnacht" viele Opfer fordern können.Wer in den Staatsschutzbehörden hatte sich bei dieser Strategie einer "Provozierung der Provokateure" um Himmels willen was gedacht? Und wie wirkt angesichts dieses Faktums jenes Foto, das den Dienstherrn aller dieser Operationen, den sozialdemokratischen Innensenator Kurt Neubauer, mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, bei der Pressekonferenz am 10. November 1969 zeigt? Gemeinsam forderten sie damals, dass "diesem Terror ein Ende gesetzt" werden müsse.Die Bombe vom 9. November markierte keineswegs das Ende, sondern den Anfang eines Terrors, der genau mit dieser "Urszene" einsetzte. Es war eine Entwicklung mit langer Ansage, eine Inkubationszeit, in der besagter Agent provocateur über drei Jahre eine treibende Rolle spielte. Irgendwann im Frühjahr 1967 war er bei den Pyromanen der Kommune 1 aufgetaucht. Seit dem "Puddingattentat" auf den US- Vizepräsidenten Humphrey und ihren "Burn Warehouse Burn"-Flugblättern experimentierten diese als die buchstäblichen Idioten der Medien hektisch herum, um für ihre Provokationen immer neue Rauch- und Brandsätze zu produzieren, die - April, April! - doch keine richtigen Sprengkörper waren. Der gelernte Klempnermeister Urbach zeigte den Dilettanten, wie man raffiniertere Brandsätze mit Zeitzündern herstellte, und anderes mehr.Einer der Zauberlehrlinge dieser "verdeckten Operation" des Berliner Verfassungsschutzes, der bald in eigener Regie zu handeln begann, war der in der K 1 herumhängende junge Andreas Baader mit seiner Gefährtin Gudrun Ensslin. Von der "symbolischen Sprengung" der Gedächtniskirche im August 1967 und einem von Baader und Astrid Proll gelegten Brandsatz im Amerikahaus im Oktober führte ein direkter Weg zur Frankfurter Kaufhausbrandstiftung im April 1968.Tage später, nach dem Dutschke-Attentat, finden wir Urbach bei den Oster-Unruhen vor dem Springer-Hochhaus, wie er vorgefertigte Brandsätze austeilt und den zögernden Demonstranten beibringt, wie man Kleinlastwagen kippt, so dass das Benzin ausläuft. Wir finden ihn Wochen später, wie er den Machern des INFI, des designierten "Che-Guevara-Instituts", fünfzig Pistolen aus angeblich abgezweigten Polizeibeständen anbietet, da die Revolution doch bewaffnet sein müsse. Wir finden ihn im Januar 1969, wie er ein Dutzend Sprengsätze mit Zeitzündern im Republikanischen Klub anschleppt und teilweise auch in der Kommunardenszene unterbringt. Sprengsätze dieser Serie wurden kurz darauf an der Route des neugewählten US-Präsidenten Nixon gefunden - und prompt wenig später bei Durchsuchungen in den belieferten Kommunen.Im Prozess, der sich an diese Sprengstoff-Funde anschloss, ließ sich der in seinem Macht- und Drogenrausch schon halb unzurechnungsfähige Kunzelmann zu der Drohung verleiten, gegen den Terror der Justiz helfe nur noch härtester Gegen-Terror. Dieser Gedanke begann ihn zu beherrschen, wie andere auch, vor allem den mit eigenen Anklagen überzogenen APO-Anwalt Horst Mahler, eine weitere Schlüsselfigur bei der Entstehung einer Stadtguerilla. Urbach war (laut Berichten an sein Amt, die in späteren Prozessen zitiert wurden) mehrfach 1969/70 mit Mahler und anderen auf Waffenbeschaffungstournee in Italien und in Belgien.Nach der Rückkehr der Palästina-Fahrer Anfang November 1969 übergab er Kunzelmann dann - offenbar aus seinen alten Beständen - die Bombe für den Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus, mit dem dieser Albert Fichter beauftragte. Der Draht zwischen Wecker und Zünder war korrodiert, was der Attentäter auch bemerkt haben will. Das ist möglich und spräche für ihn. Aber womit hatten Urbach und seine Auftraggeber zu rechnen? Den Umgang mit Zeitzündern hatten die angehenden Stadtguerillas nach Fichters Bericht bei den Palästinensern gelernt. Als Sprengstoffexperte der Gruppe hätte er die Bombe ohne weiteres scharf machen können. Umso größer war die Enttäuschung bei Kunzelmann und der Kerngruppe, als die Bombe nicht zündete. Sie trösteten sich mit dem Entsetzen, das allein ihre Entdeckung am Tag darauf auslöste.Ein Agent außer KontrolleDoch nicht einmal mit dem potenziell tödlichen Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus endete die Karriere des Undercover-Agenten. Als die abgetauchten Andreas Baader und Gudrun Ensslin im März 1970 aus Italien zurückkamen, trafen sie bei Mahler als einen der ersten ihrer alten Bekannten Peter Urbach - der auf die Frage, ob er ihnen Waffen beschaffen könne, sofort sagte: Na klar! Nach einer komödienreifen nächtlichen Grabungsaktion auf einem Friedhof wurde Baader festgenommen, nur um einen Monat später bei einer Haftausführung durch ein von Gudrun Ensslin organisiertes Amazonenkommando mit männlichem Feuerschutz befreit zu werden. Mit einem lebensgefährlich angeschossenen Bibliothekar begann die Blutspur, die sich bis in die frühen Neunziger erstreckte.Die Rolle des Verfassungsschutzagenten Peter Urbach in dieser Ge-schichte - die in Wirklichkeit die seiner Führungsoffiziere und Vorgesetzten ist - mag oft überzeichnet worden sein. Die von ihm gelieferten Bomben haben in der Regel nicht funktioniert. Die in der Szene bald umlaufenden Waffen sollen nicht von ihm gestammt haben. Aber weiß man das genau, und ist das, was man weiß, nicht vielleicht nur ein Ausschnitt? Und wer konnte garantieren, dass seine Sprengsätze nicht scharf gemacht würden? Urbach war offenbar jemand mit einer typischen Doppel-Psychologie, der sich seinen Szene-Freunden gefällig zeigen wollte. Es ist möglich, dass er streckenweise auf eigene Faust agierte, vielleicht auch mit eigenen kriminellen Energien. Aber dann war dieser Einflussagent seinen Auftraggebern doch wohl längst aus dem Ruder gelaufen, und sie hätten ihn - spätestens nach dem Anschlag gegen das Jüdische Gemeindehaus - dringend aus dem Verkehr ziehen müssen. Nichts davon geschah.Noch schlimmer: Urbach ist in seiner Rolle als V-Mann des Verfassungsschutzes auf persönliche Initiative des Innensenators Neubauer als Zeuge im ersten Prozess gegen Mahler 1972 aufgetreten, konnte aber zur Überführung nichts Substanzielles beitragen, weil er sonst sich und seine Auftraggeber hätte belasten müssen. Mahler wurde freigesprochen und erst später wegen anderer Delikte verurteilt. Nicht viel besser war das Resultat im Prozess gegen Kunzelmann, der wegen keines seiner kriminellen Anschläge verurteilt und wegen der Bombe im Jüdischen Gemeindehaus nicht einmal angeklagt werden konnte, weil sonst der Lieferant hätte in Erscheinung treten müssen.Zahlen wir Schweigegeld?Nach diesem Debakel haben die zuständigen Dienstherren ihren Agenten nach Nord- oder Südamerika ausgeflogen und ihm eine neue Existenz unter anderem Namen ermöglicht. Eine Bitte um Kontakt mit Urbach, die der Ex-Kommunarde Rainer Langhans viele Jahre später wegen eines Filmprojekts an das Amt für Verfassungsschutz richtete, führte prompt zu einem Anruf durch den Gesuchten. Also bestand die Verbindung zum "Amt" nach wie vor. Er könne nicht sprechen, sagte Urbach seinem alten Kumpel Langhans, zu dem er immer ein besonders gutes Verhältnis hatte und der ihn als unter die Studenten gefallenen Proletarier und vielfach missbrauchten Menschen porträtieren wollte. Das Ferngespräch endete mit dem bedeutungsvollen Satz: "Rainer, wenn du wüsstest!"Ja, wenn man endlich wüsste! Oder muss man davon ausgehen, dass dem Ex-Agenten Urbach über Jahre eine Art Schweigegeld aus öffentlichen Mitteln gezahlt worden ist - und vielleicht bis heute gezahlt wird -, damit er die eigentlich Verantwortlichen nicht nennt? Als 1980 auf Druck der Öffentlichkeit der ehemalige Innensenator Neubauer dem Ausschuss für öffentliche Sicherheit des Abgeordnetenhauses in vertraulicher Sitzung Auskünfte gab, verharmloste er systematisch. Es war nur von "bombenähnlichen Körpern" die Rede, die sich "vorübergehend im Besitz von Herrn Urbach befunden" hätten, ihm jedoch von "anderen Angehörigen der damaligen APO" zur Verwahrung gegeben worden seien .Man muss die jämmerliche Ausrede ehemaliger Terroristen, dass ihnen "der Staat selbst die Waffen in die Hand gedrückt" habe, zurückweisen; schließlich haben sie selbst die Bomben und Pistolen gefordert oder dankend angenommen. Aber gerade wenn man die Ausrede zurückweist, ist Aufklärung geboten, wer mit diesen Leuten auf ihrem Todestrip aus welchem polizeilichen oder politischen Kalkül welches Spiel gespielt hat. Kraushaars Recherchen haben die letzten Zweifel über die Vorgänge ausgeräumt. Was im Dunkeln liegt und umso mehr verstört, ist die andere Seite des Schweigens, das diesen vielleicht größten Skandal seiner Art in der Geschichte der alten Bundesrepublik umgibt.------------------------------9. November 1969Der Sprengsatz im Gemeindehaus Fasanenstraße zündete nicht. Seine Entdeckung löste Entsetzen aus.Wolfgang Kraushaar hat die Tat im Detail rekonstruiert: "Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus" (Hamburger Edition, 300 S., 20 Euro).Gerd Koenen ist Autor von: "Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-77" und "Vesper Ensslin Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus" (Kiepenheuer und Witsch).------------------------------Foto (3): Zünder und Wecker der Bombe, die der V-Mann Urbach stellte. Der Draht war korrodiert. War sie deshalb harmlos?Pressekonferenz am Tag danach: Innensenator Kurt Neubauer (SPD, l.) fordert mit dem Gemeindevorsitzenden Heinz Galinski ein "Ende des Terrors".V-Mann Peter Urbach (l.), hier 1967 vor Gericht mit Fritz Teufel.