Um 22.52 Uhr tauchte Peter-Michael Diestel auf. Blitzlichter flackerten, Gläser zersprangen, Kamerateams balgten sich um die beste Position, als der Vorstandschef des FC Hansa Rostock hinter einer Glastür erschien. Diestel verließ den "Bernsteinsaal" des Warnemünder Hotels "Neptun", in dem die Außerordentliche Mitgliederversammlung des Fußball-Bundesligisten getagt hatte. Er holte tief Luft, spannte die mächtige Brust - und verschwand wortlos Richtung Klo.Beim FC Hansa Rostock, dem "Leuchtturm des Ost-Fußballs" (Diestel), geraten die Dinge aus der Bahn. Dabei bemüht man sich herzhaft und gibt sich kämpferisch: Die Mannschaft stemmt sich gegen den drohenden Abstieg, und in der Führungsetage des Vereins tritt verbissen jeder gegen jeden an. "Der FC Hansa", sagt der Mediziner Horst Klinkmann, Chef des Aufsichtsrats, gleicht momentan mehr "einer Nervenklinik als einem Fußballverein". Doch Klinkmann, weltweit tätiger Nierenspezialist, hatte auch eine positive Nachricht parat. Beim Abgang aus dem "Bernsteinsaal" raunte er einem Ordner zu: "Es gab keine Schlägereien, das hat uns doch sehr gefreut." Nabel der Welt Anfang März hatten Vereinsmitglieder, Fans und Förderer in einem offenen Brief, inzwischen von 170 Personen unterschrieben, den Vorstandsvorsitzenden hart attackiert. Der Rechtsanwalt Diestel fühle sich als "Nabel der Welt", er sei zynisch, provokant und beleidigend. "Die Sucht nach Selbstdarstellung und Selbstherrlichkeit, die kaum noch zu übertreffende Arroganz, Überheblichkeit und Nichtachtung von Mitmenschen" seien seine "ständigen Wegbegleiter". Diestel nannte diese Vorwürfe Hirngespinste weniger hinterlistiger Drahtzieher.Das "Problem der Selbstdarstellung" sei etwas, "was die Medien zu verantworten haben, und nicht ich". Diese Meinung hat Diestel exklusiv, läßt man einmal seine Getreuen außer acht, die ihren Chef während der Vollversammlung mit Lobeshymnen umkränzten. Nach der Sitzung flüsterten nicht genannt sein wollende Vereinsmitglieder, Diestel habe als Druckmittel gegen diesen und jenen Akteur im Zentrum des FC Hansa belastendes Material (etwa in Form von Stasi-Akten) parat.Möglicherweise ist dies nur ein böses Gerücht. Eines von der Sorte, wie sie Diestel seit seiner Dienstzeit als letzter Innenminister der DDR (1990) ertragen muß. Diestels Egozentriertheit aber, mit der er nimmermüde kokettiert, wird auch in Rostock diskutiert. Der Mann sieht gut aus und verfügt über eine beeindruckende Formulierungsgabe. Im Mittelpunkt seiner Auftritte steht allerdings nur einer: Der "populärste Politiker Ostdeutschlands, nach Stolpe und Hildebrandt", der laut Selbstauskunft spätestens im Jahr 2020 Bundeskanzler sein wollte. Kurzum: Peter-Michael Diestel, allgegenwärtiger Medienstar, der "absolut stärkste Minister" der verflossenen DDR.Zumindest letzteres stimmt, da sich Diestel mit Vorliebe über seinen Körper definiert. Seit vielen Jahren trimmt er seine Muskeln mit Hantelübungen. So hat er es auf einen Brustumfang von 135 Zentimetern gebracht, wie er ungefragt betont. Er joggt und schwimmt regelmäßig im See, ohne Zweifel lebt er gesund. Der Sachverhalt aber, daß sich der männliche Teil der Menschheit immer noch nicht flächendeckend in muskelbepackte Akademiker wie ihn verwandelt hat, ist sein Problem. Daran ist er schon als Politiker gescheitert. Und nun als Führungskraft eines Fußball-Vereins.Weil vom Fußball fast jeder etwas zu verstehen glaubt, versagen in der Lehre vom Verein oft die Gesetze der Demoskopie. Zwar setzen die Fußball-Unternehmen viele Millionen um, doch immer noch werden die Anführer auf bierseligen Mitgliederversammlungen gewählt. Wer eine Runde spendiert oder mit Getöse erfolgreich einen Tisch ersprungen hat, wird schnell gekrönt. Wer es sich aber mit dem Volk verscherzt, muß damit rechnen, in die Wüste geschickt zu werden. Diestel kam dieser Abwahl zuvor. Er will an dem Tag zurücktreten, an dem der FC Hansa vom Deutschen Fußball-Bund eine Lizenz für die kommende Spielzeit erhält. Im Strudel Dabei war doch in Rostock schon einmal Ruhe eingekehrt und eine gewisse Ordnung. Nachdem Diestel Ende September 1994 das Präsidentenamt übernahm, hatte er mit eisernem Besen gekehrt. Manager, Schatzmeister, Marketing- und Öffentlichkeitsarbeiter mußten gehen, der hochverschuldete Verein wurde erfolgreich saniert. Als Diestel - der immer wieder versprochen hatte, im Hintergrund zu werkeln, weil er "vom Fußball nichts versteht" -, sich aber an der Person des Trainers rieb, leitete das seinen Abschied ein. Diestel konnte es nicht ertragen, daß Trainer Frank Pagelsdorf, der zugleich Sportlicher Leiter ist, populärer war als er. "Hätte sich Diestel nicht so aufgespielt, wäre er Präsident auf Lebenszeit", sagt ausgerechnet Aufsichtsratsmitglied Adalbert Skambraks, Diestels schärfster Gegner im Verein. "Vielleicht", sinniert Skambraks, "hätten wir ihm sogar ein Denkmal gebaut."So aber gilt Trainer Pagelsdorf, "König Frank I." (Diestel), mittlerweile als einzige stabile Größe im Strudel, der Hansa wieder in die Bedeutungslosigkeit zu reißen droht. Das Team, vor einem Jahr noch auf Kurs Europapokal, steht auf einem Abstiegsplatz. Stefan Beinlich, der Kapitän, wird im Sommer zu Bayer Leverkusen transferiert, Libero Andre Hofschneider wurde an 1860 München verkauft, und auch Torjäger und Publikumsliebling Jonathan Akpoborie wird wohl gehen. Vorsorglich haben sie in Rostock den Vertrag mit dem Nigerianer bis zum Jahr 2000 verlängert, was in der Branche als sicheres Indiz eines Wechsels gilt: Durch die lange Laufzeit des Kontrakts kann Rostock eine höhere Ablösesumme (bis zu zehn Millionen Mark) erzielen.Für Verwirrung sorgen beim FC Hansa vor allem die öffentlich ausgetragenen Grabenkämpfe zwischen Diestel und Adalbert Skambraks. Mal fühlt sich der schmalbrüstige Skambraks (56) von Diestel (45) körperlich bedroht, ein andermal bezeichnen sich die Herren als schwul oder bezichtigen sich des Körpergeruchs. Das ist auf zahlreichen Aktennotizen dokumentiert. Mit den Blättern, sagt Aufsichtsratschef Horst Klinkmann, könne er gut und gern "ein Buch füllen". Skambraks, Bürgermeister des 326-Seelen-Dorfs Dreetz, ist ein dem Fußballklub Hansa nahezu pathologisch verfallener Fan. Der ehemalige LPG-Vorsitzende, der heute zwei Landwirtschaftsbetriebe unterhält, fühlt sich der Mannschaft und besonders Trainer Pagelsdorf eng verbunden. Die Vereinsmitglieder nennen ihn "Ali", doch Diestel verachtet ihn. Als Skambraks den ihm formal untergeordneten Diestel am Karfreitag zu einer Aufsichtsratssitzung bestellte, sagte Diestel mit der Begründung ab, seine christliche Erziehung verbiete ihm, am Tage des Herrn dieser Arbeit nachzugehen. Dies könne Skambraks als ehemaliges Mitglied der SED-Bezirksleitung Rostock nicht wissen. Der ostpreußische Pfarrerssohn Skambraks will Diestel nun ein Schreiben seines Anwalts zugestellt haben, in dem er sich "die Lüge" verbittet. Höfliche Diagnose Eine "Tragödie mit komödiantischem Charakter" nennt Aufsichtsratschef Klinkmann den Streit. Es sind solche Begebenheiten, und einige mehr, die Klinkmann zu der Bemerkung veranlassen, Diestel hätte "ein ausgesprochen selektives Erinnerungsvermögen". Eine höfliche Diagnose, die in Rostock gern drastischer umschrieben wird.Vor zwei Wochen gab Diestel dem Deutschen Sportfernsehen ein Interview, in dem er behauptete, Horst Klinkmann sei zurückgetreten. Der Sender war über die vermeintliche Exklusivnachricht erfreut. Und Diestel wunderte sich. Also ließ er seinen Pressesprecher recherchieren, was er da schon wieder von sich gegeben hat. Schulz bestätigte das Zitat. Ungläubig telefonierte Diestel dann selber mit der Redaktion. Konfrontiert mit der Aufzeichnung, staunte der Rechtsanwalt: "Das habe ich gesagt? Das hätte ich nicht von mir gedacht."Manchmal sagt Diestel auch etwas, dessen Wiederholung ihm Rechtsinstanzen untersagen müssen. So wurde er kürzlich in einem Rostocker Stadtmagazin mit der Bemerkung zitiert, der ehemalige Hansa-Manager Gerd Kische sei eine "schädliche Person" - um später eidesstattlich erklären zu müssen, er hätte dies nicht gesagt. "Diestel nimmt es mit der Wahrheit nicht so ernst", sagt Kische und diagnostiziert "Gedächtnisschwund". Dies sei, so Kische, "selbstverständlich, bei dem Streß, den der Mann hat".Arbeit und Leben sind für Peter-Michael Diestel ein spannendes Spiel, das Spaß machen muß. Nichts haßt er mehr, als Regeln zu folgen, die er nicht bestimmen kann. Deshalb ist seine Zeit in Rostock bald vorbei, aber er ist ja nicht nur Fußballchef, sondern hauptberuflich Rechtsanwalt. Und auch in diesem Job leistet sich Diestel so manchen Scherz. Bei der Kanzleieröffnung in Güstrow war im Sommer vergangenen Jahres der DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski anwesend, von dem Diestel sagt, er sei sein Freund. Im Jahr zuvor feierte Diestel auf seinem Landgut eine Party mit dem Stargast Egon Krenz. Unter anderem wegen dieser schrillen Auftritte in der Öffentlichkeit gelangen Diestels politische Wiederbelebungsversuche bei den Christdemokraten nicht. Vor kurzem wurde er als künftiger Freidemokrat ins Spiel gebracht. Die FDP-Spitze dementierte die Meldungen sofort. +++