FRANKFURT A. M., 1. November. Das Wort Mandat stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Auftrag. Hans Ulrich Endres, Vater von drei Kindern, zwei, vier und fünf Jahre alt, hat den Auftrag übernommen, den Jurastudenten Magnus G. zu verteidigen, der am 27. September den elfjährigen Jakob von Metzler entführt und getötet hat. Für das Wort Verteidiger gibt es im Deutschen keine treffende Umschreibung. Verteidiger, das klingt für viele abstoßend, wenn es um die Tötung eines Kindes geht. Was gibt es an einem solchen Verbrechen zu verteidigen? "Wenn Sie so fragen, nichts", sagt der Anwalt. "Aber so dürfen Sie nicht fragen." Mittags beim Italiener "Le Note", zwischen Tagliatelle und Dessert. "Ich würde jeden umbringen, der meinen Söhnen etwas antut. Damit hätte ich kein Problem." Kein Problem hat er aber auch damit, einem Menschen beizustehen, der einer Familie, "das Schlimmste angetan hat, was es gibt", wie er es selber nennt. Diesen Zwiespalt muss der Anwalt aushalten. Endres sagt, "wer mit der Tötung eines elfjährigen Jungen nicht umgehen kann, darf diesen Beruf nicht ausüben". Drei Löffel Pudding später sagt er, Strafverteidiger sei für ihn der schönste Beruf, der sich denken lässt. Eine Spur Zynismus gehört scheinbar dazu, einen Beruf zu lieben, in dem einem die Ermordung eines Kindes nicht nahe gehen soll.Wir sind im Frankfurter Landgericht verabredet, wo Endres an diesem Tag zwei Prozesse zu laufen hat. Morgens einen bewaffneten Raubüberfall, nachmittags Ladendiebstahl. Nur Routine, hatte er am Telefon gesagt: "Sie werden nichts erleben." Es sind zwei von vierhundert Verfahren, die seine Kanzlei zurzeit bearbeitet, darunter fünf Mordprozesse. Zum Termin erscheint er mit fünfminütiger Verspätung, auf dem Weg vom Fahrstuhl zur Saaltür wirft er sich im Vorbeifliegen die Robe über. Seine Kleidung, dunkelblaue Levis 501, weißes Hemd, Krawatte und Jackett, verschwindet unter dem schwarzen Umhang. Endres ist knapp zwei Meter groß, er hat dichtes Haar und die Figur eines Stabhochspringers. Wenn man ihm sagt, dass man ihm seine siebenundfünfzig Jahre niemals ansehen würde, lächelt er, als wäre ihm dieses Kompliment nicht völlig neu.Sein erster Mandant heute ist Ugor Özler. Er wird beschuldigt, im vergangenen Jahr zwei Filialen des Juweliers Christ ausgeraubt zu haben. Schmuck im Werte von 2,5 Millionen wurde gestohlen, die Hälfte davon ist nie wieder aufgetaucht. Ihm drohen zwölf Jahre Gefängnis. Einen angemessen unglücklichen Eindruck hinterlässt Özler auf der Anklagebank. Im Unterschied zu Endres, der sich zu früher Stunde bereits für sein Plädoyer warm läuft. Er macht Scherze für die Galerie, obwohl nur vier Zuschauer da sind. "Die Richterin ist jung, ein bisschen unsicher, hier führe ich das Wort", sagt Endres, als die Verhandlung unterbrochen wird. Bis dahin war nur seine Stimme im Saal zu hören gewesen. "Wir müssen sehen, dass das keine zweistellige Nummer wird", sagt er, "ich weiß noch nicht genau, was ich sage, aber auf jeden Fall plädiere ich. Ich bin bekannt für meine feurigen Plädoyers." Endres spricht eine halbe Stunde frei und schlägt dann acht Jahre vor. Özler macht das auch nicht glücklicher. Beim Verlassen des Saals streift Endres die Robe wieder ab, knüllt sie in seinen Koffer und sagt: "Wir gehen. Sie folgen mir." Er hat im Gericht zu tun. Er geht mit schnellen, kurzen Schritten, treppauf, treppab, durch Seitengänge und Stahltüren. Endres ist überzeugt, dass das Gericht aus prinzipieller Boshaftigkeit labyrinthisch aufgebaut ist. "Es ist wie in Kafkas Schloss. Von allein soll hier keiner wieder hinausfinden." Läuft man ihm eine Weile hinterher, kommt einem etwas an seinem Gang irritierend vor, irgendwie staksig. Sieht man dann auf seine Füße, ist klar, woher das kommt. Anwalt Endres trägt Cowboystiefel, hellbraun und spitz. Er lässt sie in Frankfurt nähen. Fürs Erste ist er fertig im Gericht. Wir gehen. "Sie kommen mit." Zum Mittag begrüßt ihn die Belegschaft des italienischen Restaurants mit "Avvocato" und "Dottore". Avvocato wäre das richtige Wort für ihn, es hat Melodie, es klingt nach Dramatik und nicht nach Akten. Endres liebt dramatische Auftritte. Ein guter Strafverteidiger muss ein guter Schauspieler sein. Die Vorspeise kommt sofort, Signori. Es ist schon seltsam, sich bei einem guten Essen über Mord und Totschlag zu unterhalten. "Ich habe mal einen verteidigt, der hatte seine Mutter aufgehängt, den Vater erschlagen", sagt Endres. "Dann kam sein Bruder in den Saal und fing an, ihn zu beschimpfen. Du Tier, dich sollte man abstechen und vierteilen . Ich habe ihm gesagt, Ihr Bruder ist ein Mensch, er hat eine Nase im Gesicht, zwei Augen im Kopf und zwei Hände dazu. Was er gemacht hat, darüber müssen wir diskutieren. Aber er bleibt ein Mensch." Und wenn ein Mensch zum Tier wird? "Dann gibt es Gründe dafür, keiner wird als Mörder geboren", sagt Endres. "Man wird als Betrüger geboren, nicht als Mörder."Wurde auf Grund Ihres Plädoyers mal ein Mörder freigesprochen? "Ja, und nun schauen Sie mich nicht so an, ich hatte kein schlechtes Gewissen dabei. Die Tote tat mir Leid." Dieses Moralisieren kann er nicht mehr hören; er hat ihn schon so oft gehört, diesen Anruf der Gerechtigkeit. "Es gibt drei Berufe, die für eine funktionierende Demokratie wichtig sind", sagt er: "der freie Journalist, der freie Gewerkschafter und der freie Advokat." Es folgt eine kurze Belehrung über das Wesens seines Berufes. "Eines sollten Sie in ihrem Kopf behalten", sagt der Anwalt, "verteidigen hat nichts mit entschuldigen zu tun. Ich bin Fürsprecher. Ich spreche für meinen Mandanten. Ich sorge dafür, dass er einen korrekten Prozess bekommt, dass die Polizei keinen Mist macht, dass die Staatsanwaltschaft nicht zu parteiisch ist. Das alles auf einer rein formalen Ebene. Sie dürfen niemals mit dem Herzen dabei sein. Sonst würden sie verzweifeln."Nur macht das Herz nicht immer, was es soll.Magnus G. ist für Endres ein besonderer Fall. Zum ersten Mal berät er sich mit seiner Frau und einem Freund, bevor er das Mandat annimmt. "Ich hatte eine halbe Stunde Zeit", sagt er. "Ich hielt es für fair, die Sache mit meiner Frau zu bereden. Sie hat gesagt, dem Dreckschwein gehört der Kopf abgeschlagen, aber du bist Strafverteidiger, du musst wissen, was du tust."Wer hat Ihnen das Mandat angetragen? "Seine Eltern. Die Eltern haben mich am Tag seiner Verhaftung angerufen. Sie waren durch einen Freund auf mich gekommen: ,Das muss einer mit Erfahrung machen. Nehmen Sie den Endres. " Geld spielt keine Rolle. "Den Magnus verteidige ich als Pflichtverteidiger", sagt Endres, "das ist lächerlich, da bekomme ich 310 Euro am Tag. Sie müssen wissen, dass allein meine Praxis 17 000 Euro pro Monat kostet." Publicity spielt immer eine Rolle, wobei Endres Publicity nicht nötig hat. Er ist auch ohne diesen Fall einer der bekanntesten Strafverteidiger Deutschlands. Bevor er den Auftrag annimmt, will er sich ein Bild von seinem Mandanten machen. Das hält er immer so. Endres fährt ins Kommissariat 12, um Magnus G. zu sprechen. Was er dort erlebt, überrascht ihn. "Wenn er ein absoluter Dummlack gewesen wäre oder ein Brutalinski, dann hätte ich immer noch gesagt, mach deinen Kram allein. Aber so einer!" Endres sagt, er habe schon "um die fünfzig Morde gemacht"; aber ein Fall, "in dem die Tat und die Persönlichkeit des Täters so extrem auseinander fallen", sei ihm noch nicht vorgekommen. Magnus G. sei ein Mensch, "mit dem Sie selbstverständlich ein Bier trinken würden, der ist hilfreich und gut sozusagen. Und dann begeht der in Überschreitung jeglichen menschlichen Respekts ein solches Verbrechen." Endres sagt: "Diese Diskrepanz hat mich von Anfang an fasziniert." Wie kann es sein, dass ein siebenundzwanzigjähriger Student aus anständigem Haus, nicht arm, nicht einsam, nicht chancenlos, ein Kind entführt und tötet? Die Frage treibt ihn um; als Anwalt, aber auch als Mensch. So genau lässt sich das nicht immer trennen. "Hier liegt irgendetwas auf der Hand, hier ist etwas faul. Ich weiß noch nicht was, aber vielleicht können wir es im Prozess ergründen." Endres sagt, "ich schlag jetzt mal die Brücke zur Politik. Unsere Gesellschaft basiert auf einem wohlhabenden Mittelstand. Wenn der eines Tages wegbricht, da walte Egon. Wenn wir herausbekommen, dass das, was der Magnus getan hat, in dieser Generation schlummert, die keinen Rückhalt mehr in einer Philosophie hat, für die Sein und Schein das Wichtigste ist, dann ist Magnus der Beginn einer Seuche. Dann ist ein Menschenleben nichts wert, Hauptsache die Kohle stimmt. Es läuft einem wirklich kalt den Rücken runter, wenn man sieht wie spießbürgerlich seine Verhältnisse sind. Wir sind hohl in der Seele geworden. Wir sind hohl im Kopf und hohl in der Seele." In der Verhandlung, die voraussichtlich im Februar nächsten Jahres beginnt, wird sich Hans Ulrich Endres in seiner Rolle als Verteidiger damit beschäftigen, wie es zu dieser Tat gekommen ist. "Es war Habgier", sagt der Anwalt. "Aber es ging um viel mehr als um Geld. Es ging um gesellschaftliche Akzeptanz, das macht diesen Fall so exemplarisch." Nimmt das etwas von der Schuld seines Mandanten? Auf Mord steht lebenslänglich. Bei der Aktenlage komme er daran nicht vorbei. "Mir geht es darum, ihn davor zu bewahren, dass die besondere Schwere der Schuld festgestellt wird. Das macht einen Unterschied von zehn Jahren. Entweder kommt er nach fünfzehn Jahren wieder raus oder frühestens nach fünfundzwanzig. Als Anwalt plädiere ich für fünfzehn." Dann wäre Magnus G. bei seiner Entlassung zweiundvierzig Jahre alt und hätte das halbe Leben noch vor sich. "So wäre das", sagt der Anwalt."Sie müssen trotz allem an das Gute im Menschen glauben, sonst würden Sie wahnsinnig, gerade weil Sie in diesem Beruf so viel Grauenvolles erleben." Ständig an das Gute zu glauben kostet Kraft. "Wir leben in einer Schweinegesellschaft", sagt Endres. "98,6 Prozent der Menschen sind Arschlöcher. Und wir beide gehören vielleicht auch dazu." Wir gehen. "Sie kommen mit."Wenn einer viel Schlechtes sieht, zieht er da noch eine Schmerzgrenze, gibt es Mandate, die er nicht annehmen würde? "Nazis", sagt Endres, "ich mache keine Neonazis, aber natürlich gehören auch die verteidigt." Kindesmörder ja, Neonazis nicht? "Das kommt aus meiner Vergangenheit." Hans Ulrich Endres wurde im Januar 1945 in Dessau geboren, in einem Gefängnis der SS. Sein Vater, Chemiker bei den Deutschen Hydrierwerken, hatte einen französischen Fremdarbeiter versteckt. Als die SS dahinterkam, wurde seine hochschwangere Frau verhaftet. "Meine Geburt muss schlimm für sie gewesen sein", sagt Endres, "ein Schnitt ohne jede Betäubung, furchtbar." Als die Familie 1946 von den Sowjets in die Wisssenschaftsstadt Akademgorodok umgesiedelt werden sollte, floh sie in den Westen. Ein Offizier hatte seinen Vater gewarnt. "Ich habe Jura und Medizin studiert, weil mein Vater Chemiker und Arzt war", sagt Endres. "Aber dann musste ich ihm sagen: Entweder bist du schlauer als ich oder ich bin blöder als du, jedenfalls kann ich nur ein Studium machen." Mediziner hatten sie genug in der Familie, "also wurde ich Jurist". Er studierte in Marburg, Berlin und Frankfurt. In Berlin hat er eher weniger studiert. "Wo ich gewohnt habe, war Parterre eine Sadomaso-Bude und auf dem Dach ein Garten. Keine Polizeistunde, herrlich. In einem lichten Moment habe ich mir gesagt, wenn du was werden willst, musst du hier weg." 1968 ist Endres Sprecher der Karl-Marx-Universität, wie die Frankfurter Uni von aufrührenden Studenten ein Sommersemester lang genannt wird. Rührung ist noch da. "Es gibt Bilder, da spreche ich vor 20 000 Leuten", sagt Endres, "das hat schon Spaß gemacht." Von der revolutionären Haartracht jener Tage ist sein Schnurrbart übrig. Strafverteidiger sind Paradiesvögel in der Juristenkolonie. Unter ihrer Robe verbergen sie ein schillerndes Federkleid und sie verbergen es höchst ungern. Lieber lassen sie ein paar Federn rausgucken. In den siebziger Jahren ist Endres ist mit dem VW-Bus von Frankfurt nach Nepal gefahren, später noch nach Kapstadt, dann hat er sich entschlossen, Staranwalt zu werden. Dass ein Staranwalt in einem Fall mit einem Streitwert von 250 Euro auftritt, ist ungewöhnlich. Endres hat mit dem Mann seiner nächsten Mandantin früher Fußball gespielt. Er verteidigt die Frau aus Gefälligkeit, ohne Vorgespräch, ohne Akte. "Das mache ich freihändig." Sie wird beschuldigt, einen Pullover gestohlen zu haben. Der Anklagevertreter, ein Referendar, bekommt rote Flecken im Nacken, als er Endres sieht. Mit ihm hatte er hier nicht gerechnet. Endres plädiert für Freispruch aus Mangel an Beweisen. Die Frau wird freigesprochen. Sie bedankt sich vor der Tür bei ihrem Anwalt. Er lässt die Umarmung geschehen und sagt: "Aber den Pullover haben Sie trotzdem geklaut." Sie gehen. Der Verteidiger und seine Mandantin verlassen das Gericht in verschiedene Richtungen."Ich würde jeden umbringen, der meinen Söhnen etwas antut. Damit hätte ich kein Problem. " Anwalt Endres.ANDREAS REEG Anwalt Hans Ulrich Endres in seiner Frankfurter Kanzlei. Er sagt, er habe schon viele Mörder verteidigt. Aber Magnus G. ist ein besonderer Fall.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.