Der aussichtsreichste Anwärter auf den Goldenen Bären ist "Bal" von Semih Kaplanoglu LA DOLCE VITA - Schön wär's, aber das Leben ist eben kein Honigschlecken, das eines anatolischen Bienenzüchters schon gar nicht. Und dann klappt es nicht einmal mehr im Trickfilm, die Sorgen einfach wegzuzaubern.: Die Seele in der Natur

Was Schönheit ist, das kann man im türkischen Wettbewerbsbeitrag "Bal" von Semih Kaplanoglu in geradezu erschöpfender Weise erfahren. Die Bilder sind schön, und sie zeigen Schönes. Ihre Tönungen, ihr Kontrastreichtum, ihre Tiefenschärfe, ihre an Stillleben erinnernde, vollendete Komposition sind das eine. Das andere ist die unendliche Ruhe, mit der die Bilder auf der Leinwand verbleiben - ihre Dauer entlässt den Zuschauer aus der subjektiven Perspektive der Personen, sie bannt ihn in Distanz. Wenn am Beginn der siebenjährige Yusuf seinem Vater einen Traum erzählen will, der ihn aber ermahnt, seine Träume nicht draußen zu verbreiten, sondern ihm stattdessen ins Ohr zu flüstern, formuliert er damit auch eine Poetik dieses Films. Bei äußerlich armer Handlung handelt "Bal" von innerlichsten Vorgängen, ohne sie mit psychologischer Lautsprecherei dem allgemeinen "Aha! Soso!" preiszugeben.Yusuf wächst als Einzelkind in einem anatolischen Dorf auf. Er besucht die erste Klasse und tut sich schwer mit dem Lesen; sein Stottern isoliert ihn von den anderen Kindern. Yusufs Vater Yakup ist Imker, und oft begleitet ihn der Sohn bei seinen Gängen durch den Wald, besucht ihn in seiner Werkstatt, hilft ihm bei der Arbeit. In Anatolien ist das Sammeln von Honig - der Filmtitel "Bal" heißt Honig - trotz moderner Schutzanzüge und Bienenbenebelung gefährlich. Die Bienenstöcke werden in hohen Baumwipfeln angelegt, die der Imker nur mit Hilfe eines Seils und kundigem Klettern am Stamm erreicht. Dort oben muss er dann mit dem Stock die Waben entnehmen, sie aus dem Rahmen trennen und die benebelten Bienen von den Waben streichen. Yusuf hilft seinem Vater oft bei dieser Arbeit und wird nebenher über die Blüten und den Honig, der aus ihnen entsteht, belehrt.Schön ist "Bal" auch darin, dass diese dörfliche Welt und vor allem diese Arbeit, dieses Handwerk dokumentiert wird - uns Knöpfchendrückern und Mausschiebern zur Beschämung. Denn was wissen unsere Hände noch von der Welt, wie relativ ist unsere Zivilisation. Als ABC-Schütze einerseits und Lehrling seines Vaters andererseits steht Yusuf gleichsam am Kreuzweg zwischen der symbolisch durch Lesen, Schreiben und Rechnen beherrschten Welt und der real bewältigten des naturkundigen Imkers.Aber sowohl in der Realität als auch im Film ist dieser Beruf bedroht. Yakups Erträge schrumpfen, seine Bienen sterben. Eines Tages macht er sich auf, um neue Gebiete zu erschließen. Yusuf bleibt bei seiner jungen Mutter zurück, mit der ihn wenig verbindet. Als der Vater nicht mehr wiederkehrt, verliert Yusuf seinen Halt in der Welt."Bal" ist der letzte Teil von Semih Kaplanoglus "Yusuf"-Trilogie: "Yumurta" (Ei) und "Süt" (Milch) handeln von Yusuf als Student und jungem Erwachsenem und wurden 2007 in Cannes und 2008 in Venedig vorgestellt. Mit "Bal" wollte Kapanoglu nun "den Kern erreichen", der diesen Charakter ausmacht. Bora Altas spielt den Jungen in rührend schmalschultriger Weise, ein träumerisches, freundliches Kind, das aufgrund seines reichen Gefühlslebens nicht zur schnellen Datenverarbeitung taugt. Die Bilder der Natur stehen zu Yusufs Seelenleben weder in einem altbacken symbolistischen noch in einem expressiven Verhältnis: Hügel, Wald, Tal und Fluss sind Yusuf ein schweigendes Gegenüber, eine Wesenheit, die jede Bewertung souverän ablehnt.Da der Film auf Handlung weitgehend verzichtet, wird die Schönheit zur tragenden Größe, wenn es darum geht, den Zuschauer zu fesseln. Aber ihre letzte Berechtigung hat die dokumentarische, distanzierende Schönheit von "Bal" darin, dass sie nichts verklärt. Auch das noch so erlesen fotografierte Interieur täuscht nicht darüber hinweg, dass Mutter und Sohn kein Verhältnis zueinander finden; auch der schönste Wald birgt Gefahren. Aber so viel man auch erklären und theoretisieren will: Am Ende besiegelt die Schönheit das Geheimnis einer kindlichen Seele. Dieses Geheimnis macht "Bal" zu einem großen Film.------------------------------Bal 17. 2.: 9.30 Uhr sowie 18 Uhr, Friedrichstadtpalast; 21. 2.: 15.45 Uhr, Friedrichstadtpalast.------------------------------Foto: Vater Yakup (Erdal Besikcioglu) und Sohn Yusuf (Bora Altas)