Die Titel seiner Bücher klingen wie Kommentare zu den fast täglich neuen Enthüllungen, die zurzeit die Gesellschaft schockieren. "Heimerziehung: Lebenshilfe oder Beugehaft - Gewalt und Lust im Namen Gottes", heißt das jüngste, 2006 erschienen. Seit Jahren befasst sich der 51-jährige Autor Alexander Markus Homes aus Hessen mit Gewalt in katholischen Erziehungsheimen. Seine Bücher und Artikel trugen dazu bei, dass der Bundestag einen "Runden Tisch Heimerziehung in den 50er- und 60er-Jahren" einrichtete, der Ende des Jahres seinen Abschlussbericht vorlegen will.Herr Homes, Sie haben seit 1981 Bücher über Missbrauch in katholischen Erziehungsheimen veröffentlicht. Sie sprachen mit vielen ehemaligen Heimkindern. Wieso?Ich bin selbst in Heimen groß geworden, weil meine Mutter mit zehn Kindern überfordert war. Zuerst war ich im Säuglingsheim, dann ab 1966 im katholischen Behindertenheim St. Vincentstift in Rüdesheim-Aulhausen mit 450 anderen Kindern. Dort habe ich zehn Jahre verbracht. Mir wurde beim Eintritt "dauerhafte Debilität" bescheinigt. Allen Ernstes!Sie wurden misshandelt.Es war die Hölle auf Erden. Dauernd Schläge, Erniedrigung, die Eintrichterung der Furcht vor Gott, Zwangsmissionierung. Die Angst war unser ständiger Begleiter. Jede Regung, vor allem jede sexuelle Regung, musste kontrolliert werden. Man gab uns immer wieder zu verstehen, dass wir von den Stellvertretern Gottes und Jesu Christi auf Erden erzogen wurden.Pater Klaus Mertes, der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, sagt, Prügel waren damals normal.Nach meinem Dafürhalten zieht sich Gewalt durch die Heimerziehung bis heute. Es hat sich vieles gebessert, aber es gibt noch immer Gewalt und sexuellen Missbrauch in den christlichen Anstalten. Ein Fall, den ich dokumentiert habe, stammt von 2006.Pater Mertes räumt ein, dass es bis 1985 systematischen Missbrauch am Canisius-Kolleg gab. Wie war es in den katholischen Heimen?Früher, würde ich schätzen, wurde in mindestens 80 Prozent aller Heime Gewalt in verschiedenen Formen ausgeübt. Bei den Katholiken, wo ich mich auskenne, waren das keine bedauerlichen Einzelfälle, wie Kardinal Lehmann und andere Kirchenmänner immer behauptet haben. Das hatte System. Der "strafende Gott" wurde gezielt eingesetzt, um vor allem Kindern aus der Unterschicht Gehorsam und Gottesfurcht aufzuzwingen.Und sexueller Missbrauch?Der war sicher nicht gewollt - ist aber in Strukturen angelegt, die auf Unterordnung, Gewalt und Angst aufbauen und Pädophilen und Sadisten die Chance bieten, sich straflos auszuleben. Wenn etwas herauskam, wurde meist beschwichtigt und vertuscht. Das ist systemimmanent, behaupte ich.Gab es auch bei Ihnen sexuellen Missbrauch?Ja. Bei mir war es allerdings keine Nonne, sondern der Heimarzt.Wenn man von mindestens einer Million Heimkinder in den ersten 40 Jahren der Bundesrepublik ausgeht, dann gäbe es also nicht nur ein paar hundert, sondern Tausende Opfer?Ganz sicher. Meiner Meinung nach sprechen wir von Zehntausenden Opfern, die psychische, physische und sexuelle Gewalt erlebt haben. Ich will nicht behaupten, dass es auch in 80 Prozent aller Heime sexuellen Missbrauch gab, aber er war vor allem in katholischen Einrichtungen keine Seltenheit. Ich glaube, dass viele Nonnen und Patres, weil sie ihre Sexualität nicht ausleben konnten, nach einer Ersatzbefriedigung suchten - und sie im Schlagen von Kindern fanden. Das kann man auch in Studien aus den USA nachlesen.Wie verkraften die Opfer die Traumata?Viele leiden seit Jahrzehnten unter Angstzuständen, Depressionen, Schlafstörungen, sozialer Isolation, sexuellen Problemen, Drogen- und Alkoholsucht. Häufig leben ehemalige Heimkinder von Hartz IV oder sind Frührentner. Die gewalttätige Erziehung durch Nonnen hat bei nicht wenigen zu Beziehungsunfähigkeit, Ablehnung von Frauen und Zwangshomosexualität geführt. Andere wurden pädophil oder haben sogar Frauen vergewaltigt.Ich kann mir schwer Nonnen bei sexuellem Missbrauch vorstellen.Frauen können genauso gewalttätig sein wie Männer, auch sexuell. Im katholischen Bereich waren es vor allem Frauen - Nonnen -, die das Sagen hatten. Ich habe sie als aggressive, harte Menschen erlebt. In meinen Büchern habe ich dann viele Schilderungen von Gewalt und sexuellem Missbrauch durch Nonnen publiziert.Haben Sie mit Nonnen gesprochen, die Gewalt anwendeten?Ich konnte mit einigen sprechen, aber nur eine Nonne hat in ein längeres Gespräch eingewilligt. Sie ist verstorben. Sie räumte ein, dass sie Kinder geprügelt und malträtiert hatte, sagte aber: "Die haben es nicht anders gewollt. Die brauchten das." Diese Entschuldigung habe ich oft gehört.Die Schläger dachten, sie seien im Recht?Bei der Ohrfeige hieß es: "Die hat der verdient". Aber sie wussten genau, dass es Unrecht war, wenn sie Gegenstände benutzten wie Stöcke, Kleiderbügel, Peitschen.Immerhin hat sich Erzbischof Zollitsch bei den Opfern entschuldigt.Wie er die Entschuldigung vorgetragen hat, fand ich eiskalt und berechnend. So wie ich die Reaktion der Kirche auf Kritik kenne.Wie war diese in Ihrem Fall?Ich bekam es von Anfang an mit der ganzen Macht der katholischen Kirche zu tun. Als mein erstes Buch 1981 erschien, hat sich das St. Vincentstift, obwohl ich alle Namen und Orte geändert hatte, darin wiedererkannt. Das Stift hat sich aber nicht etwa bei mir entschuldigt, sondern ist anwaltlich gegen den Päd-Extra-Verlag vorgegangen. Am Ende wurde ein Vergleich geschlossen, und das Buch durfte weiter verkauft werden. Wir hatten acht Zeugen, die an Eides Statt versicherten, dass es Misshandlungen gab.Man wollte Sie mundtot machen?Man hat mich immer behindert und bekämpft. Ich wurde als Linksextremist verleumdet. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Das hatte System. Bei meinem Buch "Gestohlene Kindheit" wurde der Patmos-Verlag so eingeschüchtert, dass die geplante zweite Auflage nicht gedruckt wurde. 1997 gelang es mir, den Ullstein-Verlag für eine Taschenbuchausgabe zu gewinnen. In sechs Wochen wurden rund 1 500 Exemplare verkauft. Dann hat das Vincenzstift unter Androhung einer Einstweiligen Verfügung erreicht, dass die Restauflage von 1 500 Stück eingestampft wurde. Ich durfte sie nicht einmal selbst erwerben! Mein letztes Buch ist eigentlich eine aktualisierte, erweiterte Neuauflage, wo das Gleiche drinsteht - und ist bisher unbeklagt geblieben.Vielleicht ist das die neue Offenheit des Stifts.Man hat mich jetzt auch ins St. Vincentstift eingeladen. Der neue Direktor setzt auf Offenheit. Die Kirche hätte das viel früher machen können. Aber Bischof Zollitsch hat jetzt wieder gesagt, nicht in jedem Fall schalten wir die Staatsanwaltschaft ein. Diese Haltung hat dazu geführt, dass die Kirche als Mitwisser schuldig wurde. Denn viele Täter wurden zwar erkannt, aber versetzt, wo sie dann wieder Übergriffe begingen. Das ist für mich Beihilfe zum Kindesmissbrauch.Interview: Frank Nordhausen------------------------------Foto: Alexander Markus Homes muss auch eigene, traumatische Heim-Erfahrungen verarbeiten.

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