Die wichtigste Castingshow der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt ist ein Medienspektakel, und das nicht nur, weil sie 20 Stunden live auf 3Sat übertragen wird. Eine Jury aus neun führenden Literaturkritikern - mit Burkhard Spinnen war gerade noch ein Schriftsteller darin vertreten - lässt ihre 18 eingeladenen Autoren vorlesen, um danach mit zuweilen sadistischer Freude über sie zu richten, wobei der Diskussion über die Texte eindeutig der höhere Unterhaltungswert zukommt. Texte und Autoren dienen eigentlich nur als Vorlage für die Selbstinszenierungen der Juroren und ein wenig der Darstellung dessen, was sie als Trend ausmachen. Und alle Jahre wieder wird das schöne, alte, schon von der Gruppe 47 kultivierte Ritual der öffentlichen Autorenschlachtung von den nicht so führenden Literaturkritikern kritisiert. Die schärfsten Kritiker der Elche wären auch lieber selber welche. "Schafft Klagenfurt ab" hatte im vorigen Jahr ein Sonntagsrebell gefordert - dieses Jahr guckte er lieber daheim vorm Fernseher - und stellte dabei die im öffentlich rechtlichen Medienraum wohl einzigartige Präsentation von ernsthafter Literatur und kritischer Auseinandersetzung mit ihr für einen effektvollen Slogan in Frage. Das ist üblich in Klagenfurt. Dabei ist das Prinzip des Bachmann-Bewerbs nach wie vor lehrreich und praktisch. Nicht nur dass im dreitägigen Marathon hochkarätig ausgewählte neue Literaturformen begutachtet werden können, auch der Prozess der Urteilsfindung und seine zuweilen haarsträubenden Kriterien selbst werden als professionelle Talkshow vorgeführt. "Wir sind die Bohlens!", erkannte da der Juror Heinrich Detering - der unter anderem auch in den Jurys des Kleist-Preises, des Thomas-Mann-Preises, des Büchner-Preises, des Lessing-Preises, des Mörike-Preises und des Fallada-Preises sitzt, - als er Thomas Raabs komödiantische "Einführung in die doppelte Buchführung" über eine Castingshow aus der Sicht einer Volkswirtschaftsstudentin entschlüsselte. Für die Domina der Jury, die große Vorsitzende Iris Radisch, war diese mit lehrsatzartigem Vokabular durchwirkte Collage eine tragische "Fortsetzung der Kulturkritik von Innen".Interpretationsangebote solcher Art sind erhellend, idiotisch, überraschend oder schillernd, jedenfalls aber unterschiedlich und zahlreich bis zur Beliebigkeit. Ob Magersucht, Marienempfängnis oder Menstruation - Hauptsache ein Wahn ist im Spiel. Schwanken die Jurorenhäupter bei Arno Geigers Historienverweigerung zwischen "betulich" und "behaglich" bis zu "unbehaglich", dann wird im verschleppten Tempo einer Party-Katerstimmung von Andreas Münzner im Chor seine ungenaue Deutlichkeit gelobt. Die Sprache des Verdrängten sei präzise und minutiös, wo sie vorenthält, was wir gar nicht so genau wissen wollen. Aha. Zu genau muss aber auch nicht richtig sein. Roswitha Harings Text etwa über ein DDR-Ferienlager verkörpert durch seinen selbstmörderischen Minimalismus geradezu die soziale Dressur seiner Erzählerin zur Ordnung. "Ich will einmal ohne Abfalleimer herumlaufen, ohne etwas, aber das ist vielleicht zuviel verlangt." Genau. Die von Radisch gerne eingeforderte "Welthaltigkeit" samt Tendenz zur "Kaptalismuskritik" darf jedoch vermehrt diagnostiziert werden, eine andere Großkritikerin ruft gar die Wiederkehr des Politischen aus. Allerdings nicht zugunsten der Literatur: Juli Zehs zeitgenössisches Romanstück über Gewalt in der Schule wird mehrheitlich als schematisiertes Schwarzweißbild abgekanzelt. Richard David Prechts Überblendung von RAF-Terroristen auf Fahndungsplakaten mit seiner Briefmarkensammlung wird der Schlamperei überführt ("Heinemann hatte keine Glatze!"), und Dorothea Dieckmanns mutigem Unterfangen, einen Roman über einen Gefangenen in "Guantanamo" aus dessen Innensicht zu beschreiben, wird als "geborgter Tragödie" gleich die Legitimation abgesprochen. Aber unterscheidet sich Literatur von dokumentarischer Zeugenschaft nicht dadurch, dass sie erfindet und "umschweifig" ist? So einfach ist es nicht. Unsensimental nüchtern, langsam und nahezu anatomisch sachlich schildert Arne Roß (Preis der Jury) in seiner zutiefst anrührenden Erzählung "Pauls Fall" von einem alten Menschen, der sich auf den abschüssigen Weg ins Verschwinden macht. Paul ist vergesslich, stundenlang sitzt er in der Küche und versucht die Uhrzeiger mit seinen Blicken voranzutreiben. Der gegenwärtige deutschsprachige Hang zur infantilisierten Mama-Papa-Literatur wird nun offenbar angereichert zum "Methusalem-Kompott", wie unter nichtführenden Kritikern gekalauert wird: durch Figuren wie den still abtretendem Paul oder auch eine starrsinnig sterbende Nazi-Oma, die einen "an der Waffel" hat. Doch nicht die bösartig komischer Satire der gebürtigen Ungarin Bettina Balàkas findet die preiswürdige Gnade der Jury, ebenso wenig das Kunstidiom des in Polen geborenen Artur Becker, in dessen Novellenfragment ebenfalls Oma Annegret und Holocaust-Massenmörder herumgeistern. Stattdessen punktet Guy Helmlingers harmlos amüsanter Lesebühnentext über einen gestörten Sonderling, der "Pelargonien" (eine Geranienart) zu stutzen weiß (3Sat-Preis). Das Reich des Wahns inszeniert in mimetischer Perfektion auch Simona Sabato (Ernst-Willner-Preis). Ihre Erzählerin redet so verwirrten Müll, dass die Juryvorsitzende sich verarscht fühlt durch den Gagaismus so irrer Sätze wie: "Ich kann nicht immer meine Butterdose waschen". Große heilige Einigkeit erzeugt dann der bombastische Rosenkavalier-Schwulst des ehemaligen NVA-Panzerkommandanten Uwe Tellkamp. Seine furios musikalische Straßenbahnraserei durch die Geschichte Dresdens samt lüstern explodierender Schokoladenfabrik versetzt die Jury in haltlos ekstatische Verzückung, nimmt sie gewissermaßen im Sturm. Das per Internet abstimmende Publikum gibt hingegen Wolfgang Herrndorfs verhaltener Balkongeschichte über zwei ungleiche Jungen den Vorzug. Ein echtes Geschmacksurteil.------------------------------Die Gewinner des Wettlesens // Ingeborg-Bachmann-Preis: Uwe Tellkamp, geb. 1968 in Dresden, erhält den mit 22 500 Euro dotierten Hauptpreis der Landeshauptstadt Kärnten für seinen lyrischen Text "Der Schlaf der Uhren". Preis der Jury: an Arne Roß, geb. 1966 in Hamburg, in Höhe von 10 000 Euro, für seine Erzählung "Pauls Fall". 3Sat-Preis: an Guy Helmlinger, 1963 geb. in Luxemburg, in Höhe von 7 500 Euro für die Erzählung "Pelargonien". Ernst-Willner-Preis: an Simona Sabato, geb. 1964 in Berlin, in Höhe von 7 000 Euro, für einen Romanbeginn. Kelag-Publikumspreis: an Wolfgang Herrndorf, geb. 1965, Berlin, in Höhe von 5 000 Euro, für den Text "Diesseits des Van-Allen-Gürtels".------------------------------Foto: Klagenfurt fand seinen Superstar - den Dresdner Uwe Tellkamp.