Da wären zunächst die Geräusche, die vor nicht allzu langer Zeit den Bahnhof Friedrichstraße erfüllten. Das Surren der Leuchtstoffröhren, unter denen "Bürger BRD", "Bürger Berlin (West)" und andere Grenzgänger vor den Abfertigungsboxen anstanden. Das Krachen der Stempel, mit denen die Grenzer die Pässe oder die grünen Einreisekarten der Westberliner bearbeiteten, nachdem sie die Bittsteller mit Hilfe eines Spiegels auch von hinten beäugt hatten. Da war das Schnarren der elektrischen Türöffner, die den Weg durch den Eisernen Vorhang (der hier aus Sperrholz bestand) freigaben. Und da war das Knallen, mit dem die Türen in die Schlösser fielen. In der gekachelten fensterlosen Einreisehalle war es so laut wie in einem Schwimmbad. Ein "Gesamtkunstwerk"Die zweite Erinnerung: ein Labyrinth. "Der Bahnhof erschien mir als ein unglaubliches Durcheinander. Schrecklich", sagt der Westberliner Architekt Werner Weinkamm. Er hatte den Zwitter aus Bahnstation und Grenzübergangsstelle für die 1 200 Meter entfernte Mauer vor 25 Jahren erstmals besucht. Auf den Gedanken, dass ihn die Deutsche Bahn einmal beauftragen würde, diesen Irrgarten zu entrümpeln, wäre er damals nicht gekommen. Das "Gesamtkunstwerk", wie der Ostberliner Autor Jens Sparschuh 1988 die Festung in der DDR-Hauptstadt nannte, schien für die Ewigkeit zu sein. Dasselbe galt für den 1962 nebenan eröffneten Ausreisepavillon, den heutigen "Tränenpalast". Damals ein für DDR-Verhältnisse schmucker, von Rasen umgebener Neubau und damit für Christa Wolf ein Paradox: "Dieser Bau müsste als Monstrum dastehen, sollte seine äußere Gestalt seinem Zweck entsprechen." Vom Tag des Mauerbaus an hatte die DDR den gekrümmten, 160 Meter langen und 40 Meter breiten Bahnhof in ein Gewirr aus Gängen und Sperren verwandelt. Die Ecken und Windungen, hinter denen sich immer wieder andere Träger der Staatsmacht aufbauten, erfüllten ihren Zweck der Einschüchterung.So ist nicht bekannt, ob hier jemals ein DDR-Bürger die Grenze illegal überwunden hat. "Da hat sich doch niemand getraut, etwas zu sagen", sagt Bernhard Lotz, der von 1975 bis 1989 Schichtleiter bei der S-Bahn war. Dieser Bahnhof war in anderer Hinsicht ein Fluchtpunkt. Am 27. Mai 1978 wurde hier der Anarchist Till Meyer, Mitglied der "Bewegung 2. Juni", nach seiner Befreiung aus einem Westberliner Gefängnis ausgeschleust. In die andere Richtung reiste am 18. Januar 1979 Stasi-Spion Werner Stiller, als er mit einem Koffer voller Geheimnisse in den Westen überlief. Es gibt aber auch andere Erinnerungen. Zum Beispiel an die billigen "Intershops", wo noch kurz vor der Währungsunion 1990 eine Schachtel West-Zigaretten für 3,40 Mark zu haben war. Die bunt bestückten Ausgabeluken waren Wallfahrtsort für Trinker. Eine Flasche Klarer kostete weniger als fünf Mark. "Die Aufsichten mussten diese Leute nachts buchstäblich herausräumen und in die S- oder U-Bahn nach West-Berlin setzen", sagt Lotz. Raucher oder Kaffeetrinker reisten ebenfalls gern zur Friedrichstraße, auch sie häufig verfolgt von Zollfahndern in Zivil.Für andere war der Bahnhof ein Arbeitsplatz, zum Beispiel für rund 170 Reichsbahner. Lotz: "Ich habe gern dort Dienst gemacht. Das Kollektiv war gut" im Gegensatz zu anderen Dienststellen, in denen getrunken und gebummelt wurde. "Man musste nicht in der SED sein", sagt Gisela Trostorf, die von 1970 bis 1992 auf dem Bahnhof arbeitete, zuletzt als Personalchefin. "Aber man sollte bodenständig sein. Also keine Ledigen, eher Eigenheimbesitzer mit Kindern." Lotz erzählt, dass es im Kulturraum auf der Südseite "schöne Feiern" gab, zum Beispiel am Tag des Eisenbahners. Angehörige der Grenztruppen waren gern zu Gast. "Am Internationalen Frauentag standen sie am Eingang und verteilten Blumen", erzählt Gisela Trostorf. Lotz: "Die Grenzorgane haben uns nichts getan. Solange alles seinen Gang ging, war alles in Ordnung." Jedes Jahr, meist im April, gab es einen unbezahlten nächtlichen Arbeitseinsatz. Bei diesen "Subbotniks" wurde auch dort geschrubbt, wo die S-, U- und Fernbahnen in den Westen abfuhren. Trostorf: "Ich stand da mit meinem Scheuerlappen und dachte, ein Schritt und ich bin weg. Doch damals war ich frisch verheiratet, ich wollte nicht fort. Von uns ist nicht ein Einziger abgehauen." Lotz hätte die DDR einfach verlassen können. Er war einer der wenigen S-Bahner, die im Bahnhof zwischen Ost und West wechseln durften. Mit einer "Betretungskarte" stieg Lotz eine Treppe hinunter. Sie führte zu den Herrentoiletten und einer Tür ohne Klinke, an der Lotz klingelte. Drinnen zeigte er seine Karte einem Grenzer und ging durch den Keller, wo einst Mitropa-Friseure Fassonschnitte verabreicht hatten, nach Westen zu einer weiteren Kontrollstelle. Wieder ließ ein Uniformierter eine klinkenlose Tür aufschnappen und Lotz stand in der Treppenanlage des Westteils.Dort war das Rumpeln der S-Bahnen zu hören, die vom Kellerbahnsteig D nach Frohnau und vom oberen Bahnsteig B nach Wannsee rollten. "Doch ich hatte nicht das Bedürfnis, fortzugehen. Ich hatte in der DDR Wohnung und Familie."Heute braucht niemand mehr eine staatliche Erlaubnis, um den Bahnhof Friedrichstraße von Ost nach West durchqueren zu dürfen. Die täglich 110 000 Besucher müssen vielleicht um die Einhaltung ihres Dispo-Kredits fürchten, aber nicht um Leib und Leben. Der Weg durch das Haus beginnt nun neben einem Geschäft, das Nerzkragen für 169 Mark anbietet, führt an einem "Body Shop" sowie einer Espresso-Bar vorbei und endet vor einem Drogeriemarkt. Vier Jahre lang wurde das Gebäude entkernt und im Innern mit 50 Läden neu aufgebaut. Die braun-blau verklinkerte Fassade mit ihren rund 5 000 handgefertigten Schmuckelementen aus Terrakotta wurde wieder hergestellt. Umbau für 220 Millionen MarkDer einstige Grenzgänger Weinkamm hat die Pläne für den Umbau gezeichnet, der 220 Millionen Mark gekostet hat. Dem Westberliner Schriftsteller Michael Rutschky gelingt es nun nicht mehr, in dem "wirklich schön renovierten" Bahnhof "die Raumverhältnisse wiederzuerkennen, durch die man sich murrend hindurchwartete, als er noch ein Grenzübergang war". Lotz sagt: "Es ist ein toller Bahnhof, freundlich, hell. Und betrieblich kriegt man jetzt mehr hin als früher." Wo einst nur wenige Transitzüge abfuhren, startet nun täglich 200-mal ein Regionalexpress und verkehrt seit dem 2. Juli 1990 die S-Bahn planmäßig von Ost nach West. Abgebaut sind die Kontrolltürme, die "Beschaubrücke" über der West-Ausfahrt und die 140 Videokameras, die angeblich sogar in Toiletten hineinlugten. Doch ein historisches Foto auf dem Bahnsteig A, eine kleine Ausstellung sowie ein Gebäude-Querschnitt aus den 70er- Jahren in der Durchfahrt der Friedrichstraße führen den Besuchern vor Augen, dass dies über 28 Jahre lang der "absurdeste Berliner Bahnhof" (Jens Sparschuh) gewesen ist.Die Serie "An Ort und Stelle" beschäftigt sich zehn Jahre nach dem Mauerfall mit Orten, die das Leben in Berlin und im Umland geprägt haben. Jeweils mittwochs gehen Autoren der Frage nach, wie sich diese Orte verändert haben.Der Bahnhof Friedrichstraße, 1882 eröffnet und 1919 bis 1925 umgebaut, war zu DDR-Zeiten Grenzübergang und Verkehrsstation. Hier hielten die Züge in den "Westen", also die U-Bahn-Linie 6, die S-Bahn nach Frohnau, Wannsee oder Lichtenrade und der Transitverkehr aber auch die S-Bahn nach Strausberg sowie Schönefeld. Mauern und Sperren trennten West- und Ostsphäre.