Geplant war es nicht, dass Ulrich Schreiber so etwas wie ein Untermieter in der eigenen Wohnung wurde. Ein, zwei Räume wollte er vorübergehend zum Büro machen, das musste doch ausreichen bei viereinhalb Zimmern auf 170 Quadratmetern. Dann kamen immer mehr junge Menschen in die Altbauwohnung an der Mommsenstraße in Charlottenburg. Computer wurden geliefert, Schreibtische aufgestellt, Telefonanschlüsse installiert. Zehn Menschen arbeiten seit Anfang des Jahres ständig hier, an die 100 Praktikanten haben mittlerweile geholfen. Allein ist Ulrich Schreiber nur noch, wenn er die Tür zu seinem Schlafzimmer schließt. Und manchmal in der Küche, in die er sich zum Interview zurückzieht.Dort sitzt er auf der Holzbank und erzählt, was einen Ingenieur und Bauleiter drängt, das größte Berliner Literaturereignis des Jahres zu organisieren: vom 14. bis 24. Juni gibt es 150 Lesungen, Gespräche, Filme an Orten wie den Sophiensælen, dem Berliner Ensemble, der Freien Universität, in Bibliotheken, Literaturhäusern, Kulturinstituten. 80 Autoren aus aller Welt kommen in die Stadt, berühmte Namen sind darunter wie Nadine Gordimer, Antonio Tabucchi, Lars Gustafsson.Ulrich Schreiber formuliert es schlicht. Vielleicht, weil der Antrieb, etwas zu schaffen, an dem das Herz hängt, nicht erklärt sein will. Er wollte der Stadt ein Literaturfestival geben, weil sie eben noch keins hat, sagt er. Fast drei Jahre hat es gedauert. Schreiber besuchte die Literaturfestivals in Erlangen, Edinburgh, Medellin, Rotterdam, Toronto, Antwerpen. Aus dem, was er dort sah, bastelte er nach und nach sein Konzept. Die Autoren kommen aus allen Kontinenten, ihr Werk zusammenzubringen ist auch der Versuch, aktuelle Tendenzen der Literatur aufzuzeigen. In Berlin wird es nach jeder Lesung eine Einführung in das Leben des Autors geben, wie in Erlangen. Schauspieler lesen aus den Büchern inhaftierter Schriftsteller, wie in Medellin. Schreiber wählte 33 Autoren und Literaturkritiker für eine Jury aus. Jedes Mitglied benannte drei zeitgenössische Schriftsteller, die an dem Festival teilnehmen sollten. Er erreichte, dass die Lottogesellschaft 400 000 Mark gab, das Auswärtige Amt 20 000, dass Botschaften Freiflüge spendierten, Hotels Gratis-Übernachtungen. All dies tat der 49-Jährige in seiner Freizeit. Das Wort "Berlinale der Literatur" habe er anfangs nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen, sagt Schreiber, der auch Vorsitzender der von ihm gegründeten Peter Weiss-Stiftung ist und seit 20 Jahren Kultur-Veranstaltungen organisiert. Nun traut er sich, sein bislang größtes Projekt so zu umschreiben. Wer das Programm liest, sieht aber, dass es hier nicht nur um Literatur als Ereignis geht. Das Festival fühle sich "dem Geist Sarajevos" verpflichtet, steht im Vorwort der Homepage. Hier schreibt einer, der daran glaubt, dass Literatur toleranter und freier macht.Ist Ulrich Schreiber stolz, dass er es geschafft hat? "Stolz bin ich darauf", sagt er und entrollt ein Plakat, hinter dem er ganz verschwindet. "Ich erleuchte mich durch Unermessliches" steht darauf, ein Zitat von Giuseppe Ungaretti. Plakate mit verschiedenen Zitaten werden während des Festivals an 10 000 Orten in der Stadt hängen. Zwei Praktikanten fahren sie gerade aus. Die Autos hat ihnen ein Autohersteller geliehen, gratis.Mehr Informationen unter www.literaturfestival.comBLZ/MAX LAUTENSCHLÄGER Auch der Salon in Ulrich Schreibers Wohnung ist zum Büro geworden.