BERLIN. Jona* wollte ihn unbedingt noch einmal sehen, den Kurt Demmler. Wollte sehen, wie er da vor den Richtern auf der Anklagebank sitzt. Sie hat gehofft, dass dieses Bild dann die anderen Bilder in ihrem Kopf vertreibt und dass sie vielleicht zur Ruhe kommt nach mehr als zwanzig Jahren. Sie sagt, für sie wäre das eine Möglichkeit gewesen, abzuschließen mit dem, was Demmler ihr angetan hat. Aber Jona, 36 Jahre alt, wartet an diesem Dienstag vergeblich vor der Tür des Saales 806 im Kriminalgericht Moabit auf den Beginn des Prozesses.Demmler ist vor dem Berliner Landgericht wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern angeklagt. Aber er kommt nicht. Der 65-jährige Liedermacher, einer der erfolgreichsten Rocktexter der DDR, hat sich in der Nacht in seiner Zelle in der Untersuchungshaftanstalt Moabit erhängt - mit einem Gürtel am Fensterkreuz . Ein Beamter fand ihn um 6.20 Uhr beim Aufschluss der Zelle. Jona empfindet Leere und Wut. Sie sagt: "Das war's dann. Er hat wieder alles entschieden und man bleibt zurück. Er hatte wieder das letzte Wort."Für andere ist Demmler trotz aller Vorwürfe immer noch ein ganz Großer. "Danke für Dein Sein, für das, was Du uns, den Menschen in unserem Lande gabst. Deine Lieder haben mich in meinem Leben begleitet", schreibt einer am Dienstag auf Demmlers Homepage. "Ich bin tief betroffen, trotz alledem", trauert eine Frau.Demmler war sehr angesehen in der Musikszene der DDR. Er textete für Nina Hagen, ("Du hast den Farbfilm vergessen") für Gruppen wie Karat ("König der Welt"), Karussell oder Renft. Und er schrieb viele Kinderlieder. Sein 1985 erschienenes Album "Die Lieder des kleinen Prinzen", auf dem er zusammen mit Kindern sang, gilt als eines der meistverkauften in der Musikgeschichte der DDR. Es brachte ihm auch den Beinamen "Anwalt der Kinder" ein. Als Liedermacher "muss man einfach ein Erwachsener sein, der sich das Kindsein bewahrt hat. Wie sollten sonst solche Lieder und Gedichte entstehen", hat Demmler einmal gesagt.Im August 2008 wurde er in seinem Haus im märkischen Storkow, in dem er seit Jahren zurückgezogen lebte, verhaftet. Seitdem saß er in Untersuchungshaft in Moabit. In dem Prozess vor dem Landgericht, der im Januar begann, ging es um den sexuellen Missbrauch von sechs Mädchen im Alter von zehn bis vierzehn Jahren. Die Staatsanwaltschaft warf Demmler vor, in der Zeit von August 1995 bis November 1999 die Kinder in insgesamt 212 Fällen sexuell missbraucht zu haben. Die Übergriffe sollen meist in seiner Wohnung im Prenzlauer Berg, aber auch in seiner Villa in Storkow stattgefunden haben, wo er die Mädchen unter dem Vorwand, eine Mädchenband gründen zu wollen, hinbestellt hatte.In der Anklage steht, die Mädchen mussten sich auf ihn setzen, sich auf ihm rhythmisch hin und her bewegen, bis er zum Samenerguss kam. In einem Fall hätte ihn ein Mädchen mit der Hand befriedigen müssen, während er drei andere Mädchen unter ihrer Kleidung anfasste und streichelte. Es war nicht das erste Mal, dass gegen den Liedermacher ermittelt wurde. 2002 erhielt er wegen sexuellen Missbrauchs bereits einen Strafbefehl in Höhe von 1 800 Euro.In dem letzten Prozess waren zwei Mädchen Nebenklägerinnen. Jona ist keine von ihnen. Sie hatte Demmler ebenfalls angezeigt - als sie hörte, dass er verhaftet wurde, hat sie sich getraut. Aber es war zu spät. Die Tat, die mehr als zwanzig Jahre zurückliegt, ist aus juristischer Sicht verjährt. Die Berliner Staatsanwaltschaft stellte in Jonas Fall die Ermittlungen ein.Sie sagt, sie war fünfzehn, als er sich mit ihr in seiner Wohnung traf. Jonas Mutter hatte den Kontakt vermittelt, sie kannte Demmler vom gemeinsamen Singen im Oktoberklub. Jona war glücklich über die Aussicht, an der Seite eines berühmten Mannes aufzutreten. Sie wollte so gern Sängerin werden.An jenem Tag hat Jona bei ihm übernachtet. Sie sagt, "er war ganz groß im Manipulieren, wir Mädchen waren sein Werkzeug". Er habe ihr erzählt, dass bei einer Zusammenarbeit eine sehr enge Beziehung notwendig sei und dass sie, das schüchterne Mädchen, viel offener sein müsste. Sie hat sich nicht gewehrt, als er sie auf seinen Schoß zog. Sie habe ihn anfassen müssen, bis er einen Orgasmus bekam.Danach hat sie geweint und ging nicht wieder zu ihm. Sie sagt, die Nacht habe eine tiefe Wunde in ihr hinterlassen. Sie hatte vorher keinerlei sexuelle Erfahrungen. Angezeigt hat sie ihn nicht. "Mit so einer Geschichte gehst du nicht an die Öffentlichkeit, wer soll dir bei so einem prominenten Mann glauben." Auch ihre Eltern wollten es nicht. Sie fühlte sich schuldig. "Ich dachte lange Zeit, ich hätte Nein sagen können, dann wäre es nicht geschehen." Und sie konnte nichts vergessen. "Das lässt dir einfach keine Ruhe. Du wirst die Bilder im Kopf nicht los". Die von ihm, seiner Ein-Zimmer-Wohnung in Prenzlauer Berg, von seinem großen Bett.Auch Miriam* wurde diese Bilder nicht los. Auch ihre Mutter war eine Bekannte von Demmler und schickte sie zu dem Liedermacher. Schon bei der ersten Begegnung gab es sexuelle Berührungen. Miriam war damals zwölf. Ein halbes Jahr später kam es auch zum Verkehr, sagt sie. Damals erklärte Demmler dem Mädchen, dass er nichts tun würde, was sie nicht wolle. Da hatte er längst Miriams Vertrauen.Demmler verstand es, geschickt den großen Mädchentraum von einer Sängerkarriere auszunutzen. Miriam empfand damals kein Gefühl der Hilflosigkeit, sie glaubte vielmehr, Demmler schützen zu müssen. Als sie sich ihrer Mutter anvertraut hatte und diese Demmler anzeigen wollte, drohte Miriam: "Dann bringe ich mich um." Sie fühlte sich schuldig und wollte ihn nicht verraten.Heute sagt sie, dass Demmler alles getan hat, um die Mädchen einzigartig wirken zu lassen. Er habe sie "in ihrer Eitelkeit abgeholt und mit ihren Selbstzweifeln eingelullt". Miriam ist wütend darüber, dass sie ihm so viel Macht über sich gegeben hat. Dass sie nicht stark genug war, ihm "einfach mächtig zwischen die Beine zu treten". Und dass er sie immer noch beschäftigt.Mehrere Mädchen versuchten, mit Demmler Kontakt aufzunehmen. Sie wollten sich der dunklen Seite ihrer Kindheit stellen, sich aussprechen. Es ging nie um Rache. Es ging um Überwindung.In Briefen an seine Opfer verantwortet sich Kurt Demmler auf seine ganz eigene Art. So schreibt er einem Mädchen, sie solle sich nicht so wichtig nehmen. "Sieh doch, was du mir antust. Nein, nicht du bist das Opfer, sondern ich." Ein anderes Mal antwortete er, er habe "keinen Bock darauf, Schuld an allem zu sein, was in Deinem Leben möglicherweise falsch lief. Ja, ich fühlte mich nicht einmal schuldig an dem, was einmal zweifellos zu weit gegangen war zwischen uns."Ein Opfer schrieb, es habe ihn nur so geliebt, wie ein Mädchen von zwölf Jahren jemanden lieben kann, bei dem es Zuwendung sucht. Er warf dem Mädchen daraufhin "reine pubertäre Geltungssucht" vor und wies sie zwei Zeilen später stolz auf seinen "Song des Monats" hin. Zum Schluss noch seine zynische Frage: "Bist Du sicher, dass Du keine Täterin bist?"Demmler spürte vielleicht, dass die Mädchen jetzt erwachsene Frauen waren und nicht mehr mit Drohungen eingeschüchtert werden konnten. Er schrieb, er sei entrüstet über die "unerschütterbare Überzeugung von Deiner Unschuld an allem". Und er schlussfolgerte, dieses Verhalten sei vergleichbar mit der "Unschuld" eines Dreizehnjährigen aus einer Straßengang, der einen Menschen umbrachte, aber "lachend konstatiert, dass er nicht strafmündig sei". Seine "zugegeben unväterlichen Gefühle" gestand er zwar ein, doch er hätte sie ja nicht unbedingt ausleben wollen: "Ich wollte nur immer wieder mit ihnen spielen". Er fühlte sich verkannt. Hatte er nicht so viel Gutes für die Mädchen getan?Eine von ihnen, die heute 34 Jahre alte Anja*, hat im Internet eine Seite für "Demmler-Mädchen" eingerichtet, um mit anderen Betroffenen reden zu können. Auch ihr Fall ist verjährt, sie war damals zwölf. Über seinen Tod ist sie erleichtert. "Er ist weg, er kann niemandem mehr etwas tun."Vor Gericht hat Kurt Demmler zu den Vorwürfen geschwiegen. Um die Fans, die uneingeschränkt an ihn glauben, nicht zu verlieren? Um sein Lebenswerk nicht selbst zunichte zu machen?Seit seiner Schulzeit sang und schrieb Kurt Demmler Lieder. Später studierte er Medizin und arbeitete sieben Jahre lang in Leipzig als Allgemeinmediziner. 1976 wurde er als Liedermacher und Texter erfolgreich. Seine Tantiemen lagen jedes Jahr im sechsstelligen Bereich.Mehr als 10 000 Texte hat er geschrieben, bis zu drei an einem Tag. Er war ein Workaholic, der Schubladen voller Ideen hatte. Er galt als eitel, zynisch und arrogant, aber er war zugleich dafür bekannt, Projekte, die ihm angeboten wurden, extrem schnell umzusetzen.1976 zählte er zu den Unterzeichnern der Protestresolution, die sich gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann wandte. 1985 erhielt er den Nationalpreis der DDR. Im Wendeherbst 1989 gehörte er zu jenen, die unter die Resolution der Rockmusiker ihren Namen setzten. Bei der großen Demonstration in Ost-Berlin am 4. November 1989 trat Demmler auf dem Alexanderplatz auf und sang seinen Stasi-Spottsong "Irgendeiner ist immer dabei".Nach der Wende war der Vater von zwei Kindern zwar weiterhin kreativ, konnte seine Texte aber immer seltener unterbringen. Mitte der neunziger Jahren hatte er vor, mit einer Mädchenband zu arbeiten. Er wollte so etwas wie Tic Tac Toe neu erfinden. Dafür hatte er junge Sängerinnen gecastet, die er vorsingen und vortanzen ließ. Aus der Band wurde dann nichts. Aber noch Ende der Neunziger wandte sich die Band Silbermond an Demmler, um sich bei Texten beraten zu lassen. 2001 dann erschien seine letzte CD mit dem Titel "Mein Herz muss barfuß gehen".Demmler galt als unangepasst und genial. Zwar hielt er sich auch selbst für den begnadetsten Texter, Talentfinder und Produzenten auf dieser Welt, aber er hatte tatsächlich etwas Einzigartiges. Man müsse den Menschen und den Künstler trennen, sagt Martin Schreier von der Band Stern Combo Meißen. "Ohne ihn in der Sache zu entlasten, ist es bedauerlich, wie es nun zu Ende gegangen ist." Es habe immer geheißen, dass Demmler "nicht ganz koscher" sei, sagt Schreier. Er wurde immer mit jungen Mädchen gesehen. Es gab einen Verdacht, aber dass er so weit ging?Beim DDR-Plattenlabel Amiga gab es unter Kollegen den Spruch: Wenn ein Mädel fünfzehn ist, ist es zu alt für Kurt. Die Menschen um ihn herum hätten vieles geahnt, aber keine Gewissheit gehabt, sagt ein ehemaliger Amiga-Mitarbeiter: "Wir haben das eine oder andere Devisenvergehen gedeckt, aber wenn sich auch nur ein Verdacht in dieser Richtung bestätigt oder es einen konkreten Hinweis gegeben hätte, hätten wir ihn angezeigt. Sowas wurde nicht gedeckt."Vor dem gestrigen Verhandlungstag hieß es, dass Kurt Demmler vielleicht ein Geständnis ablegt, pauschal. Dann hätten die Mädchen nicht als Zeugen aussagen müssen und das Gericht hätte Entgegenkommen gezeigt. Mit höchstens vier Jahren Gefängnis hätte Demmler rechnen müssen. Zudem hätte er Haftverschonung bekommen und bis zum Strafantritt zu Hause leben können. Aber es gingen weitere Anzeigen ein, drei waren es bis zum vergangenen Freitag, bestätigt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Ein neues Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet. Demmler musste mit einem weiteren Prozess rechnen.Vielleicht war das der Auslöser für seinen Selbstmord. Ein Abschiedsbrief wurde bisher nicht gefunden. Als psychisch krank oder selbstmordgefährdet galt er nach Aussage von Verfahrensbeteiligten nicht. Deshalb wurden auch keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Er habe am Montagabend vor dem Einschluss keinen depressiven Eindruck gemacht und so wie immer gewirkt, steht im Betreuungsbericht einer Anstaltsmitarbeiterin.In einem Brief an eines der Mädchen hat Demmler schon vor Jahren darüber geschrieben, was passieren könnte, wenn die Vorwürfe gegen ihn öffentlich werden. Er könne dabei "endgültig draufgehen". Das Landgericht hat den Prozess gegen ihn gestern eingestellt. Durch den Tod des Angeklagten sei ein Verfahrenshindernis eingetreten.(*Namen geändert)------------------------------"Er hat wieder alles entschieden und man bleibt zurück. Er hatte wieder das letzte Wort."Jona*, eines der Demmler-Opfer------------------------------Foto (2) :Beim Prozessauftakt vor dem Berliner Landgericht Ende Januar verbarg Kurt Demmler sein Gesicht.Kurt Demmler im "Schlagerstudio" des DDR-Fernsehens im Jahr 1982