Als letzter Sender will nun auch der NDR künftig seine Programmansager abschaffen. Schon am 26. Juli moderiert der dienstälteste Vertreter der Zunft, Dénes Törzs (67), zum letzten Mal im Abendprogramm.Herr Törzs, wie würden Sie künftig, wenn es im Fernsehen keine TV-Ansager und Programm-Moderatoren mehr gibt, der jüngeren Generation Ihren Job erklären?Ich bin Verkäufer. Verkäufer eines Produkts, an dem Kollegen lange, lange gearbeitet haben. Es ist meine Aufgabe, die Filmbeiträge dem Fernsehzuschauer näher zu bringen. Das muss informativ, darf und sollte aber auch in 30 Sekunden unterhaltsam sein.Ihre Art das Programm zu verkaufen unterschied sich mitunter erheblich von der gängigen Ansage. Fast möchte man behaupten, Sie haben die Programm-Moderation zur Kunstform erhoben.An einer Kunstform habe ich sicher nicht gearbeitet, aber es war mir sehr wichtig, dass ich die Zuschauer ansehe und nicht von irgendeinem Zettel ablese.Wie sind Sie überhaupt zu dem Job gekommen? Vor 25 Jahren gab es noch diese mit der Schreibmaschine geschriebenen Programmtafeln, die eingeblendet wurden, wenn zum Beispiel eine französische oder englische Sendung nicht die Länge hatte, die im Programm dafür vorgesehen war. Irgendwann wollte der damalige Programm-Direktor einen Menschen, der das Ganze wie ein Unterhaltungs- und Bildungsmagazin moderiert, weil es persönlicher und attraktiver ist als eine Papptafel. Da gab es im Nachmittagsprogramm Angebote für Bauernmalerei, Gitarre- oder Sprache-Lernen und am Abend die Unterhaltungsfilme und Serien. Manchmal hatte ich an einem Nachmittag insgesamt 20 Minuten Moderation. 20 Minuten, die mir gehörten. Und der Sender ließ mir freie Hand. Ich habe Studiogäste eingeladen, Regisseure und Schauspieler aus den Filmen, Straßenmusiker oder habe selbst Musik und Bilder ausgesucht.Wann wussten Sie, dass Ihre Art der Moderation beim Publikum ankam?Früher wurde viel mehr angerufen von den Zuschauern - da wusste man viel schneller, ob alles in Ordnung war oder nicht.Sie haben ja auch die Kleiderordnung der Ansager revolutioniert mit Ihren Pullovern, die zu Ihrem Markenzeichen wurden.Ich war der erste, der damals Pullover anzog vor der Kamera. Normalerweise waren Fernsehansager hochelegant angezogen, mit Anzug und Krawatte. Ich wollte aber die Distanz zwischen dem Publikum und mir aufbrechen und wollte genauso angezogen sein, wie die Leute vor der Glotze. Auch darauf gab es natürlich viele Anrufe. Da rief damals ein Zuschauer an und sagte, dass "dieser Ausländer wohl nicht wisse, dass man Krawatten im Fernsehen trägt". Ein paar Tage später bekam ich per Post einen ganzen Karton voll Trevira-Krawatten zugeschickt.Sind Sie eitel?Ein bisschen schon. Alle Leute, die es dazu drängt, sich vor Menschen zu stellen und denen etwas erzählen zu wollen, sind ein bisschen eitel.Nun möchte auch der NDR die Programm-Moderatoren abschaffen. Sie müssen traurig sein über diese Entscheidung?Es ist ja nicht so, dass es mit der Programm-Präsentation auf einen Schlag vorbei ist, wie damals bei RTL oder beim ZDF. Ich empfinde jetzt gar nicht so eine Traurigkeit oder Sentimentalität darüber, dass dieser Job ausstirbt. Und wer zu sentimental immer nur zurück- blickt und erzählt, dass früher alles besser war, muss aufpassen, dass er sich nicht schnell als Veteran entlarvt.Wird dem deutschen Fernsehen etwas fehlen, wenn demnächst nur noch Trailer das Programm anmoderieren?Fernsehen ist ein Medium für den Menschen, und am Erfolg von Talkshows merkt man ja auch, dass die Menschen nichts mehr interessiert als der Mensch. Deshalb wollte ich den Zuschauer auch immer persönlich ansprechen. Wenn ich um 21 Uhr einen Spielfilm ankündigte, habe ich es nicht versäumt, auch auf den tollen Film um 1.30 Uhr hinzuweisen. "Es ist ein bisschen spät, aber glauben Sie mir, es lohnt sich!", habe ich dann gesagt. Und die Zuschauer fühlten sich angesprochen, sind wach geblieben oder haben den Videorekorder programmiert. Das wird dem Zuschauer in Zukunft fehlen und das kann kein Trailer ersetzen.Demnach werden die nachfolgenden Generationen die Programm-Moderation auch nicht vermissen, weil sie sie gar nicht kennen?Die jungen Menschen sehen so etwas ja bei Viva. Dort sieht die Moderation natürlich anders aus und soll für kurze Ruhepausen nach den hektischen Videoclips sorgen. Aber ich finde, die Viva-Moderatoren machen das glänzend. Da steht oder sitzt mit einer Pobacke auf dem Hocker dann so ein gepierctes Ding vor einem poppigen Bild über Blue Screen eingespielt - fast schon altmodisch - und gibt Hintergrundinformationen.Vielleicht sollten Sie Ihre Bewerbungsunterlagen zu Viva schicken?Viva-Chef Dieter Gorny ist ein alter Kumpel von mir. Aber ich bin ja das Gesicht des Norddeutschen Fernsehens. Wenn ich mal im Ersten Programm zu sehen war in der Vergangenheit, haben die Leute gleich auf ihre Fernbedienung geguckt, ob sie sich nicht vertan haben.Was waren Highlights in Ihrer Arbeit der letzten 25 Jahre?Zum Beispiel das "Dinner For One" zu Silvester. Das habe ich über zwanzigmal angesagt. Manche Zuschauer sagten, wenn der Törzs das ansagt, öffnen wir immer die erste Flasche Sekt. Einmal sagte ich vor "Dinner For One": "Sie trank ein Gläschen Metternich, und schon fand sie viel netter mich!" Da rief der Vertreter von Söhnlein im Sender an, beschwerte sich und forderte, dass ich auch einen Kurzreim zum Thema Söhnlein Sekt mache.Was war der schlimmste Moment?Die vertauschte Neujahrsansprache von Ex-Bundeskanzler Kohl 1986. Ich war zwar nicht der Verursacher, aber hautnah dabei. Ich war unmittelbar nach dem Kanzler dran. Damals schrie mich der Intendant an: "Sie hätten es sehen müssen!" Ich antwortete, dass ich den Ton weggedreht hatte, um mich auf meine Moderation vorzubereiten. Da explodierte der Intendant, ein CDU-Mann: "Sie haben den Ton unseres Kanzlers weggedreht?" Er wollte mich furchtbar gerne abmahnen, aber das ging ja nicht, weil ich ja nie fest angestellt war beim NDR.Interview: Christian WriedtImmer unterwegs // Die erste Ansagerin des NDR (früher: Nordwestdeutscher Rundfunk), Irene Koss, gab am Silvesterabend 1950 ihr Debüt beim TV. Das neue Medium brauchte zunächst Sprecher, um die Umschaltzeiten zwischen Sendeanstalten zu überbrücken.Dénes Törzs ist gelernter Theaterdramaturg, aber fest dem Norddeutschen Rundfunk verbunden. Seit 34 Jahren hält der Wahlhamburger dem Sender die Treue, seit 1977 arbeitet er als Programm-Moderator. Sein Markenzeichen: der Pullover.In den Ruhestand will Törzs nicht gehen. Der 67-Jährige arbeitet als Sprecher, moderiert für den ORB die Musiksendung "Wünsch Dir was" sowie das Schleswig Holstein Musikfestival. Demnächst gibt er außerdem einen Fotokalender heraus.PETER SYLENT/PETER STILLE Ein Karton voller Trevira-Krawatten: Denés Törzs prägte seit 1977 das NDR-Programm.