BERLIN. André Leslie ist ein typischer Australier. Er hat blonde zerzauste Haare, ist schlank und wirkt extrem locker. Aus Sydney kam er vor einigen Jahren nach Berlin, um als Sportjournalist zu arbeiten. Über seine Lieblingssportart durfte er bisher nicht berichten. Er spielt Cricket.Die meisten Deutschen halten Cricket für ein Familienspiel für den Garten, bei dem man Kugeln durch kleine Törchen stoßen muss. Sie verwechseln es mit Krocket. Cricket dagegen ist Nationalsport in fast allen Commonwealth-Staaten, in England, Indien, Australien, Südafrika. In Berlin gibt es neun Cricketvereine. Einer davon ist der Berlin Cricket Club, der als erster deutscher Verein eine Tour nach Indien absolviert. Seit Dienstag reisen die Spieler auf eigene Kosten quer durch den Subkontinent und treten gegen einheimische Teams an.Die Spieler des BCC kommen aus England, Indien, Bangladesch, Australien, Neuseeland, Afghanistan und Südafrika. Selbst ein Jamaikaner ist dabei. Er ist, wie es sich für einen Jamaikaner gehört, Reggae-DJ und legt in einem Club an der Spree auf, den er Oppitossi nennt. Gemeint ist die Hoppetosse.Die meisten Spieler des BCC sind Einwanderer, einige studieren in Deutschland, viele arbeiten als Übersetzer. Nick Baker-Monteys kommt aus England und ist Filmemacher. Er war für die Planung der Indientour verantwortlich: "Wegen der Terroranschläge in Bombay vor zwei Monaten wäre die Tour fast gescheitert", sagt Baker-Monteys. Auch die Transportfrage innerhalb des Landes war lange nicht geklärt, bis sich schließlich die Firma eines indischen BCC-Mitgliedes bereit erklärte, Geländewagen zur Verfügung zu stellen.Zwischenstation GoaDie zweiwöchige Tour beginnt und endet in Bombay, Zwischenstationen sind Goa und Mysore im Süden des Landes. Insgesamt werden sieben Spiele absolviert, die Gegner sind indische Viertligamannschaften und regionale Auswahlteams. Ob man Siege einfahren kann, vermag Baker-Monteys nicht vorauszusagen, "es wird auf jeden Fall schwer, weil wir uns erstmal akklimatisieren müssen." Der Temperaturunterschied zwischen Berlin und Bombay beträgt derzeit 30 Grad.Die Spieler bezahlen Flug und Unterkunft aus eigener Tasche, daher werde der Klub solch eine Tour nicht so schnell wiederholen, sagt Präsident Tim Sandner, das letzte noch aktive Gründungsmitglied des Vereins. Der 53-jährige Engländer ging nach seinem Romanistikstudium in Cardiff für einige Jahre nach Frankreich, wo er eine deutsche Frau kennenlernte und mit ihr nach Berlin zog. Für Cricket konnte er sie nie begeistern. "In 25 Jahren hat sie einmal zugeschaut. Das versteh ich aber auch, bei acht Stunden Spieldauer", sagt Sandner. Er arbeitet - wie auch viele seiner Vereinskollegen - als freier Übersetzer. Die deutsche Version des Drehbuchs von "Apocalypse Now" ist sein Werk. Für den Auftrag bekam er damals 500 Mark. Durch eine Anzeige in einem Stadtmagazin fand er sich 1985 mit einigen Engländern und Deutschen in einer Kreuzberger Kneipe zusammen, um eine Cricketgemeinschaft zu gründen. Die ersten Versuche mit Schläger und Ball fanden in traditioneller weißer Kleidung im Volkspark Rehberge statt. Man nannte sich The Refugees - die Flüchtlinge. 1996 riefen sie den Berlin Cricket Club ins Leben.Die Spieler des BCC gehören mittlerweile zu den besten in Deutschland, verdienen aber nichts mit ihrem Sport. Im Gegenteil, sie zahlen Vereinsbeitrag, 75 Euro im Jahr, für Studenten 40 Euro. Sogar der Präsident zahlt. "Das ist aber noch sehr wenig", sagt Sandner. "In Hamburg zum Beispiel sind die Beiträge bei 300 bis 400 Euro, weil die Plätze so teuer sind. Unser Platz auf dem Olympiagelände wird uns sehr günstig zur Verfügung gestellt, obwohl es der beste Platz in Deutschland ist." Der Nachteil ist, dass sich fünf Mannschaften diesen Platz teilen müssen, daher trainiert der BCC nur einmal die Woche. Vor dem Zweiten Weltkrieg spielten hier auch die Fußballer von Hertha BSC. "Viele Bundesligavereine haben früher Cricket gespielt", erzählt Sandner, "bis sie merkten, dass Fußball mehr Geld bringt."Rund 30 Zuschauer besuchen die Heimspiele des BCC. "Das sind alles Angehörige von Spielern", sagt Sandner. "Ab und zu kommen noch Arbeiter aus indischen Restaurants." Die können wenigstens Cricket von Krocket unterscheiden.------------------------------Von der InselNicht Batman - Batsman: Cricket wird seit dem 13. Jahrhundert in England gespielt. Der Sport ähnelt in seiner Grundkonstellation noch am ehesten dem Baseball. Die Mannschaften müssen in mehreren Innings Runs erzielen, indem ihr Striker einen vom Batsman geworfenen Ball wegschlägt und zum gegenüberliegenden Wicket rennt.------------------------------Foto: Ganz in Weiß, aber ohne Blumenstrauß: Cricketspieler mögen keine Farben.