Dariusz Michalczewski geht gegen Graciano Rocchigiani zum ersten Mal in seiner Laufbahn k. o. - und bleibt dennoch Boxweltmeister im Halbschwergewicht nach Version der WBO. Das Urteil lautet "Technisches Unentschieden".Die Konfusion nach dem Ende des WM-Kampfes am ausverkauften Millerntor von St. Pauli war nicht mehr zu überbieten. Michalczewski erklärte seinen Herausforderer mit den Worten "Du warst der Bessere" zum Sieger, während das Kampfgericht entgegen allen Satzungen via Fernsehen eine Szene rekapitulierte, die in der siebten Runde zum vorzeitigen Abbruch geführt hatte. Der Ringsprecher versuchte die unruhig werdenden Fans zu beruhigen und goß noch mehr Öl ins Feuer: "Wir haben einen großartigen Kampf zweier gleichwertiger Boxer gesehen." Was nicht stimmte, denn Rocchigiani war eindeutig Chef im Ring, brachte den Weltmeister mit kurzen Haken, vor allem Aufwärtshaken, immer wieder in Verlegenheit. Auf allen drei Punktzetteln lag er in Front. Viele der überraschend in der Mehrzahl vertretenen Rocky-Fans ahnten spätestens jetzt, daß ihr Matador ein drittes Mal in seiner Laufbahn (nach Eubank und dem ersten Maske-Kampf) um den Titel betrogen werden sollte. Das schließlich gefundene Urteil Unentschieden kam dem zumindest nahe.Geschehen war dies: In einer Infight-Szene war der stark übergewichtige amerikanische Ringrichter O`Neill (150 kg) nicht rechtzeitig zwischen beide Kämpfer gekommen. So versuchte er die Trennung, indem er, hinter Michalczewski stehend, dem Hamburger auf den Rücken klopfte. Rocchigiani, im "Schwitzkasten" des Weltmeisters, konnte das unmöglich hören und schlug eine Linke, die seinen Gegner zunächst in die Seile und dann auf den Boden trieb. Zweifellos ein Schlag nach dem Trennkommando, genauso sicher aber ungewollt, durch die Unfähigkeit des Ringrichters begünstigt.Viele Fragen, kaum Antworten. Rocchigiani-Bruder Ralf fand als Erster das Wort von einer hollywoodreifen Leistung des Weltmeisters. Auch Rocky-Trainer Emanuel Steward glaubte, daß Michalczewski bei Inanspruchnahme der gestatteten fünf Minuten Behandlungszeit hätte weiterboxen können. Doch dagegen hatte der Ringarzt bereits sein Veto eingelegt. Wohl um den Skandal in Grenzen zu halten, wurde das Unentschieden ersonnen.In der nachfolgenden Pressekonferenz fand die Farce ihre Krönung, als sich WBO-Präsident Francisco Valcarel (Puerto Rico), im Zivilberuf Anwalt, und Rocchigiani-Anwalt Jeffrey Yellen über die Auslegung ihrer Regel 5 stritten. Darin ist festgelegt, daß ein Kämpfer nicht verlieren darf, wenn er durch ein Foul kampfunfähig geschlagen wird. Ob es sich dabei aber nur um eine unkorrekte oder um eine absichtlich regelwidrige Aktion handeln darf, muß nun ein Gericht entscheiden. Promoter Kohl kündigte schon mal an, daß es "so schnell wie möglich ein Rematch" geben müsse, während Rocchigiani versicherte, daß er kein Rematch, sondern sein Recht haben wolle. Einen neuen Kampf (im Gespräch 7. 12. in Hannover) schloß er allerdings nicht aus ("dann diktiere ich die Bedingungen") und würzte gleich scharf nach in Richtung Kohl: "Ihr seid Betrüger, Schweine seid ihr." Am Rande kamen dann noch Rocky-Gattin Christine und Michalczewski ins Streiten. Der Champion wehrte die vehement vorgetragene Erklärung der besseren Rocky-Hälfte so ab: "Wenn jetzt auch noch die Frauen mitreden wollen, hole ich meine Mutter. Dann gewinne ich immer." Konterte Christine: "Du hast wohl was gegen Frauen?"Übrigens: Der Kampf selbst stand auf gutem Niveau. +++