Der Berliner Büchermacher Oliver Schwarzkopf bedient eine Marktlücke, die bis nach Australien reicht: Der Hochglanz-Verleger

Robbie Williams, der Popstar, der Teenie-Schwarm, der Musikhypnotiseur, der Drogengebeutelte, ist auch nur ein Mensch. Weshalb er, wie man weiß, Krieg mit der deutschen Presse bekam, bevor er seine jüngste Deutschland-Tournee startete. Eine Dresdner Boulevard-Zeitung strafte den Künstler gar mit einem weißen Fleck, an derjenigen Stelle, auf der sein Abbild hätte Platz finden sollen.Ein Buchverleger hätte da aushelfen können. Mit schönen sanften Porträts zum Beispiel, aus einer Zeit, als Robbie noch einen kleinen Mittelscheitel auf seinem Kurzhaar trug. Oder mit Aufnahmen vom Nahkontakt mit dem Publikum: der strahlende Aufsteiger der Neunzigerjahre mit dem Mikrofon ganz vorn an der Rampe hockend über einem Meer von Jubelarmen - Szenen, die in der Distanz des Olympiastadions nicht mehr vorkamen.Zu sehen ist derlei Rock-Nostalgisches auf einer Buchpremiere zwischen gealtertem Fabrikgemäuer: The Berlin Rock Photo Gallery. Berlin, Prenzlauer Berg. Die Szene im Hinterhof der Kastanienallee hat Manchester-Flair. Drinnen in der Stickluft hängen großformatige Bilder von dem abtrünnigen Take-That-Star der Neunzigerjahre. Ein Mann in Schwarz mit glatt nach hinten gekämmtem Haar, das zu einem kleinen Pferdeschwanz gestrafft ist, erklimmt das Podium. Ein feines, schmallippiges Lächeln ziert sein Gesicht, während er den fast DIN-A3-großen Bildband "Robbie Williams" hoch über die Menge stemmt.Oliver Schwarzkopf, der Büchermacher, der die prächtigen Folianten aus der Musik- und Filmszene editiert - punkig, promischwanger und mit einer schwelgerischen Prise Erotik -, man könnte ihn in diesem Moment auch für einen talentierter Animateur halten. Er muss zwei Lücken füllen. Robbie Williams wird nicht kommen, einen Tag vor seinem Berlin-Auftritt. Und der 61-jährige Fotograf Fryderyk Gabrowicz liegt in einem Münchner Krankenhaus, getroffen von einem Schlaganfall. Wie ein Popstar hält Schwarzkopf das Mikrofon in die Menge und lässt das schwitzende Publikum Beifallskaskaden abfeiern, die dem Mann zur Ermutigung zum Krankenbett übertragen werden.Der Hochglanz-Verleger ist einer, der multimedial handelt. Die Hinterhof-Galerie hat er sich als Präsentations- und Veranstaltungsort zugelegt und offenbar auch als ein Refugium der Selbstbestimmtheit für einen, der durch Zeit und Raum und Messen und Autorengespräche und Pressetermine und Leseveranstaltungen zu hetzen gewohnt ist. Einen Atemzug lang ist er auf solchen Vernissagen manchmal glücklich - eine Vokabel, die er gern gebraucht. Aber es ist nicht abzulesen, ob dies zuerst dem Glanz seiner Produkte oder dem Gang der Geschäfte gilt.Vor Robbie Williams war David Bowie in der Kastanienallee vertreten, mit "Moonage Daydream". Schwarzkopfs Daydreams finden indessen vier Etagen höher statt, an Bildschirmen im obersten Stockwerk der ehemaligen Maschinenfabrik, das den Charme einer WG mit dem eines Papierlagers vereint. Auf einem grünen Billardtisch, an dem der Besucher hüftnah vorbei muss, paradieren ein paar Editionen der letzten Wochen und Monate. Hildegard Knef und Dieter Hallervorden posieren neben Jimi Hendrix und den Beatles, flankiert von "sexualintelligence" und "Wie Männer ticken". Schwarzkopf ist der Frontman einer 15-köpfigen Loft-Band, die Power-Bücher macht. Allein für die Pressearbeit assistiert ihm ein vierköpfiges Frauenteam. Alle haben sie einen Händedruck, als kämen sie gerade aus dem Fitnessstudio nebenan.Zweisprachige Prachtbände aus der britischen Rock- und Popszene sind Schwarzkopfs Paradetitel. Damit bedient er eine weltweite deutsch- und englischsprachige Klientel. Er profitiert dabei von der Buchpreisbindung, die es in Großbritannien und den USA nicht mehr gibt und wo Bücher schnell verramscht werden, oft schon nach Jahresfrist. Was ein Star-Fotograf wie Gabrowicz bei Schwarzkopf verlegt, hat dagegen die Chance auf lange Laufzeit. Und auf angemessenen Honorarertrag. Die Marktlücke klafft bis nach Kanada und Australien.Ein Kleinverleger als Global Player. Der 39-Jährige mit der Leidenschaft fürs Opulente hat bescheiden begonnen. Bevor er seine Karriere zweisprachig anlegte, versuchte sich Oliver Schwarzkopf mit einem Krimi-Verlag. Das war Anfang der Neunzigerjahre in Leipzig. Sein Werbespruch: Jede Großstadt hat das Verbrechen, das sie verdient. Aber die Heldenstadt gab dafür auf die Dauer offenbar nicht genug her.1992 zog es den Berliner zurück in seine Heimatstadt. Ein Großstadtverlag, ein Metropolenverlag, ein Publikumsverlag sollte es nun sein. "Spray City - Grafitti in Berlin" hieß der erste Bildband aus dem Hause Schwarzkopf & Schwarzkopf. Weitere Graffiti-Titel folgten. Bald waren 80 000 Exemplare verkauft .Eine Ermutigung für den Newcomer, das Profil zu erweitern. In den Neunzigerjahren nahm er viele ostgebundene Titel auf, "Gysis freche Sprüche" zum Beispiel, Ost-Rock wie "Feeling B", Defa und Dagmar Frederic. Aber das läuft nun aus. Nur seinen Heiner-Müller-Bildband heiligt der einstige Student der Theaterwissenschaften wie eine Reliquie. Im Treppenaufgang zu seiner Büroetage hat er Porträtfotos des Dramatikers ausgehängt. Erinnerungslandschaft des Verlegers: Schwarzkopfs Vater war so etwas wie der Hausphilosoph an der Volksbühne und zu Benno Bessons Zeiten befreundet mit Heiner Müller. Sohn Oliver verbrachte sein halbes Kinderleben hinter den Theaterkulissen - das prägt. Musisch.Das Kaufmännische für den Verlegerberuf lehrte ihn dann sein eigener Ehrgeiz. Glamouröse Bildbände zur modernen Musikgeschichte - da wollte er eines Tages zu den Marktführern gehören. Aber das kostet Geld. Banken spielen da nicht mit. Sie verstehen nichts von bedrucktem Papier, sagt der Branchenspott, es sei denn, es steht ein Geldbetrag drauf. Bleibt dem Kleinverleger nur der geduldige Aufbau seiner Backlist: Zahlen kann er nur bei gutem Abverkauf dessen, was er auf der Palette liegen hat. Eine höchst unsichere Rechengröße. Schwarzkopf beschloss deshalb: So wenig Outsourcing wie möglich. Alles, was Bildband-Knowhow betrifft, wird im Hause gemacht, vom Großformat-Scan über die Bildverarbeitung bis zur Druckvorstufe. Nur gedruckt wird extern. Das funktionierte.So war er denn auch handlungsfähig, als ihm eines Tages der Londoner Fotograf Gered Mankowitz ein sensationelles Angebot ins Haus trug: die Rolling-Stones, mit der Kamera begleitet durch einige ihrer besten Jahre. Weit mehr als 100 000 Euro investierte Schwarzkopf für den verlegerischen Kraftakt: zwei Bände mit je 320 Seiten im Großformat fast DIN A3, schweres Kunstdruckpapier, mehr als 1500 Abbildungen, mit zwei Plakaten im Format 70 x 100 Zentimeter rund im luxuriösen Schmuckschuber. Auflage: 5000 Exemplare. Den Ladenverkaufspreis legte er auf 199 Euro fest. Das zielt auf gutbetuchte Kundschaft.Gewicht der Stones-Edition: mehr als zehn Kilogramm. Das ist schwere Last für die Palette, aber nicht für die Verlegerseele. Ohne solche gelegentlichen emotionellen Kicks geht es in diesem Gewerbe nicht ab. Vielleicht, so mutmaßt er, verkaufen wir nur homöopathisch. Doch 1000 Exemplare pro Jahr sollten es schon sein. Über ebay-shops sei er ja in Großbritannien, den USA und Australien mit seinen zweisprachigen Musikbildbänden bereits gut im Geschäft. Ein Homöopath ist er jedenfalls nicht.Schwarzkopfs Erfolgsgefühl macht sich gern auch an prominenten Autorennamen fest. Udo Lindenberg, Nina Hagen, Ulla Meinecke - da sind Beziehungen gewachsen, die sich manchmal schon Freundschaft nennen ließen. Dieter Hallervorden ließ sich zu ihm empfehlen, da schwoll neuer Verlegerstolz. Dazu kommt eine ungebändigte Themenlust, immer auf Augenhöhe mit dem Zeitgeist. Punk und Grafitti, Bosse und Blondinen, Rotlicht und Trebe - kaum ein Spielfeld aus Musik und Szene, Film und Fernsehen, Lust und Liebe lässt der Fährtensucher in der Buchlandschaft unbeackert. Film steht neben Rock an der Spitze seiner Titellisten, soeben ergänzt durch eine Biografie des erfolgreichsten deutschen Filmproduzenten, Horst Wendlandt, und durch "Dressing a Galaxy", eine Präsentation der Star-Wars-Kostüme, natürlich in einem opulenten Bildband. Klar, dass Schwarzkopf auch Michael Moore nicht ausgelassen hat. Inzwischen gelangte, gewissermaßen als Begleitbuch zu dem Berlinale-Film "Elementarteilchen", auch eine Biografie über Michel Houellebecq auf den Buchmarkt.Liest ein Verleger abends eigentlich noch, was er am nächsten Morgen zum Druck gibt? Die Spezies, die das schafft, scheint so gut wie ausgestorben. Zeit ist Geld, Zeit sparen auch. Dieser Mann liest zumindest selektiv, und mitunter gelüstet es ihm bei all dem Glamour auch mal nach einem Kontrastprodukt. "I hate myself and want to die", soeben erschienen, versammelt die 52 deprimierendsten Songs aller Zeiten gleichsam in einem urkomischen Spiegelkabinett der Rock- und Popszene.In der Verlegerbranche hat Schwarzkopf sich Respekt verschafft. Doch nicht jeder klopft dem erfolgreichen Aufsteiger auf die Schulter. Neider nennen sein Programm gern schon mal einen glamourösen Gemischtwarenladen, einen Kessel Buntes von Showbusiness und Kult, verklatschten Liebhaber-Protokollen und mitleidigen Sozialstorys, laschen Domina-Memoiren und pornografischen Gelüsten. Das will Schwarzkopf nicht so stehen lassen. Die Sozialstorys: absolut ernsthaft! Solche Bücher leiste er sich, auch wenn sie sich nicht so schnell verkaufen. Und das soeben erschienene Buch "Ich nenne es ,da unten'. 28 Frauen über ihre Vagina" will er verstanden wissen als ein Gesprächsangebot: Weil viele Frauen über ihr "da unten" nicht reden können und somit trotz unserer so modernen Zeiten ein heftiges Problem haben.Hineinreden in sein Buchgeschäft lässt er sich jedenfalls nicht. Nicht von spitzfindigen Kritikern und schon gar nicht von beutegierigen Großverlagen, die sich einen erfolgreichen Kleinen wie ihn gern einverleiben würden. Unabhängigkeit ist für ihn eine Grundtugend, er hätte sonst gar nicht Verleger werden wollen. Nur ein einziges Mal nahm er einen Geldgeber in Anspruch. Das war im Jahr 1994, als das Stammkapital aufzubringen war. Doch der andere mischt sich niemals ein. Wie auch? Dieser Mitgesellschafter verdient selbst gutes Geld, er ist Ingenieur, er machte nach der Wende Karriere bei Siemens in Tokio und schreibt und spricht heute eher japanisch. Die Ehre, im Verlagsnamen vertreten zu sein, genügt dem generösen Bruder Christian Schwarzkopf.Aber die Erstexemplare, die bekommt er für seine Treue doch wohl geschickt in das Land der aufgehenden Sonne? Irrtum!, sagt der Berliner Geschäftsführer. Dafür ist die Wohnung eines Managers in Japan zu klein.------------------------------Foto : Der Verleger bei der Ausstellung von Robbie-Williams-Fotos letzten Mittwoch in seinem Haus