PEKING. Sie hatten es nicht leicht, die schweren Jungs. Sie sind sich am Dienstagabend im Olympiastadion wie die Schmuddelkinder vorgekommen. So als hätte die Regie die Diskuswerfer für die vielen Geschichten und Vorfälle bestraft. Ereignisse aus Vergangenheit und Gegenwart, die Trainer und Werfer betreffen, ob sie nun Werner Goldmann heißen, Coach der deutschen Medaillenhoffnung Robert Harting, oder Robert Fazekas, Betrüger von Athen. Dem Ungarn war vor vier Jahren nach Verweigerung einer Dopingprobe die Goldmedaille aberkannt worden. Die Kriminalgeschichte von damals hätte eigentlich für eine lebenslange olympische Sperre reichen müssen. Doch Fazekas durfte in Peking dabei sein. Er wurde Achter, warf siebeneinhalb Meter kürzer als vor vier Jahren. Was Doping so ausmacht.Der 23 Jahre alte Berliner Robert Harting, Zweiter der WM 2007 in Osaka, hatte auf eine Medaille gehofft. Er warf im dritten Versuch 41 Zentimeter weiter als bei der WM. Mit diesen 67,09 Metern setzte er sich auf Position zwei hinter dem imposanten Polen Piotr Malachowski (67,82). Die Polen haben sich ja in kurzer Zeit in eine wahre Werfernation verwandelt. So hatte bereits Malachowskis Teamkollege Tomasz Majewski überraschend Gold im Kugelstoßen gewonnen. Harting begleitete die ansehnliche Luftreise seines Arbeitsgeräts wie immer mit einem martialischen Schrei. Die Weite nahm er gelassen zur Kenntnis. Man darf keine Nerven zeigen in diesem Geschäft.Schneller und brutalerAls das Finalfeld von zwölf auf acht Werfer ausgedünnt worden war, ging es im vierten Versuch schnell zur Sache. Schneller und brutaler, als es Robert Harting fassen und verdauen konnte. Zunächst der Litauer Virgilius Alekna (36), Olympiasieger von Sydney und Athen: 67,79 Meter. Harting war Dritter. Dann der Favorit aus Estland, Weltmeister Gerd Kanter (29): Er konterte. 68,82 Meter. Die klare Führung. Harting war Vierter. Und er konnte nicht antworten. Sein Diskus flog viel zu flach. Er machte den Wurf ungültig.Eigentlich war der Wettkampf damit beendet. Die letzten beiden Durchgänge wurden etliche Male durch Siegerehrungen, Halbfinals und Finals auf der Bahn unterbrochen. Es war nicht schön für die Kerle, die auch nicht mehr oder weniger gedopt sind, als die Konkurrenz der Läufer, die alle Aufmerksamkeit der Stadionregie bekamen. Der Wettbewerb war dermaßen an den Rand gedrängt und dramaturgisch zerstückelt worden, dass man fast Mitleid haben konnte. Erst das 400-m-Finale der Frauen. Die Siegerehrung im Männer-Hochsprung, das Finale über 100 Meter Hürden. Es war sicher nicht leicht, die Spannung zu halten. Irgendwann durfte Harting noch einmal werfen. 66,51 Meter. Zu wenig.Harting packte verdächtig energisch seine Startnummer mit seinen großen Pranken. Er wollte doch nicht etwa, nein, nicht wie in Osaka seine Startnummer verspeisen. Diesmal hielt sich Harting an den Essensplan im Olympischen Dorf. Er ließ die Zwischenmahlzeit aus. Es gab nichts zu feiern. Rang vier, der berühmte undankbare. Harting machte ein Gesicht wie auf einer Trauerfeier. "Zufrieden bin ich nicht, das ist doch logisch", sagte er und berichtet von Streitigkeiten mit Trainer Goldmann. Weder das Training in Peking sei optimal gelaufen, noch habe es ihm im Olympischen Dorf gefallen, erzählte Harting, der sich nun um eine frühere Rückreise bemühen wollte.Gerd Kanter aber war lustig drauf. Er verschaffte sich am Ende des Abends, als sich das Stadion schnell leerte, jene Aufmerksamkeit, die Olympiasiegern gebührt. Kanter joggte seine Ehrenrunde erst leicht an. Auf der Zielgeraden legte er einen formidablen Sprint hin, wie man ihn von einem Koloss wie ihm, 125 Kilo schwer, kaum erwartet hätte. Nun gab es ihn, den Beifall, den die Diskuswerfer in den 100 Minuten zuvor vermisst hatten.------------------------------Foto: Der Schwung reicht nicht ganz: Robert Harting, 23, verpasst eine Medaille.

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