BERLIN, 24. Juni. 1979 das ist das Jahr, in dem Franz Josef Strauß Anlauf zur Kanzlerkandidatur nimmt, eine Familie per Ballon aus der DDR flüchtet und Schlöndorffs Verfilmung der "Blechtrommel" in den Kinos läuft. Der Schah muß abdanken, Rudi Dutschke stirbt, und die USA schlittern knapp an einem Atom-GAU vorbei.Ein Ereignis allerdings hat noch keinen Eingang in die allgemeine Geschichtsschreibung gefunden: Erstmals wird in jenem Jahr auch der sogenannte Christopher-Street-Day (CSD) in Deutschland begangen. Am 30. Juni 1979 ziehen im Westteil Berlins rund 400 Schwule und Lesben vom Savignyplatz über den Kudamm zum Halensee. Sie erinnern damit an die Unruhen in der New Yorker Christopher Street, die zehn Jahre zuvor stattgefunden hatten. Am 27. Juni 1969 hatten Schwule und Lesben sich dort handgreiflich gegen Polizisten gewehrt, die Razzien und willkürlichen Verhaftungen durchführten. Die scheinbar Wehrlosen schlugen zurück und der mehrtägige Aufstand zeigte Wirkung: Schon ein Jahr später erinnerten in New York 5 000 Demonstranten an den Tag, der als das Geburtsdatum der modernen Homo-Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg gilt. 1979 ist auch Rolf Fischer, damals 29 Jahre alt, bei der ersten CSD-Demo in Berlin dabei. Doch nicht nur das. Der gelernte Fotograf hält den Protestmarsch auf Dias fest, die ein paar Tage danach im Schwulen-Zentrum "Schwuz" gezeigt werden sollen. Die Fotoaktion "wird später zum Selbstläufer", so Fischer. Und so hat er bislang jede CSD-Demo in Berlin fotografiert sein Archiv umfaßt rund 3 000 Aufnahmen. Auch bei der zwanzigsten Demonstration am Sonnabend wird Fischer wieder mit der Kamera unterwegs sein. "Den Termin habe ich jedes Jahr fest für mich eingeplant", sagt er. "Mach Dein Schwulsein öffentlich" so lautete vor 20 Jahren das Motto in Berlin. Gefordert wurde die Abschaffung des Paragraphen 175 und der Berufsverbote für Homosexuelle. Zeitgleich protestierten die Homos damals auch in Bremen.Verglichen mit den Hunderttausenden, die heutzutage bundesweit zu CSD-Paraden gehen, war dies ein kleines Häuflein. Doch ein Ziel der Demonstranten war trotz kleiner Zahl erreicht. "Sichtbar werden, Selbstbewußtsein zeigen: Wir sind zusammen auch viele", erinnert sich Rolf Fischer. Auch schwule Lehrer und Beamte liefen 1979, anders als bei manchen Demos zuvor, ohne Maske mit. Am Ende der 70er Jahre hatte die "undogmatische Linke" ihre Aufbruchszeit. Die Grünen und die "tageszeitung" (taz) wurden gegründet. Und so war es kein Wunder, daß zunächst auch beim CSD "ein Gefühl der Subversion" und "die Nähe zur Arbeiterbewegung" zählten, wie ein Veteran dem Magazin "Siegessäule" sagte. Daß es damals nicht "so staatstragend" zuging wie bei den heutigen CSD-Großdemos, räumt auch Rolf Fischer ein. "Die Bewegung ist breiter und damit auch politisch flacher geworden." Heute geben Basisgruppen nicht mehr den Ton an, Partyspaß und Tanzmusik drängen seit einigen Jahren in den Vordergrund. Doch Fischer findet die Veränderung des CSD "hin zum Karneval" nicht so dramatisch. Ihm ist es wichtig, daß weiter engagierte und weniger engagierte Homos gemeinsam zeigen, "daß wir eine Kraft sind, an der man nicht vorbeikommt". Manchen Forderungen der etablierten Homo-Vertreter steht Fischer aber kritisch gegenüber: "Gleiche Rechte ja aber die schwule Ehe lehne ich ab".Für Rolf Fischer waren die CSD-Demos "zu Beginn der Aids-Krise", in den Jahren 1982 bis 1984, besonders wichtig. "Damals galt es, denjenigen etwas entgegenzusetzen, die Aids auf Kosten der Schwulen instrumentalisieren wollten. Dem CSU-Politiker Peter Gauweiler etwa, oder voreingenommenen Berichterstattern des Magazins Der Spiegel ." Für 1999, wenn der Aufstand in der Christopher Street sich zum 30. Mal jährt, plant der Fotograf eine Ausstellung seiner CSD-Fotos.