Der Berliner Jirka Arndt startet beim Europacup-Finale in Gateshead und ist auch bereits für Sydney qualifiziert: Vom Mitläufer an die Spitze der Rangliste

BERLIN, 14. Juli. Das Urteil könnte fast nicht vernichtender sein. Wenn es den aktuellen Zustand beschriebe. Doch das, was Trainer Stephane Franke über seinen Schützling Jirka Arndt, 26, Langstreckenläufer beim Berliner SC Charlottenburg , sagt, ist die Schilderung der Vergangenheit: "Jirka konnte nie umsetzen, was er im Training geleistet hat. Er war nicht bereit, für den Sport zu leben, hat nebenbei ein bisschen studiert, bis nachts um zwölf oder eins Computer gespielt und war dann früh dementsprechend kaputt, er fuhr am Wochenende nach Hause an die Ostsee, wann immer er Lust hatte, er ."Vorzugsweise Pommes und ColaStephane Franke, selbst einer der erfolgreichsten deutschen Langstreckler, zweimaliger EM-Dritter über 10 000 Meter (1994 in Helsinki und 1998 in Budapest) schafft es nicht, in einem Atemzug alle "Schandtaten" von Arndt aufzuzählen. Die größte, aus Sicht des Trainers: "Er hat unkontrolliert allen möglichen Müll in sich reingedroschen." Vorzugsweise Big Mac, Pommes und Cola. "Alles, was ihm so schmeckte. Und möglichst zu jeder Tag- und Nachtzeit."Die Vergangenheit liegt noch nicht allzu lange zurück. Erst im Herbst 1999 hatte sich Jirka Arndt dem Erfolgs-Duo Stephane Franke und Damian Kallabis angeschlossen. Manches, so sagt Franke, habe ihn an die ersten Monate des gemeinsamen Trainings mit dem Hindernis-Europameister erinnert. "Auch Damian musste ich glasklar vor die Alternative stellen: Entweder ganz oder gar nicht." Franke hat offensichtlich das richtige Rezept auch für Arndt gefunden. "Ich habe gehofft, dass sich der Wechsel zu Stephane auszahlen wird, aber dass sich die Fortschritte so schnell einstellen, damit habe ich nicht gerechnet", bekennt Jirka Arndt. Das Architektur-Studium habe er erst einmal unterbrochen. "Zeit dafür wäre ohnehin nicht gewesen." Gemeinsam mit Franke und Kallabis bestritt der gebürtige Wolgaster, der 1987 an die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) in Potsdam kam und sich 1998 dem SC Charlottenburg anschloss, die Saisonvorbereitung: viereinhalb Wochen Kenia bis Ende Januar, ab Mitte Februar drei Wochen Flagstaff/USA, anschließend zwei Wochen Portugal mit dem Start bei der Cross-Weltmeisterschaft und den European Challengers der Langstreckler. Danach zwei Wochen Kalifornien, anschließend wieder sieben Wochen Flagstaff bis Anfang Juni. Jirka Arndt ist um eine Erfahrung reicher: "Ich hätte gar nicht gedacht, dass ich diese Belastungen so gut durchstehe."Nicht nur gut, sondern ausgezeichnet. Arndt verbesserte anschließend seine persönlichen Rekorde gleich reihenweise. In der deutschen Rangliste katapultierte sich der frühere "Mitläufer" (Arndt über Arndt) an die Spitze der nationalen Rangliste. Er ist die Nummer eins über 3 000 und 10 000 Meter, die Nummer zwei (hinter Dieter Baumann) über 5 000 Meter. Noch allerdings muss der Charlottenburger damit leben, "einer der Unbekannten der deutschen Leichtathletik" zu sein. Doch das könnte sich schon am Wochenende ändern. Das Männer-Team hat beim Europacup-Finale der Superliga im englischen Gateshead den Titel zu verteidigen.Platz ein bis vier sind möglichArndt ist für den 3 000-Meter-Lauf nominiert. Die Voraussage von Trainer Franke, der nach einem Achillessehnen-Abriss die eigenen Ambitionen für diese Saison zurücksteckte, weckt Hoffnungen: "Von Platz eins bis vier ist alles drin." In der europäischen Bestenliste liegt Arndt derzeit auf Rang sechs: hinter vier Franzosen und einem Norweger. Der Nationalmannschafts-Neuling sieht sich gegenüber zahlreichen anderen im deutschen Team mental im Vorteil. Denn Platz eins oder zwei in Gateshead garantiert einen Platz im Aufgebot für Sydney. Arndt braucht nicht darum zu bangen. Der Berliner hat seinen Platz bereits seit dem 30. Juni sicher, als er beim Golden-League-Meeting in Rom die 5 000-Meter-Norm (13:25,00 Minuten) um fast dreieinhalb Sekunden unterbot. In Deutschland ist derzeit nur Dieter Baumann schneller. "Das muss nicht so bleiben", sagt Arndt. Auch das Selbstbewusstsein hat ihm Franke schon eingeimpft.ZB/IRIS HENSEL Noch eine unbekannte Größe der Leichtathletik: Jirka Arndt, 26, SCC.