Der Berliner Lutz Lehmann konnte sich bei der Friedensfahrt das Gelbe Trikot des Spitzenreiters überstreifen. Damit erfüllte sich für den 31jährigen ein Kindheitstraum.Diesen Rummel ist Lutz Lehmann nicht gewöhnt. Autogramme des 31jährigen Berliners sind bei dieser Friedensfahrt heiß begehrt, und der Rennfahrer vom Klub Opel Schüler staunte nicht schlecht über den Andrang in Oberwiesenthal, Usti und bei der gestrigen Bergankunft in Zlate Navresi. Seit der 1. Etappe des diesjährigen Course de la Paix trägt der Berliner das Gelbe Trikot, nachdem er das Punktefahren beim Prolog und die beiden ersten Tagesabschnitte in der Tschechischen Republik gewann. Dabei ist Lehmann durchaus ein in Deutschland erfolgreicher und bekannter Rennfahrer. "Ich habe in der Geschichte der Rad-Bundesliga bisher die meisten Rennen gewonnen, aber das wissen nur die Fachleute und wirklichen Fans. Jetzt aber drängen sich plötzlich Fernsehstationen und Reporter im Ziel um mich, ich muß unzählige Autogramme geben. Das ist schon etwas anderes als sonst", erzählt der Berliner. Lehmann kennt die Friedensfahrt schon aus der Kindheit. In Oberschöneweide aufgewachsen, waren die Leistungen der "Täve" Schur, Erich Hagen, Egon Adler oder Klaus Ampler Ansporn, selbst mit dem Radsport zu beginnen. Aber Lehmann hatte in der DDR nie die Chance, in die Auswahl zu rücken. "Westverwandtschaft" (ein Onkel in München) stellte das Haupthindernis dar. Die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) war für den damals 14jährigen tabu - damit konnte er dem Radsport nur noch in einer Betriebssportgemeinschaft nachgehen. In der BSG Rotation fuhr Lehmann, mit mäßigem Erfolg. Dann kam der frustrierende Höhepunkt: Er sollte mit einer BSG-Mannschaft in der Tschechoslowakei starten. Doch da dort auch ein bundesdeutsches Team avisiert war, mußte Lehmann zu Hause bleiben. Das gab dem ehrgeizigen Rennfahrer den letzten Knacks. Er stellte einen Ausreise-Antrag, schrieb an Franz-Josef Strauß und wurde daraufhin wegen "Geheimnisverrats" ins Gefängnis gebracht. In der Zelle hielt er sich mit einem Hometrainer fit, wurde 1985 freigekauft und siedelte nach Charlottenburg um. "So bin ich immer Berliner geblieben." Doch der Anfang in den westlichen Gefilden fiel schwerer als erwartet. Zwar wurde er als "bekannter Fahrer aus dem Osten" begrüßt, doch es dauerte lange, er sich durchgebissen hatte und ins bundesdeutsche National-Trikot schlüpfen konnte. Im Mai 1990, noch vor der deutschen Vereinigung, stand er schließlich im Osten am Alexanderplatz bei der Friedensfahrt am Start. In der bundesdeutschen Mannschaft, als Kontrahent seiner jetzigen Teamgefährten in der Bundesliga-Mannschaft von Opel Schüler. Zwei Jahre später erlebte er wiederum in Berlin seine zweite Fahrt, diesmal in der gesamtdeutschen Nationalmannschaft. "Damals fehlte allerdings völlig das prickelnde Fluidum der Zeiten, die ich noch als Kind in der DDR erlebte", bedauert Lehmann. Er fährt, als erlebe er den dritten Frühling. "Ich bin in guter Form, da gelingen Dinge, an denen man im Normalfall scheitert. Doch es wird sehr schwer, das Führungstrikot bis zum Schluß zu behaupten. Da braucht bloß so etwas zu passieren wie auf der 4. Etappe, als ich mit zwei kaputten Reifen dastand."Er hat für den Course de la Paix auf die Weltmeisterschafts-Vorbereitung in Colorado verzichtet. "Bundestrainer Peter Weibel wollte mich jetzt im Höhenlager dabei haben. Aber ich wollte unbedingt zur Friedensfahrt."Lehmann glaubt zu wissen, was für ihn gut ist. Deshalb trägt er sich auch nicht mit Gedanken über eine Profilaufbahn. "Dazu habe ich keine Lust. Bei den Profis müßte ich noch vier bis fünf Jahre lernen, dann bin ich zu alt." So will er lieber bei seinem Klub Opel Schüler bleiben, zu dem er vor dieser Saison aus Frankfurt/Main mit Trainer Wolfgang Schulze, dem er viel zu verdanken hat, und fünf anderen Fahrern wechselte. Schulze, früher selbst Profi und Teilnehmer an der Tour de France, verfügt neben Lehmann mit Jörn Reuß (früher TSC), Ralf Schmidt (SC Dynamo), Frank Augustin, Hagen Bernutz (beide Frankfurt/Oder) und Dirk Müller (Frankfurt/Main) über eine schlagkräftige Truppe. +++