Mit einer Parade seines Bildpersonals durchs Kollwitz-Museum hatte der Berliner Maler Kurt Mühlenhaupt noch im Januar seinen 85. Geburtstag gefeiert. Man konnte glauben, Zilles Berlin-Typen um 1900 wären auferstanden: die aus der Eckkneipe und vom Hinterhof, die Straßenfeger, Handwerker, Putzfrauen, Kellner, Bettler und Dirnen. Die Hochzeits- und Trauergesellschaften. Und die spielenden Kinder. Mühlhauptsche Lieblingsmotive, wie auch die Litfaßsäulen und die Mietskasernen in Kreuzberg und Wedding. Die hat er in den Sechzigern zumindest auf der Leinwand vor dem Abriss bewahrt.Kurt Mühlenhaupt, der in der Nacht zum Ostersonntag seine bunte, skurrile, immer mit großem Pinselschwung den kleinen Leuten zugetane Malwelt für immer verlassen hat, war durchaus so etwas wie der Zille von heute. Für den Berliner Westen der Nachkriegszeit war der Maler jemand, der als scheinbar "Naiver" die Welt ganz scharf gesehen hat. An der Hochschule der Künste hatte man genau das übersehen, der berühmte "Brücke"-Expressionist Karl Schmidt-Rottluff exmatrikulierte den poetischen Realisten. Aus dem akademischen Studium wurde nichts. Und so schlug Mühlenhaupt sich erst einmal vom Trödeln und mit der Künstlerkneipe "Leierkasten" in Kreuzberg durch. Außerdem gründet er 1972 die illustre Gruppe der "Berliner Malerpoeten" mit. Da hatten sich lauter Leute zusammengetan, die ebenso malten wie dichteten, darunter Günter Grass, Günter Bruno Fuchs, Aldona Gustas, Friedrich Schröder-Sonnenstern und Wolfdietrich Schnurre.Zur Welt gekommen war Mühlenhaupt 1921 in der Eisenbahn von Prag nach Berlin, als Geburtsort galt der nächste Bahnhof: Klein Ziescht in der Mark. Diese Situation hatte sich gleichnishaft auf sein Identifikationsgefühl übertragen: Er besaß den Schwejkschen Prager Humor, vermischt mit Berliner Schnauze, und er liebte die Mark Brandenburg, was sich auch darin zeigte, dass er gleich nach dem Fall der Mauer nach Bergsdorf nahe Schildow gezogen war und dort ein Museum gründete. Obwohl er wegen schwerer Kriegsverletzungen im Rollstuhl leben musste und zunehmend erblindete, verwandelte er mit seiner Frau und Freunden ein marodes Landgut in ein weithin beliebtes Kulturzentrum.Sein letztes Bild hat er - frei nach dem von Jedermann schon mal bewältigtem Schulaufsatzthema "Mein schönster Tag" - noch bis Anfang dieses Jahres fertig gemalt: Ostler und Westler feiern darauf in bunter Menge vor dem Brandenburger Tor die Wiedervereinigung. Mühlenhaupt hat sich mittenmang gemalt, von hinten und mit riesigem roten Hut. "Mag bei anderen die Euphorie verflogen sein", sagte er dazu, "bei mir hält sie sich, und ich genieße das mit meinen Farben." Mehr als 3 000 Bilder hinterlässt das Berliner Original.------------------------------Ein OriginalDer Maler Kurt Mühlenhaupt kam im Januar 1921 auf einer Zugfahrt von Prag nach Berlin nahe Klein Ziescht bei Baruth zur Welt. Er starb Ostersonntag in Bergsdorf, einem Ortsteil von Zehdenick, auf seinem nach 1990 gegründeten Kunsthof.Nach dem Krieg wollte er an der Hochschule der Künste Berlin Malerei studieren, wurde aber wegen "Talentlosigkeit" exmatrikuliert. In Kreuzberg wurde er zum Berliner Original, zum Künstlerkneipen-Wirt und zum Freund anderer malender Dichter und dichtender Maler in der Gruppe der "Berliner Malerpoeten".Hauptmotive waren für ihn die "kleinen Leute", dadurch wurde Mühlenhaupt gern mit Zille verglichen.------------------------------Foto: Wenn Kurt Mühlenhaupt (1921 - 2006) sich selber malte, dann immer mit einer witzigen, selbstironischen Geste.------------------------------Foto: Der Maler an seinem 85. Geburtstag, 19. Januar 2006