Der Berliner Markt des Seelenheils ist heiß umkämpft / Etwa 100 "Hauskreise" Sekten -- Die gefährlichen Heilsbringer: Werbung mit Anzeigen und Psychotests

Rund 400 rellgiBse und weltanschauliche Bewegungen werben in Berlin um Anhänger. Wle gefährlich sind solche Gruppierungen?Die Landschaft der Psychogruppen und Sekten in der Hauptstadt ist vielfältig und unüberschaubar geworden. Die unterschiedlichen Anbieter der Ware Seelenheil haben den Markt unter sich weitgehend aufgeteilt. Die Mitgiiedswerbung läuft über Postwurfsendungen, Straßenaktionen, Persörilichkeitstests und Werbung in Stadtmagazinen.Das Angebot ist bunt: Für die Esoterik sind Gruppen mlt hinduistischmeditativem Hintergrund zuständig wie Osho, die ehemailge Bhagwan-Bewegung. Gruppen mit christlichen Bezügen wie die Mun-Sekte versprechen das "Himmlische Königreich". Neuheidnische und Neugermanische Organisationen versuchen Jugendliche mit rechtsradikalem Hintergrund zu ködern. Am bedeutendsten ist die Scientology-Klrche. "Sie bietet Nachhilfeunterricht für Schüler, macht Arbeitsplatzangebote und Kurse für die effektive Finanzplanung", beschreibt Monika Schipmann von der Senatsjugendverwaitung die Strategie dieser Sekte, die auch schon versucht hat, in der Berliner Wirtschaft und im Immobilienmarkt Fuß zu fassen. Selbst den parlamentarischen Weg scheuen die Gruppierungen nicht: Die "Naturgesetzpartei" und die "Bürgerbewegung Solidarität" wollen in den Bundestag.Ina Kunst, Mitarbeiterin der Senatsjugendverwaitung für Psychogruppen und neue religiöse und weltanschauliche Gruppen, warnt davor, eine Situation wie das Massensterben von Sektenndtgliedem in der Schweiz bruchios auf die Berliner Gruppierungen zu übertragen. Ihrer Meinung nach müßten für einen Massensulzid verschiedene Faktoren zusammenkommen: unkantrolilerter Waffenbesitz, ein zurückgezogenes, abgeschottetes Leben, Endzeitstimmung innerhalb der Gruppe.Markus Wende, Student der Rehgionswissenschaften und Mitarbeiter im Projekttutorium Sekten der Freien Universität, kann sich dagegen durchaus eine Reihe von Berliner Gruppen vorstellen, "bei denen es zu einer potentiell suizidalen Situation" kommen könnte. Besonders betroffen seien, so Wende, kleine abgeschlossene Gruppen von zehn bis hundert Mitgliedern: an der Grenze zwischen christlicher Gemeinde und Psychogruppen, die von charismatischen Führern geleitet wurden. Wende schätzt, daß es in Berlin bis zu 100 "Hauskreise" mit acht bis zehn Mitgliedern gibt. "Bei denen weiß keiner, was die so machen."Menschen, die sich im Alltag mit diesen Gruppen auseinandersetzten, sind vorsichtig geworden. Denn, so heißt es aus Kreisen der offiziellen Studentenvertretungen (Asten) an den drei Berliner Universitäten, man habe mit der Prozeßfreudigkeit der Heilsünger zu kämpfen."Jeder kann die ungeschützten Namen Kloster, Abtei oder .Kirche für seine Gruppe verwenden", beklagt Pater Klaus Funke, Sektenbeauftragter der Katholischen Kirche. Funke hält Berliner Psychogruppen eigentlich nicht für vergleichbar mit den Schweizer Sonnentemplern. "Doch", so räumt er ein, "das haben die Leute in der Schweiz vorher sicher auch gesagt". Ute SturmhoebeiHilfe bieten u. a. die Evangelische Kirche, Tel. 8 1570 40. die Senatsjugendverwaltung, Tel. 26 5426 78 und die Eltern- und Betroffeneninitiative, Tel. 8 1832 11 an.Indisch inspiriert: Verzückte Hare-Krishna-Anhängerinnen tanzen bei einem Treffen in Berlin.