Da nützt auch das wüsteste Image nichts: Dass Bushido ein rundum sympathischer Zeitgenosse ist, könnte er wohl selbst wenn er wollte nicht wirklich verbergen. Zwar lässt der 26-jährige Rapper aus Berlin-Tempelhof beim Interviewtermin etwa eine halbe Stunde auf sich warten, doch hat er gleich eine rührende Entschuldigung parat. Er habe den Mitarbeitern von Plattenfirma und Verlag noch zum Dank die Poster seines neuen Albums rahmen wollen. Und weil die Poster sehr groß sind, waren die Rahmen nur schwer zu finden. Ausgelassen plaudert er drauflos und hat dabei stets ein Lächeln im Gesicht. Nur wenn man die Kamera auf ihn richtet, verfinstert sich augenblicklich seine Miene. Da ist er ganz professionell. Gerade hat Bushido sein neues Album "Electro Ghetto" veröffentlicht. Obwohl er erst seit fünf Jahren rappt, ist es bereits das vierte seiner Karriere. Sein Debüt "King Of Kingz" erschien 2001 zunächst als Musikkassette und wurde dann von all den Plattenfirmen, bei denen er im Laufe der Zeit unter Vertrag war, als CD wiederveröffentlicht. 2002 folgte gemeinsam mit seinem Kollegen Fler auf dem kleinen Label Aggro Berlin das Werk mit dem vielsagenden Titel "Carlo, Cokxxx, Nutten" und ein Jahr später "Vom Bordstein bis zur Skyline". Doch ausgerechnet in diesem Sommer, als Aggro Berlin sich dank Sidos Album "Maske" zu einem der erfolgreichsten deutschen HipHop-Label entwickelte, kündigte Bushido dort aus "persönlichen Gründen" den Vertrag und wechselte in den anonymen Gemischtwarenladen Universal, der vielleicht für alles Mögliche bekannt sein mag, jedoch nicht für seine besondere Kompetenz für HipHop in deutscher Sprache. Und da die HipHop-Hörer meist einem zutiefst rätselhaften Lagerdenken verpflichtet sind, bestand beim Wechsel zudem die Gefahr, auch die alte Kundschaft zu verlieren. "Viele haben mich davor gewarnt, und manchen, die es vor mir versucht haben, ist es auch nicht gelungen. Aber letztlich liegt das an den Künstlern selbst."Besonders verbiegen ließ er sich jedenfalls nicht. Auf den insgesamt 22 Titeln des neuen Albums rüpelt Bushido wieder frisch drauflos und widmet sich wortreich seinen Lieblingsthemen Drogen, Gewalt und viehischem Sex. Im Titelstück werden im Vorbeigehen konkurrierende Künstler beschimpft ("Geh zu Blumentopf du Obsthändler"), bemerkenswerte Selbstverortungen vorgenommen ("Ich mach den Sound für die Dealer im Park"), um sich anschließend in betont fahrlässiger Weise als Rap-Diktator zu inszenieren ("Salutiert, steht stramm, ich bin ein Leader wie A.").Wer Bushido nicht in den Kram passt, ist per se "schwul" und wird deshalb von Bushidos Jungs "gebumst". Zwar ist so ein Verhalten nüchtern betrachtet nicht ganz unschwul, nur scheint Bushido das Wort ohnehin recht sinnfrei zu gebrauchen, was spätestens auffällt, wenn er auf die drei überraschend ruhigeren Stücke seines Albums zu sprechen kommt. "Na, denken die Leute, ist der jetzt etwa schwul geworden? Der rappt ja plötzlich über Frauen." Schöner hätte man es kaum formulieren können.Nun ist Battle-Rap im Grunde eine recht ermüdende Angelegenheit, wenn es dem Künstler nicht gelingt, all die Beleidigungen und Verwünschungen, mit denen er gegnerische Rapper überzieht, nicht nur besonders beleidigend, sondern auch kunstvoll überdreht und selbstironisch zu gestalten. Künstler wie Kool Savas oder auch Eko Fresh hatten früher einmal diese Fähigkeit, haben sie aber über die Jahre verloren; Samy Deluxe oder Azad scheinen hingegen nicht einmal zu ahnen, was Selbstironie überhaupt ist. Das fällt besonders auf, wenn Azad, der auf dem Album leider bei zwei Titeln einen Gastauftritt hat, sich mit gewohnt heiligem Ernst ins Zeug legt und sein überschaubares Talent ausstellt. Die anderen Gäste wie zum Beispiel King Ali, Bo$$bitch Berlin und Bass Sultan Hengzt sind zwar auch nicht alle die besten Rapper, dafür reimen sie aber derart wirr und quer zum Rhythmus daher, dass es wieder eine ganz eine Qualität bekommt.Besonders gelungen ist allerdings die Musik. Wie der Albumtitel schon andeutet, überwiegen die elektronischen Klänge, die bei Bedarf mit düsteren Streichern, verzerrten Synthesizerflächen und auch Samples angereichert werden. Und weil es Bushido völlig egal ist, ob es zu den Konventionen des Genres passt, kommt bei "Gemein wie 100" sogar ein flotter Dancebeat zum Einsatz. Dabei geht Bushido nie in Clubs, weil er erstens nicht tanzt und zweitens in Berlin an keinem Türsteher vorbei kommt. Er führt nach eigenen Aussagen ein relativ bürgerliches Leben, zahlt Steuern und löst brav vor der U-Bahnfahrt ein Ticket. Spielt er als Bushido also nur eine Rolle? "Nein, in gewisser Weise bin ich das selbst. Andererseits natürlich auch nicht, denn schon der Name Bushido ist ja fiktiv. Ich nehme Dinge auf, die ich sehe, um sie mittels Sprache zu überhöhen oder besondere Stimmungen zu erzeugen. Das ist mal lustig und auch mal ernst. Das heißt nicht, dass ich mich für einen Gangsta halte und gern amerikanische Verhältnisse hätte, wo alle mit Waffen rumfuchteln. Es ist schon gut, dass es hierzulande sowas nicht gibt. Hier ist alles easy und das ist gut."Bushido: Electro Ghetto (Ersguterjunge/Universal)------------------------------Foto: Wenn sich nicht gerade ein Objektiv auf ihn richtet, guckt Bushido meistens ganz freundich.