Im Martin-Gropius-Bau, wo derzeit die Kunstachse "Berlin-Moskau" seit 1950 bebildert wird, steht man vor spärlichen Beispielen West- und Ostberliner Kunst der zweiten und dritten Generation nach 1945 und man fragt sich enttäuscht, weshalb die Kuratoren dieses aufschlussreiche Stück Nachkriegsgeschichte gar so dürftig behandeln. Selbst in der kleinen Auswahl fällt auf - gerade im Blick auf die bereits 150 000 Besucher zählende Nationalgalerie-Schau "Kunst in der DDR" - dass im durchmauerten Berlin hüben wir drüben eine sehr verwandt wirkende realistische Kunst entstand. Bilder, die über den Betonwall hinweg Ähnlichkeiten aufweisen und sich unterscheiden von dem, was ansonsten in deutschen Ateliers entstand. Als hätte die Teilung die Auswirkungen einer in vieler Hinsicht dann doch gemeinsamen Erfahrung der in Ost wie West eben auch sehr ähnlichen Stadt nicht verhindern können.Die Rede ist von Berliner Sonderwegen, von einem Realismus, der in West-Berlin dem Siegeszug der abstrakten Kunst im Westen trotzte mit kritischem, aufklärerischem Impuls, und der sich in Ost-Berlin dem verordneten "Sozialistischen Realismus" introvertiert und melancholisch entzog. Auf beiden Seiten waren es Gegenbilder. Sie sind sinnbildhaft, sie sind - offen aggressiv oder verschlüsselt - politisch. Und sie sind bedrückend.Im Osten hielten diese Gegenbilder als Überlebensstrategie den Geist wach. Im Westen der Stadt wollten die Kritischen Realisten mit ihrer Kunst "dem Bürger im Nacken sitzen wie der Löwe dem Gaul", so attackierte Dieter Hacker 1970 alles, was erstens mit Schönheit und zweitens mit Westberliner Kunstinstitutionen zusammenhing. So übermalte er fotografische Pornoszenen in deutschen Wohnzimmern, dargeboten wie Peepshows. Einige Jahre später vermengte die einzige Ostberliner Künstlergruppe "Neon real" schrill ihr bedrückendes DDR-Käseglocken-Hauptstadtgefühl mit den falschen Verheißungen von Freiheit hinter der Mauer.Repräsentativ für die (Ost)"Berliner Schule", die aber nie eine Gruppe gewesen ist, war die Bildsprache eines Harald Metzkes, Dieter Goltzsche, Wolfgang Leber, Lothar Böhme, Hans Vent oder der spanischen Wahlberlinerin Nuria Quevedo. Diese Maler reagierten auf die DDR-Realität, zugleich aber auch auf die übermächtige "Leipziger Schule" mit subjektiven Motiven, unspektakulär im Vergleich mit denen der Realisten im Berliner Westen. Dort verschärfte die Studentenrevolte 1968 die Bildthemen bis zum Plakativen. Die Vertreter der "Neuen Figuration" erklärten die abstrakte - informelle - Malerei für überholt. Markus Lüpertz und Karl-Horst Hödicke gründeten in der Großgörschenstraße 35 die erste Selbsthilfegalerie der Stadt. Hinzu kamen die Maler Wolfgang Petrick, Hans-Jürgen Diehl, Klaus Vogelgesang und der Fotorealist Peter Sorge. Nach einem Streit ging daraus die Gruppe "Kritischer Realismus" hervor, für West-Berlin bald ein kultureller Markenartikel. Das Bildmaterial etwa bei Petrick kam immer aus der Tagesaktualität, den Bezug zur Wirklichkeit suchte er durch Zuspitzung. Seine Schreckbilder prangerten die sexuelle und technologische Gewalt der modernen Gesellschaft an. Das schlägt derart auf die Augen, dass man fast übersieht, mit welcher Lust die Katastrophen gemalt wurden. Und so hinkt der Vergleich etwa von Petricks rüsselnasen- und stülpohrtragenden "Haubenleuten" - ein Bild aus der Berlinischen Galerie - ausgerechnet mit den kultivierten Figurationen des Ostberliners Dieter Goltzsche. Der kräftig mit Groteske, Ironie und Sarkasmus versetzte spielerische Gestus beider Bilder aber ist verwandt.Auch die Mitglieder der 1972 gegründeten Westberliner Künstlergruppe Aspekt teilen den kritischen Blick auf die Zustände in der Frontstadt Berlin. Gemeinsam allerdings ist Malern wie Arwed Gorella oder Johannes Grützke nur das rückhaltlose Bekenntnis zum Figürlichen. Malte der eine symbolische Reflexionen, in denen sich auch surreale Stilmittel finden, komponiert der andere, der später die "Schule der neuen Prächtigkeit" gründet, ausgeleuchtete Figurenbilder, pathetisch übersteigert und grotesk zugleich. Viel subtiler wirken vergleichsweise die bühnengleichen metaphorischen Figurentafeln des Ostberliners Harald Metzkes. Beider Bilder aber meinten das Lebensgefühl in der Frontstadt.Noch anders der aus dem Rheinland nach West-Berlin gekommene Wolf Vostell, der mit seinen Materialcollagen das politische Klima im geteilten Deutschland emotional kommentierte. Diese Methode diente Anfang der Siebziger der Aufarbeitung und Spurensicherung kollektiver deutscher Vergangenheit und Schuld. Dieser Aufgabe stellten sich im Osten Berlins Dieter Tucholke und Robert Rehfeldt mit dadaistischen Materialcollagen. Viele ihrer Kollegen hingegen vertieften sich zu dieser Zeit in stille Landschaften und Interieurs, cézannehafte Stillleben, existenzielle Akte und Porträts. Dahinter verbarg sich der Protest gegen den staatlich geforderten ideologischen Naturalismus. Das Grau als Grundfarbe schien ein geeigneter Projektionsgrund für die Verhältnisse und die Stimmungslage bis weit in die Achtziger hinein. Zu dieser Zeit fanden sich im Westen der Stadt die "Jungen Wilden" vom Moritzplatz. Fetting, Salomé, Middendorf hatten ein von der Großstadt geprägtes Menschenbild, das ohne Metaphorik auskam. Die Figuration war impulsives Ausleben, war plakative Selbstdarstellung und Aggressivität gegenüber den gesellschaftlichen Normen in einem. Auch ein Motiv wie "Judith und Holofernes" hatte mehr zu tun mit dem Lebens- und Bilderhunger des Malers als mit dem biblischen Thema. Nur wenig später traf das genau so zu auf Ostberliner Maler wie Trak Wendisch oder Klaus Killisch. Frontal expressiv gingen diese Jungen die Leinwände an, waren aber viel gleichnishafter als ihre Westberliner Pendants. Wendisch etwa malte einen Seiltänzer bei einem mühsamen, angstvoll-konzentrierten Balanceakt: Halten oder Fallen; es war die gültige Situationsbeschreibung der DDR.KATALOG ZU "KUNST IN DER DDR"/BESITZ NEUE NATIONALGALERIE Dieter Goltzsche, Zeichner im Berliner Osten, feierte mit der poetisch-skurrilen "Manon" 1975 einen subjektiven Stil abseits des sozialistisch Idealen.KATALOG UND BESITZ BERLINISCHE GALERIE Wolfgang Petrick, Maler im Berliner Westen, setzte 1965 "Haubenleute" ins Bild. In dieser verspielten Groteske geht es um den Überwachungsstaat.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.