Der Berliner Regisseur Miraz Bezar erzählt im Kino von der Verfolgung der Kurden. Am Wochenende wird sein Film "Min Dit" erstmals in der Türkei gezeigt: Endlich reden

BERLIN. Es ist Nacht, eine Familie auf der Rückfahrt von einer Hochzeit. Auf der verlassenen Landstraße wird das Auto von vier Unbekannten gestoppt. Sekunden später müssen die zehnjährige Gülistan und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Firat vom Rücksitz aus mit ansehen, wie ihr Vater, dann ihre Mutter von den Männern erschossen werden. Die Geschwister sind starr vor Schreck. Nur die Schreie des Babys Dolivan, das in den Armen der toten Mutter liegt, durchbrechen die Stille.Es ist eine Szene aus dem Film "Min Dit - die Kinder von Diyarbakir". Min Dit ist kurdisch und bedeutet "Ich habe gesehen". Der Film erzählt aus der Perspektive der Kinder die Geschichte des Krieges, den der türkische Staat gegen seine eigenen Bürger führte. Zehntausende Kurden wurden in den achtziger und neunziger Jahren getötet, oft waren es einfache Bürger wie Gülistans und Firats Eltern, die die Unterdrückung nicht hinnahmen und so zu Opfern der paramilitärischen Spezialeinheiten wurden.Der Regisseur Miraz Bezar ist Deutscher und Kurde. Vielleicht hat er deshalb etwas gewagt, was sich vor ihm keiner traute: auf Kurdisch eine Geschichte zu erzählen über die Verbrechen des türkischen Staates. Es ist eine Provokation. In der Türkei war das Kurdische jahrzehntelang aus den Medien, den Schulen, selbst dem Privaten verbannt. Nun wird der Film "Min Dit", der bereits auf den Festivals von San Sebastian und Hamburg Preise bekommen hat, in Antalya auf dem wichtigsten Filmfest der Türkei präsentiert. Es beginnt am Sonnabend.Die nötige DistanzMiraz Bezar ist als Kind mit seiner kurdischen Mutter und seiner Schwester 1980 nach Bremen gekommen, in Berlin aber hat er seine Heimat gefunden. Er ist jetzt 38 Jahre alt und nennt sich einen Kreuzberger. "Als jemand, der in Deutschland lebt, habe ich vielleicht die nötige Distanz", sagt Bezar, "ich stehe nicht unter dem Assimilationsdruck wie die Kurden in der Türkei." Seine Stimme ist ruhig, eher leise. Die Augen hinter der dunkel umrandeten Brille halten stets Kontakt mit dem Gegenüber. Gerade ist Probenpause im Ballhaus Naunynstraße. In dem Berliner Theater inszeniert der Filmemacher sein erstes Bühnenstück nach einem Roman von Edgar Hilsenrath. Im "Märchen vom letzten Gedanken", das heute Premiere hat, geht es um einen weiteren verdrängten Konflikt, den Völkermord an den Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts. Wieder ein Wagnis.Miraz Bezar spricht von Zufall, er ist kein politischer Agitator, er ist ein Erzähler. Er will mit seiner Arbeit die Zuschauer berühren, seine Sprache ist poetisch, er möchte Verschwiegenes zur Sprache bringen. Hierfür wählt er die Perspektive der Kinder, die keine Gewalt ausüben, aber zu ihren Opfern werden.Das Thema Gewalt beschäftigt Bezar schon länger. Es zieht sich bereits durch die Kurzfilme, die er während seines Studiums an der Deutschen Film und Fernsehakademie Berlin gedreht hat. In ihnen erzählt er davon, wie Gewalt in Familien verschwiegen und dadurch weitergetragen wird, davon, wie nachfolgende Generationen in diesem Schweigen gefangen sind.Miraz Bezars Familie stammt aus dem Ort Tendürek im Norden Anatoliens unweit des Berges Ararat. Er selbst ist in Ankara geboren. Als eine "typische Gastarbeiterkindheit" beschreibt er die Jahre, die er mit seiner älteren Schwester bei den Großeltern verbrachte. Der Vater war Anfang der siebziger Jahre der Arbeit wegen nach Deutschland gezogen, die Familie folgte später.In Ankara erlebte Miraz Bezar nicht die unmittelbare Gewalt, wie sie gegen Kurden im Südosten des Landes ausgeübt wurde. Aus den Gesprächen der Erwachsenen erfuhren die Kinder dennoch von Ausgangssperren, Verhaftungen oder Exekutionen auf offener Straße. "Meine Familie ist sehr politisch", sagt Bezar.Eine RiesenwundeEs wurde viel diskutiert, die Ansichten der Onkel und Tanten gingen mitunter weit auseinander. Im Alltag beugte man sich der Repression, passte sich an. Selbst zu Hause wurde nur noch selten kurdisch gesprochen. Miraz Bezar spricht deutsch und türkisch, seine Muttersprache Kurdisch beherrscht er nur bruchstückhaft.Über das Schicksal der Kurden wollte er nicht schweigen, so entstand die Idee zu seinem Film "Min Dit" "Es muss endlich über das Geschehene gesprochen werden", sagt er. Deshalb ist Bezar im Jahr 2005 in die kurdische Stadt Diyarbakir gezogen, um für sein Drehbuch zu recherchieren. "Was mich dort verstört hat, ist, dass dort keiner von den Morden, Verschleppungen, dem Niederbrennen ganzer Dörfer spricht", erinnert er sich. "Eine Riesenwunde im Herzen wird mit in die Zukunft getragen."Zwei Jahre später begann Bezar mit den Dreharbeiten. 80 000 Euro hatte er in der Familie gesammelt, nach drei Wochen war das Geld aufgebraucht. Also verkaufte die Mutter ihr Haus in Diyarbakir, der Onkel übernahm die Hotelkosten für das Team. Zurück in Deutschland finanzierte Bezars Schwester den Schnittplatz. Doch auch das reichte nicht. Bezar zeigte die damalige Version seinem Kollegen Fatih Akin. Dem gefiel der Film, er stieg als Koproduzent ein, besorgte das restliche Geld. Letztlich hat ihm das Fehlen von öffentlicher Förderung viel Freiheit geschenkt, findet Bezar."Wenn es mir gelingt, dass der Film von Kurden wie von Türken gesehen wird und wenn ich dadurch ein Stück mehr Normalität in die Türkei bringen kann, wäre ich sehr glücklich", sagt er. Er fährt ohne Nervosität nach Antalya, kann die Reaktionen, die ihn erwarten, schwer abschätzen. Aber er hofft.------------------------------Foto: Ausgezeichnet: Miraz Bezar erhielt am Wochenende beim Filmfest in Hamburg für "Min Dit" einen Preis.