Ralf Braun von der Berliner Startgemeinschaft Coubertin ließ vergangenes Wochenende beim Weltcup-Finale in Gelsenkirchen als Zweiter über 200 m Rücken aufhorchen. Doch der 23jährige ärgert sich darüber, daß heutzutage scheinbar nur noch erste Plätze für Schlagzeilen gut sind."Dabei waren die 1:57,12 Minuten für mich eine Verbesserung um fast drei Sekunden. Ein Top-Resultat, eins der besten der deutschen Aktiven bei diesem Meeting", sagt er. Was das für den olympischen Sommer in Atlanta bedeuten könne? Braun antwortet bei unserem Trainingsbesuch in der Schwimmhalle Weinstraße am Friedrichshain zügig: "Ein Platz unter den ersten Vier. Das ist mein Ziel für die Spiele, bei denen ich unbedingt dabei sein will." Vor vier Jahren hat er Barcelona um die Winzigkeit von drei Hundertstelsekunden verpaßt, für ihn fuhr damals der Dresdner Oldie Dirk Richter.Will Braun seine Ambitionen realisieren, muß er seine bisherige 200-m-Rücken-Bestmarke von 2:00,04 Minuten erheblich steigern. "So um die 1:57 hoch oder 1:58 tief will ich schwimmen." Trainerin Beate Ludewig, die ihn seit 1983 (!) betreut, hat ihrem Schützling vor der Saison klargemacht: "Wenn du es dieses Jahr nicht packst, dann nie. Also häng' dich rein!" Bisher hat der Appell zum energischen Kampf gegen den "inneren Schweinehund" gefruchtet, Braun ist besser denn je zu diesem frühen Zeitpunkt. "Der lange Weg nach Atlanta führt über die kurze Bahn", weiß er. Obwohl er die im Winter üblichen Starts auf der 25-m-Bahn wegen der vielen Wenden gar nicht so mag. Mit seiner Größe hat von 1,92 m hat er bei den schnellen Drehungen Probleme. So ist der zweite Platz von Gelsenkirchen nicht nur aller Ehren wert, sondern auch der Einsicht in die Notwendigkeit intensiver Vorbereitung geschuldet.1989 und 1990 war Ralf Braun dreimal Junioren-Europameister auf den Rückenstrecken, ein Versprechen für die Zukunft. Marlies Grohe, die Trainerin des berühmten Roland Matthes, hatte den Berliner als 12jährigen Schüler bei der Spartakiade (Zweiter) erlebt, und Beate Ludewig prophezeit: "Da hast du ein Juwel in den Händen." Die Wende unterbrach die kontinuierliche Entwicklung zwischenzeitlich, aufs Treppchen ist der jetzige Bundeswehrangehörige seitdem nicht mehr gelangt. "Aber immerhin kann ich eine stetige Aufwärtsentwicklung vorweisen: Bei den WM 1991 in Perth 13., bei den EM in Athen im selben Jahr schon Sechster. Dann EM-Fünfter 1993 in Sheffield, Fünfter auch bei den WM 1994 in Rom - und im Vorjahr in Wien schließlich EM-Vierter. Und der krönende Abschluß soll ja erst noch kommen."Brauns Medienerfahrung aber ist trotz guter internationaler Plazierungen eher negativ: "Als Dritter wirst du noch ein bißchen gefeiert, aber sobald du als Vierter anschlägst, bist du ein Nichts." Dabei war er in Wien drittbester deutscher Männer-Einzelstartter hinter Jörg Hoffmann und Steffen Zesner.Das sei ebensowenig wahrgenommen worden wie die Tatsache, daß sich in Berlin seit längerem aus dem TSC und dem Friedrichshainer SV 90 die Startgemeinschaft Coubertin gebildet habe. "Daß in den Medien weiter munter die alten Vereine angegeben werden, konterkarikiert ein bißchen unser Bemühen um die Konzentration der Kräfte", sagt Beate Ludewig. Ein Bemühen, das mit Blick auf die entstehende neue Schwimmhalle noch intensiviert werden soll. "Warum soll nicht auch mal eine Startgemeinschaft mit dem SC Berlin möglich sein?"Ralf Braun, Lagenschwimmer Robert Seibt und die beiden Rücken-Damen Anke Scholz und Susanne Krause bilden das Vorzeige-Quartett der SG Coubertin. Braun ist der "Senior" der vier. Er weiß, daß seine Sportkarriere nicht mehr ewig dauern wird. Pilot will er werden, und wenn er den Test (zwei Tage lang, mit Mathe, Physik, Englisch, Streß-Härteproben) besteht, dann ist noch in diesem Jahr Fliegen statt Schwimmen angesagt. Daß er bisher im Schwimmen nicht ganz oben angelangt ist, damit kann Braun leben. "Ich bin nicht der große Trainierer. Der Sport ist jetzt mein Arbeitgeber, auch eine Bereicherung des Lebens. Sind die Resultate schlecht, bin ich schon sauer, aber ich komme auch damit klar."Die überlegenen Russen dagegen, sagt der Athlet aus Berlin-Mitte, speisten ihre Leistung aus Überlebenswillen und der Hoffnung auf viel Geld. Jüngst hat ein TV-Reporter Ralf Braun als "ewigen Verlierer" bezeichnet. "Solche Leute begreifen nichts vom Wettkampf. Wer ist Sieger, wer Verlierer? Das macht sich doch nicht nur an Plätzen fest." Verbissenheit, so glaubt er, macht den Sport kaputt. Eine Medaille bei Olympia aber, die hätte er dennoch gern. Und dafür trainiert er. Manchmal sogar verbissen. +++