Peter Reusse erzählt gern Geschichten, er kennt eine Menge davon. Zum Beispiel die Geschichte mit Gaby Dohm. Die Schauspielerin sollte von ihm einen "leidenschaftlichen Filmkuß" bekommen. Seinen ersten. Er simulierte den Abgebrühten, obwohl er insgeheim Angst hatte, auf ihren großen Zähnen abzurutschen.Die Geschichte von seinem Besuch beim mächtigen Film-Produzenten. In der Grunewald-Villa glänzt Marmorboden, und es riecht nach Bratfisch, der Hausherr kann seinen Videorecorder nicht bedienen und ist befremdet vom Gast, der unvermittelt im Sessel eine Yoga-Übung vorführt.Oder die Geschichte von der Fahrt zum Verlagshaus in Frankfurt am Main. Die liegt jetzt knapp zwei Jahre zurück. Peter Reusse steuerte seinen Citroen am stürmischsten aller Januartage von Berlin in Richtung Westen. Im Harz tobte der Schnee, in Nordhessen mußte er beinahe aufgeben. Daß er durchhielt, lag allein an dem Bündel Papier, das er in der Aktentasche trug und das im kommenden Frühjahr als Buch mit dem Titel "Der Eismann geht" erscheinen wird. Peter Reusse hatte sein Manuskript nicht auf den anonymen Postweg schicken wollen. "Ich konnte es nur weggeben, wenn ich dabei jemandem ins Auge gucken und 'ne Hand drücken kann." "Der Eismann geht" ist eine ziemlich umfangreiche und sehr persönliche Geschichte. Sie handelt von der Lebenskrise eines Schauspielers. Am 22. März 1993, einem Montag, laufen am Deutschen Theater die letzten Proben zu Eugene O'Neills "Der Eismann kommt". In einer Woche ist Premiere. Peter Reusse mag Stück und Regisseur, die Arbeit macht ihm Spaß. Mitten in der Probe bleibt er plötzlich stecken. Der hundert Mal rezitierte Text fällt ihm nicht mehr ein - der Alptraum jeden Schauspielers. Aus. Reusse flüchtet von der Bühne, die er bis heute nicht mehr betreten hat.Einen Tag lang dauert der Gedächtnisverlust. Den Schauspieler packt Panik, ziellos irrt er durch die Stadt, verbringt schlaflose Nächte, sucht die Einsamkeit. Zweifel martern ihn und Ängste. Ich bin verrückt, sagt sich Reusse. Bin ich verrückt? Warum hat mich mein Körper im Stich gelassen und das Gedächtnis blockiert? Irgendwann sucht er die Hilfe eines Facharztes für Psychiatrie. Der verschreibt ihm Tabletten und gute Laune. "Was Sie brauchen, ist Vitalisierung und ein bißchen Schwung". "Ich habe ein Zeichen verpaßt gekriegt." Reusse ist einsilbig. Eben hat er noch wort- und gestenreich über einen Fernsehfilm gesprochen, jetzt stockt das Gespräch. Seine lustigen Augen sind plötzlich schmale Schlitze, sein Gesicht sieht zerknittert aus. Er redet nicht gern über die Symptome seiner Krise. "Ich will keinen Krankenbericht machen." Wir sitzen in Reusses Wohnung, einem schönen Altbau zwischen Humboldt-Universität, Bode-Museum und Friedrichstadtpalast. Über der Wohnungstür hängt ein Hufeisen, im Wohnzimmer stehen Gummibäume. Das gute Geschirr und die Kristallgläser ruhen in Vitrinen-Schränken, über dem Stereo-Turm hängt ein Druck von Friedensreich Hundertwasser. Aufdringlich tickt eine Standuhr.Nach seinem Zusammenbruch, den der 54jährige mal "meine Attacke" nennt, mal "diese Geschichte da" oder auch "die Stunde Null", hat er einen klaren Schnitt gemacht. Spielt nicht mehr, synchronisiert nicht mehr, dreht nicht mehr. Statt dessen geht er jetzt jeden Morgen um neun in den Lesesaal der Staatsbibliothek und schreibt. Fünf Seiten sind sein Tagespensum, soviel muß er schaffen. Über fünfzig Gedichte und neun größere Manuskripte sind in den vergangenen zwei Jahren entstanden. Momentan arbeitet er an einem satirischen Wenderoman. Wenn er nicht schreibt, formt er Keramiken oder malt, besucht Psychologie-Vorlesungen an der Universität oder liest. "Auszeit" nennt Reusse das.Wann und ob diese Zeit jemals beendet sein wird, ist ungewiß. Der Schock des Gedächtnisverlustes sitzt tief. Wenn er wollte, könnte er zurück ans Deutsche Theater, wir schaffen das zusammen, hat ihm der Intendant gesagt. Aber Reusse quält die Angst zu versagen. Er hat beschlossen, eine Zeitlang nur das zu machen, was er wirklich will. Der Schauspieler genießt diese neue Unabhängigkeit. Auch wenn es Rückschläge gibt. Zum Beispiel dann, wenn ihn jemand auf der Straße anspricht und fragt, wann er denn endlich wieder spiele. Reusse sagt, in solchen Momenten muß er lügen. Gut dreißig Jahre stand er auf der Bühne des Deutschen Theaters und spielte in über 80 Fernsehfilmen. In den Zeitungen tauchte er als "TV-Star" und "netter Kerl des DFF" auf, als "Charmeur vom Dienst" oder "Gauner mit dem gewissen Etwas". Die taz nannte ihn mal den "James Dean des Ostens".Peter Reusse hatte Erfolg. Er war kerngesund und lebte glücklich mit seiner Familie. Hielt sich für einen zufriedenen Menschen. Bis der Tag mit dem verlorenen Gedächtnis alles Gelebte in Frage stellte. Reusse hat sich auf Spurensuche begeben und nach den Ursachen für seine Depression geforscht. Vier Monate verbrachte er auf der psychosomatischen Station einer Klinik in Wittenau. "Etwas in mir ist zerbrochen. Eine Prothese lehne ich ab. Ich muß einen neuen Gang erlernen, muß anders leben", bilanziert er nach dem Klinikaufenthalt. Reusse lebte gern in der DDR. "Ich bin in einer Ecke gelandet, wo mir einiges gestattet war", sagt er, "diese Narren, die man sich am Theater hielt, die durften schon mal was machen." Auf Gastspielen im Ausland hat er sein Land immer verteidigt. Erzählte, daß es Bücher für fünf Mark gibt und man für sehr wenig Geld eine Theaterkarte bekommt. Später, als er Einzelheiten über seinen untergegangenen Staat erfuhr, war er bestürzt, "wie beschissen wir tatsächlich waren. Nicht mal die Korruption der Mächtigen hatte Niveau. Die waren nur kleinbürgerlich und langweilig, selbst beim Abschied hat nicht einer von denen einen Satz zustande gekriegt, der Größe zeigt". So verlor er nicht nur seine Heimat, sondern auch das Traumbild von ihr.Erst als die DDR zusammenbrach, ist Peter Reusse ein politischer Mensch geworden. "In der Wendezeit hatten wir ja alle plötzlich einen irrsinnigen Wind unter den Flügeln." Am vierten November marschierte Reusse in der vordersten Reihe zur Demonstration auf den Alexanderplatz. Neben Käthe Reichel und Volkmar Kleinert. Er half, Stefan Heym auf das Podest zu hieven, und lachte, als Markus Wolf nach seiner Rede ein Glas Wasser verlangte. "Wo sollten wir das denn plötzlich auftreiben?"Mit seinem Bürgerkomitee-Ausweis, der heute zwischen Bühnenfotos, Zeitungsausschnitten und Notizen über dem Schreibtisch angepinnt ist, und mit "Keine Gewalt"-Schärpen tauchte Reusse an den Brennpunkten der Wende-Tage auf. Später träumte er vom reformierten Sozialismus und von Utopia. Als der Westen kam, fühlte er sich betrogen. "Wenn ich das gewollt hätte", sagt Reusse, "wäre ich schon lange vorher abgehauen."Beruflich geht es dem Schauspieler nach der Wende gut. Eine Agentin knüpft Kontakte für ihn. Er fliegt viel herum, dreht mit Iris Berben und Nadja Tiller, mit Mathieu Carriere und Charles Aznavour. Als die DDR abgewickelt wird, ist es immer Reusse, der zu den letzten Produktionen verpflichtet wird. Der letzte DEFA-Film, die letzten Plattenaufnahmen und Hörspiele. "Bißchen viele Beerdigungen auf einmal." Reusse mimt den Zyniker.Irgendwann gehen ihm die Figuren, die er jetzt darstellt, auf die Nerven. "Kommissare und geföhnte Anwälte. Was haben die mit mir zu tun? Die Geschichten sind auch immer dieselben. In der Wohnküche wird übers Leben geredet, es gibt ein Problem, dann lachen alle und das Kind sagt, Papa, ich hab' dich lieb." In der DDR konnte Reusse es sich leisten, Rollen abzulehnen. Im vereinten Deutschland nicht.Vor allem aber scheitert der Schauspieler an der professionellen Kühle und dem glatten Ablauf der Produktionen im Westen. Abends ruft er die Regisseure im Hotelzimmer an, komm laß uns quatschen, sagt er, beim Bier die Rolle besprechen. Die Regisseure sind überrascht. Sowas machen nur welche aus dem Osten.Die Anonymität der Teams, die auseinandergehen und sich nie wiedersehen, stört ihn. "Man fühlt sich da wie ein Tourist. Fast wie ein Ausgestoßener." Das war früher anders, sagt Reusse, als alle viel Zeit hatten und man sich verschwören und gemeinsam die Obrigkeit austricksen mußte. Ihm fehlen Träume und Gefühle in der neuen Zeit, in der sich alles per Telefonanruf regeln läßt. "Du rufst irgendwo an und bestellst einen Flug oder sagst jemandem, er solle doch bitte dein Haus einrichten. Früher war es schon ein Höhepunkt für uns, die Dachrinne der Datsche reparieren zu können."Reusses Wohnung in Mitte wirkt wie eine Protesterklärung gegen die materielle Beliebigkeit. Gerade so, als wolle er sich seine Herkunft wenigstens dort bewahren. Die alten Möbel haben den Umzug in die neue Zeit überlebt, und im Arbeitszimmer trennt noch immer der Vorhang aus Wollstoff die Schreibecke vom Rest des Raumes. Identitätskrisen von fünfzigjährigen Schauspielern sind nichts Ungewöhnliches. Auch künstlerische Arbeit wird langweilig, wenn man zu lange dasselbe macht. Manche schaffen den Sprung vom jugendlichen zum reifen Darsteller nicht. Andere haben keine Kraft mehr, sich immer wieder in fremde Seelen hineinzuversetzen. Reusse weiß, daß er sich auch in der DDR irgendwann als Schauspieler die Sinnfrage gestellt hätte. Du bist immer vom Regisseur abhängig, sagt er, hoffst immer auf gute Drehbücher und tolle Rollen. Vergißt dich selbst beim Spielen. Als sein Vater vor wenigen Jahren in Darmstadt im Sterben lag, ließ Peter Reusse ihn allein, "um in Berlin auf der Bühne einen komischen Mann in einer Blechrüstung zu spielen". Das tat ihm später leid.In der Klinik hat er viel über sein Verhältnis zum Vater nachgedacht. Hat gelernt, seinen Seelenschmerz, "diese tückische Lähmung an Geist und Seele", in einzelne Teile zu zerlegen. Gespräche mit Therapeuten haben zu Fragen angeregt. Die Antworten muß er selbst finden.Einen Sommer lang hörte der Schauspieler in Wittenau die Lebensgeschichten anderer Kranker. Trommelte in der Musiktherapie, bastelte in der Beschäftigungstherapie und bekam Schweißausbrüche in der Gruppentherapie, wo sich die Leute oftmals zwanzig Minuten lang anschweigen, bis endlich jemand was sagt. Abends, wenn die anderen schliefen, zog er zum Schreiben in den Gemeinschaftsraum. Aus den Notizen und Fragmenten ist das Buch entstanden.Als er im August vor zwei Jahren die Klinik verließ und mit dem Wagen nach Hause fährt, am Brandenburger Tor vorbei auf die Straße Unter den Linden, fällt ihm auf, daß die Vorverkaufskasse der Komischen Oper geschlossen ist. Abgewickelt, schießt es ihm durch den Kopf. Es war nur die Sommerpause. Ohne seine starke Frau wäre Reusse vermutlich tief gestürzt. Die Schauspielerin Sigrid Göhler war früher Fernsehkriminalistin im "Polizeiruf" und leitet heute auf ABM-Basis eine Theatergruppe in der Schule. Sie sagt, daß es eine Weile dauert, bis man begreift, daß nichts mehr wird, wie es war. Dann aber biete so eine Krise große Chancen. "Man denkt neu über das Leben nach. Man befreit sich aus Zwängen und lebt mehr in den Tag hinein. Freiwillig würde niemand sagen: Halt die Welt an, ich will aussteigen aus diesem Karussell. Da braucht es schon so einen Nackenschlag. Wir sind sehr weit gekommen, wir haben das gut gemacht." Geld, beteuern beide, sei kein Thema. Es mache ihnen keine Mühe, ihre Ansprüche zurückzuschrauben. Schweigen im Wohnzimmer. Die Uhr tickt in die Stille. Reusses Augen sind wieder schmal. Themawechsel! Wie heißt der Held im Roman, den er gerade schreibt? Bürzel. Ein Anti-Held, ein jämmerlicher Kerl. Jemand, der nie nein sagen kann. +++

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