Blick ins Handy
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Herr Professor Beier, von heute an nehmen Sexualmediziner auf ihrer Jahrestagung in Potsdam das Internet kritisch unter die Lupe. Welche Risiken birgt es denn aus Ihrer Sicht?

Uns bereitet vor allem der leichte Zugang zur ganzen Bandbreite pornografischer Bilder und Filme Sorgen. Also auch sexuelle Kontakte mit Tieren, mit Demütigungshandlungen, mit Zufügung von Schmerzen und Verletzungen sowie Kinder und Jugendliche betreffende Missbrauchsszenen.

Für wen ist das gefährlich?

Zum einen für diejenigen, die eine pädophile Neigung haben -das sind etwa ein Prozent der Männer. Die Nutzung dieser Bilder fördert die Herstellung weiterer Bilder und begünstigt nach unseren Forschungsergebnissen auch das Begehen direkter sexueller Übergriffe auf Kinder.

Spüren Sie den Internet-Effekt bei Ihren Präventionsprojekten?

Ja, er macht sich eindeutig bemerkbar. Seit etwa fünf Jahren beobachten wir einen starken Anstieg der Verbreitung entsprechender Missbrauchsabbildungen. Das liegt vor allem an den File-Sharing-Systemen, mit denen die Beteiligten untereinander Bilder und Filme austauschen können. Aus meiner Sicht senkt das sie kritische Selbstwahrnehmung, weil man sich gegenseitig im Tun bestärkt und sich seine Wahrnehmungsverzerrungen von anderen bestätigen lässt. Genau das senkt die Schwelle zur Tat.

Für wen sind die Verlockungen des Internets noch gefährlich?

Für Kinder und Jugendliche. Studien haben gezeigt, dass Kinder spätestens mit zwölf oder 13 Jahren anfangen, sich im Internet pornografische Bilder anzusehen. Ihre Gehirne befinden sich noch in der Entwicklung und sind in der Pubertät besonders sensibel für sexuelle Signale. Wenn sie mit sadistischen, masochistischen, oder fetischistischen Bildinhalten konfrontiert werden, wäre es naiv anzunehmen, dass diese Informationen keinerlei Einfluss auf die Ausbildung ihres sexuellen Selbstkonzeptes und möglicherweise auch der sexuellen Präferenzstruktur haben sollten.

Ist es wirklich so leicht, an diese Bilder zu kommen?

Da müssen Sie nur mal Youporn oder andere Websites aufrufen. Per Mausklick bestätigen Sie, älter als 18 Jahre zu sein und schon haben sie die ganze Palette vor sich.

Welche Folgen hat das für die Mädchen?

Viele sind zwar angewidert, aber sie machen mit bei dem Spielchen. Die Gefahr ist groß, dass Mädchen die vorgeführten Rollen übernehmen und ein Sexualkonzept entwickeln, in dem sie es akzeptieren oder sogar sexuell erregend finden, unterworfen zu sein, Objekt zu sein.

Durch Internetpornografie drohen Mädchen also masochistisch zu werden und Jungen sadistisch oder pädophil?

Das wissen wir jetzt zwar noch nicht und mit Zukunfts-Diagnosen wäre ich zurückhaltend. Aber Fakt ist, dass die Fantasiewelt von Erwachsenen ungefiltert auf die Kinder und Jugendlichen trifft. In einer Phase, in der sich unveränderliche Weichenstellungen ergeben -denn die sexuelle Präferenzstruktur entsteht im Jugendalter und bleibt dann bis zum Lebensende unverändert bestehen. Aus meiner Sicht ist das Ganze ein großes Experiment an unserer Jugend -ein unethischer Menschenversuch.

Aber es gibt doch bereits Initiativen, entsprechende Websites zu sperren oder Inhalte zu löschen.

Das ist sinnvoll und löblich. Es betrifft allerdings zunächst die sogenannte Kinderpornografie, letztlich ein verharmlosender Begriff zur Bezeichnung von Missbrauchsabbildungen. Und Seiten wie Youporn sind davon sowieso nicht betroffen. Eltern von Teenagern können so gut wie sicher sein, dass sich ihre Kinder irgendwann durch die Bilder klicken werden.

Was können wir dagegen tun?

Wir brauchen überhaupt erst mal eine ethische Diskussion in der Öffentlichkeit. Das Ausmaß dieser Problematik ist den meisten Menschen nicht klar. Darüber hinaus müssen wir offensiv an das Thema herangehen -in allen Bereichen der Gesellschaft, insbesondere auch in der Erziehung und Pädagogik.

Wie denn?

Eltern und Lehrer müssten zunächst bereit sein, sich mit der Thematik zu befassen. Sie sollten sich zum Beispiel diese Seiten selbst ansehen, um zu wissen, worum es geht. Und dann gilt es, ins Gespräch zu kommen mit den Jugendlichen, um korrigierend eingreifen zu können. Noch ist es vielfach so, dass die Erzieher gar nicht wissen, dass es überhaupt gibt, was die Jugendlichen längst gesehen haben.

Und wie lässt sich gegensteuern?

Es geht darum, ein klares und authentisches Konzept von Sexualität zu vermitteln, das einen achtsamen und gleichberechtigten Umgang der Geschlechter beinhaltet -eben sexuelle Selbstbestimmung. Dazu steht nicht im Widerspruch, auch das Lustvolle der Sexualität zu thematisieren. Letztendlich brauchen Kinder und Jugendliche eine plausible Beurteilungsgrundlage, um Fehldarstellungen zu erkennen. Und die brauchen Lehrer und Eltern auch.

Was kann ein junger Mann tun, der merkt, dass er pädophil ist?

Die sexuelle Präferenz entwickelt sich in der Jugend. Im Prinzip geht es darum, die Neigung zu akzeptieren, die sich in der Fantasie immer wieder zeigen wird, aber sich so weit in den Griff zu bekommen, dass aus den Fantasien keine Taten werden. Unser Präventionsprojekt Dunkelfeld hat gezeigt, dass das möglich ist -wenn die Männer selbst dazu bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Haben Sie vor, Ihr Präventionsprojekt auszuweiten?

Es ist ja ein Forschungsprojekt, die Finanzierung läuft nur noch bis Ende des Jahres. Wir haben gezeigt, dass es viele Männer gibt, die nicht zum Täter werden wollen und dass die Behandlung in den meisten Fällen erfolgreich ist. Weil die Männer aber dauerhaft eine Anlaufstelle brauchen, setzen wir uns nun dafür ein, das Programm ins öffentliche Gesundheitssystem zu verlagern, eine Art Chronikerprogramm daraus zu machen. Diese Anlaufstellen sollte es bundesweit geben, damit die Betroffenen sie in Wohnortnähe haben.

Waren unter den Männern, die sich bei Ihnen gemeldet haben, viele Geistliche?

Eher wenige. Ich gehe aber davon aus, dass Priesteramt und Zölibat eine Anziehungskraft für Männer mit pädophiler Neigung haben kann. Sie haben den Wunsch, durch starken Glauben und den Geist des Evangeliums die sexuelle Präferenz auflösen zu können -zumal ja gefordert ist, die Sexualität zu opfern. Deshalb habe ich mir vor anderthalb Jahren erlaubt, den Papst auf die in unserem Projekt entwickelten Möglichkeiten der Prävention hinzuweisen, um sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche durch Geistliche verhindern zu helfen. Leider ist der Vatikan bislang darauf inhaltlich noch nicht eingegangen.

Wie sollte das neue Menschenbild aussehen?

Die Kirche sollte das breite Spektrum menschlicher Sexualität akzeptieren. Der Garten Gottes ist eben groß.


Der PräventionsexperteKlaus M. Beier (48) hat Medizin und Philosophie studiert und ist seit 1996 Direktor des damals neu gegründeten Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Berlin. Sein Präventionsprojekt "Dunkelfeld" und hat ihn bekannt gemacht. Er wendet sich damit an Erwachsene, die wissen, dass sie pädophil sind, aber noch nicht straffällig geworden sind und die lernen wollen, mit ihrer Neigung zu leben. Seit das Projekt vor fünf Jahren startete, erhielt Beiers Institut mehr als tausend Anfragen von Betroffenen. Rund 500 Betroffene aus dem ganzen Bundesgebiet wurden diagnostisch erfasst und mehr als 250 Männern erhielte eine gezielte präventive Therapie. Mittels Verhaltenstraining, Gesprächstherapie und mit Hilfe von Medikamenten lernen die Männer, ihre sexuelle Präferenz als Teil ihrer Persönlichkeit zu begreifen, sich in ihre Opfer hineinzuversetzen und dadurch nicht mehr oder gar nicht erst zum Täter zu werden. Um Kinderpornografie geht es in einem anderen Projekt Beiers. Unter dem Slogan "Kein Täter werden -auch nicht im Netz" richtet es sich an Nutzer von Kinderpornografie, die diesen Konsum einstellen wollen und Hilfe suchen.Die Projekte im Internet:www.kein-taeter-werden.de