Wie Graspilze oder Dornenkränze sehen diese Bildhauer-Gebilde aus. Und der Kontrast von organischer Substanz und technischer Materialität wirkt befremdlich, beunruhigend. Günther Ueckers "Wald" ist eines der wichtigsten Schaustücke deutscher Gegenwartskunst, die Skulpturengruppe gehört der Neuen Nationalgalerie. Aber der aus Mecklenburg stammende Wahl-Nordrhein-Westfale und Weltbürger hat noch viele Versionen davon gemacht. Eine steht jetzt in der Akira Ikeda- Gallery im Pfefferberg, dazu Bilder, auf denen sich Ölfarbe mit Geäst und Grasbüscheln vereint. Es sind Vergänglichkeits-Symbole oder Menetekel - für die Vergewaltigung der Natur durch den fortschrittswütigen Menschen.Der in Düsseldorf lebende Uecker, 78, der 1953 die DDR verlassen hatte, ist kein Bildhauer und Maler, der in Konventionen oder hochästhetischen Traditionen arbeitet. Er ist eher ein Berserker der Kunst, vollführt Nageltänze, zerschlägt Klaviere, formt Sandspiralen. Wo immer er gerade ist, verwandelt er heftige Emotionen in poetische Störfaktoren. Gerade plant er mit dem Berliner Schriftstellerpaar Christa Wolf und Gerhard Wolf ein Kunst-Buch-Projekt: Seine "Aschebilder" zur Atomreaktor-Katastrophe von Tschernobyl, 26. April 1986, im Dialog mit Christa Wolfs Text "Störfall". Zwei Jahrzehnte nach dem schrecklichen Ereignis daran in Text und Kunst-Bild zu erinnern, das beschäftigt ihn.Die Dinge, so sieht es Uecker, der Künstler, der Philosoph, aber auch der Realist, sind aus dem Gleichgewicht geraten. Gewaltsam. Und Gott hat die Kriege und die Katastrophen nicht verhindert. Sein Bilderkosmos ist davon bestimmt. Seit bald fünfzig Jahren sucht und findet er sinnfällige Chiffren für eine Welt, in der die ökologische und humane Ordnung gestört ist.Seine eigene war 1945 dahin; er war gerade mal 15 Jahre alt. Diese brutale Tatsache ist verantwortlich für ein Aggressionspotenzial, das Uecker in Kunst zu wandeln vermag, in erschütternde, auf Besserung zielende Zeichen. Dem Bauernjungen von der Ostseehalbinsel Wustrow nahm der Krieg seine Jugend. Vor der Küste waren Schiffe gesunken, mit KZ-Häftlingen an Bord. Das Meer hatte die Leichen der Frauen, Kinder, Männer angespült. Sowjetarmisten trieben die Jugendlichen der Insel mit Gewehren zusammen, die verwesenden Toten zu verscharren. Der Junge begrub mit anderen Halbwüchsigen 175 Leichen. Das Trauma blieb."Ich mache Aggressionen sichtbar, wandle sie poetisch um", erklärt er sein Tun. Die Quelle seiner Kunst, wie sie die Berliner Ikeda-Gallery jetzt ausstellt, sei "außerhalb der Kunst", womit er die Landschaften, die Gesellschaften der Erde meint. Und die Politik. Er braucht alltägliche Materialien als Kunstmittel: Holz und Asche, Nägel und Steine, Äste und Blätter, Bänder und Tücher, Farben und Sand.Die Dinge mahnen. Für den Bildhauer sind die im rhythmischem Wirbel zu weißen oder schwarzen Spiralen, zu stachligen Fellen und Baumstümpfen geformten Nagelbilder elementare Möglichkeit, starke Emotionen auszudrücken. Die überdimensionalen Stahlstifte, sagt er sachlich, übernähmen bei ihm die Funktion der Pinsel - bis die Fläche dreidimensional werde.Akira Ikeda Gallery, Schönhauser Allee 176, im Pfefferberg (Prenzlauer Berg), bis 31. Januar 2009, Di-Sa 11-18 Uhr------------------------------Foto: "Wald": Stämme bekamen in berserkerhaften Nagelaktionen Stahlhäupter.