LAS VEGAS, 22. Oktober. Wer sich dieser Tage in Las Vegas und in der Nähe der dort wieder einmal gastierenden Boxszene aufhält, hat allen Grund, sich verwundert die Augen zu reiben. Nicht nur, dass Mike Tyson einen neuen Haarschnitt präsentiert, lockig statt kurz geschoren, er benimmt sich plötzlich auch sanft wie niemals zuvor. Fernsehsender fragen nach Extrasitzungen. Kein Problem, Tyson bedient CNN, ESPN, Fox ohne zu murren. Ein Radioreporter will einen Spruch für seine Show. Logisch, Tyson plappert mit einem Lächeln. Ein Fan will ein Autogramm auf ein Poster. Wird auch gemacht. Und den Journalisten erzählt er in der Pressekonferenz erst, dass er die Musik der Backstreet Boys mag und dann fügt er hinzu: "Nett, euch gesehen zu haben, Jungs."Was ist nun schon wieder passiert mit dem Mann? "Iron Mike?" höhnte die "New York Daily News": "Nicht ganz. Wie wäre es eher mit Haarspray-Michael?" Blöder Witz. Aber man konnte tatsächlich den Eindruck haben, Mike Tyson ist nicht in das Spielerparadies im US-Bundesstaat Nevada gekommen, um einem bemitleidenswerten Mitmenschen ins Gesicht zu schlagen, wie er es nicht nur seinem Ruf schuldig wäre, sondern auch seinen Geschäftspartnern. Denn die haben mit nicht geringem Aufwand das Comeback nach dem Comeback nach dem Comeback organisiert und einen Gegner namens Orlin Norris beschafft, gegen den Tyson Sonnabendnacht boxen wird im MGM Grand Hotel & Casino.Immer noch ein GeschäftDie unendliche Geschichte um einen mysteriösen Athleten geht in die nächste Runde. Sportlich gesehen ist es auf den ersten Blick eine matte Sache. Denn Tysons Gegner Norris war zwar mal Weltmeister im Cruisergewicht, ist aber in der Königsklasse Schwergewicht ein weitgehend unbeschriebenes Blatt und außerdem schon 34. "Wir müssen sehr vorsichtig sein mit Mike", sagt Jay Larkin vom Fernsehsender Showtime, mit dem Tyson einen Vertrag hat, "es ist schwer genug, Gegner zu finden, die einen Namen haben, aber nicht auftreten wie Guerillas." Schließlich, so Larkin, wäre eine Niederlage das Ende aller Zahltage. Geschäftlich ist Tyson nämlich immer noch ein bemerkenswertes Ereignis mit ausverkaufter Arena und vier Millionen Dollar Einnahmen diesmal. Tyson hat nach Gefängnis (Vergewaltigung), Sperre (Ohrbiss) und Gefängnis (fünf Monate zuletzt, wegen Körperverletzung nach Auffahrunfall) nur zwölf Kämpfe seit 1990 bestritten, in den letzten zweieinhalb Jahren nur einen, gegen Frans Botha, der zwar mit einem K.-o.-Sieg endete, in dem Iron Mike aber lange wie eine Karikatur seiner selbst wirkte. Er sei ein "veränderter Mensch", sagte er nun in Las Vegas. Nach der Trennung von Promoter Don King habe er erstmals festgestellt, dass er ein unerwachsener, flegelhafter Maulheld gewesen sei. Nun wolle er ein guter Ehemann und Familienvater (Tyson hat vier Kinder mit Monica Turner) werden.In "KO Magazine" stand kürzlich eine lange Abhandlung über die Verwandlung Tysons von einem, der früher Angst verbreitete, zu einem, der nun selber Angst hat. Ein ehemaliger Gegner, Peter McNeeley, sagte: "Er braucht ein komplettes Jahr Rehabilitation und dann erst weiß man, ob er überhaupt noch was drauf hat." Doch Norris Trainer meinte: "Tyson wird immer Tyson bleiben. Wenn es eng wird, tut er das, was er am besten kann: Bomben werfen." Richtig dran glauben kann man nicht mehr.