BERLIN, 16. Dezember. Dariusz Michalczewski ließ viel Zeit verstreichen, ehe er zum finalen Duell erschien. Alles wollte sorgfältig präpariert sein, niemand sollte sehen, wie sehr all jene schmerzhaften Dinge ihn mitgenommen hatten. Schwellungen und Rötungen unter beiden Augen zeugten von harter Arbeit. Richard Hall, sein Gegner im Kampf um die Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht des Verbandes WBO, beklagte in jenen Minuten in gelassenem Tonfall den Ausgang des Kampfes, der ihm eine Abbruchniederlage in Runde elf bescherte, weil sein Auge infolge harter Treffer Michalczewskis zugeschwollen war. Der Ringarzt hatte ihn aus dem Kampf genommen.Quälende Fragen Die Fragen der Journalisten, eine Stunde nach Mitternacht, schien der Weltmeister mehr zu fürchten als die Treffer seines Gegners, der ihn während des Kampfes ein ums andere Mal mit Serien von präzisen Aufwärtshaken in Verlegenheit gebracht hatte: "Seid ihr bescheuert oder was", entfuhr es dem Sieger, der zuvor noch nudelfertig wankend zur Kabine geeilt war. "Ich habe keine Lust mehr auf solche Fragen. " Dariusz Michalczewski hatte nämlich einen ganz anderen Kampf empfunden als viele andere, die ihm dabei zusahen.Der Titelverteidiger hatte ein gutes Duell geliefert in dieser Nacht im Berliner Hotel Estrel. Doch sein Gegner hatte dies auch getan. Ringrichter Mark Nelson hatte Michalczewski in Runde zehn eine Auszeit geschenkt, als dieser, nach einem Körpertreffer in der Nierengegend, taumelte und auf die Knie fiel. Es war ein legaler Schlag. Hall hatte nicht absichtlich dorthin gezielt; sein Gegner hatte sich in diesen Treffer hereingedreht. Nelson hätte Michalczewksi genauso anzählen können - oder aber, gemäß Regelwerk ebenso legal, Hall verwarnen. Eine Runde später ereilte den Herausforderer das Aus, weil der Berliner Ringarzt Thomas Dolla Schlimmes befürchtete, würde Hall nochmals am Auge getroffen werden. Eine strittige, aber vertretbare Entscheidung, durch die dem Jamaikaner schlussendlich die Möglichkeit eines K. o. - Sieges genommen wurde. Denn nach heftigen Problemen in den Mittelrunden, in denen Michalczewski sich als der kompaktere und zielstrebigere Boxer präsentierte, hatte der in Rechtsauslage boxende Hall die Schlussphase dominiert. Stand Hall in Runde vier am Rande eines Knockouts, brachte der Boxer in den Runden neun und zehn Michalczewski in die Bredouille.Doch der hatte ehrlich anders empfunden. Gereizt gab er zu Protokoll: "Was wollt ihr denn. Ich hab doch mit sechs oder sieben Runden geführt. " Tatsächlich lag er vorn, doch neutral betrachtet war es eine knappe Führung. Als der Kampf zu Ende war, bestieg Michalczewski das Ringseil nacheinander an allen Ecken des Seilgevierts. Er warf sich in die Pose eines Triumphators, reckte die Arme in die Höhe, während der perplexe Hall mit den Fäustlingen seine Enttäuschung in den Ringboden trommelte. Gerade regeneriert, erklomm auch der Geschlagene die Eckenpfeiler des Ringes, und er empfing ebenso viel Beifall wie Michalczewski Pfiffe.Doch die Leiden des Champions sollten noch eine Fortsetzung erfahren. Ohne Maß und Plan referierte er während der Pressekonferenz. Ein Rückkampf? "Das kann nur Klaus Peter Kohl entscheiden". Der wiederum wolle erst mal "mit dem Fernsehen sprechen, ob die den Kampf wollen", was angesichts dieser rasanten Ringfehde außer Frage stehen dürfte. Und dann fanden sich noch ein paar Zaungäste ein, welche Michalczewski schlussendlich zur Weißglut trieben: Ralf Rocchigiani samt Ehefrau. Mit dessen Bruder Graciano hatte sich Michalczewski zweimal duelliert. Einmal hatte er unter skandalumwitterten Umständen als Disqualifikations-Sieger den Ring verlassen."Ruhig, Dariusz, ruhig" Der glückhafte Sieger war gerade dabei, sich für einen seiner besten Kämpfe zu rühmen (von denen er ja schon 44 zuvor absolviert hatte), da erklärte Frau Rocchigiani: "Die Leute ham dich ausjefiffen. Dit Berliner Publikum is ehrlich. " Dariusz Michalczewski entgegnete: "Jetzt halt die Fresse. " Manager Kohl, besonnen: "Ruhig, Dariusz, ruhig. " Der wiederum forderte: "Schmeißt die Loser endlich raus", was widerspruchlos geschah, denn einem Champion, dem schlägt man so leicht keinen Wunsch ab.Die Wahrnehmung des Boxers differierte an diesem Abend eben gründlich von der Wirklichkeit. Dariusz Michalczewski, der alte und neue Weltmeister der WBO, beschloss sein zorniges Verteidigungsmanifest mit einem großen, fordernden Satz: "Ihr müsst euch alle freuen, dass ihr mich habt. " Nicht dürften. Sondern müssen."Ich hab keine Lust auf solche Fragen. Ihr müsst euch alle freuen, dass ihr mich habt. " Dariusz Michalczewski.AP/JAN BAUER Linkes Ding: Dariusz Michalczewski (l. ) trifft einen Herausforderer, der unverschämterweise sehr gut boxt.