Nein, Ernst Schumacher, der Kommunist aus Bayern, der nach dem Krieg einem anderen Kommunisten aus Bayern, nämlich Bertolt Brecht, in den Osten Deutschlands folgte, fühlt sich nicht widerlegt durch den Zusammenbruch des Realsozialismus. Dieses Epochenende hat Schumacher, der heute 85 Jahre alt wird, offensichtlich noch nicht einmal nachhaltig die Laune verdorben. Denn was heißt schon Zusammenbruch, was Ende? Schumacher bezeichnet die Vorgänge der letzten Jahrzehnte in seinem jüngsten Buch: "Mein Brecht" (2006, Henschel-Verlag) als "Krebsgang der Realgeschichte" oder als "Rückverwandlung des ,real existierenden Sozialismus' in ein Gespenst", das nun wieder umgeht. Aber nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt. Es wird allerdings - wie er einräumt - bis zur nächsten, dann hoffentlich glücklicheren Fleischwerdung des Kommunismus doch noch länger dauern als ursprünglich angenommen. Derweil lugt Schumacher nach Südamerika, pflegt seine Sympathie zur "attac"-Bewegung und bemerkt, dass die Idee von der Weltrevolution angesichts der Globalisierung neue Diskussionswürdigkeit erlangt. Die "faktische Weltherrschaft des Kapitalismus" brauche eine Gegenbewegung, sonst drohe "in historisch kürzester Frist die Selbstzerfleischung des Menschengeschlechts".Wenn man sich den gegenwärtigen, meist zahn- und antriebslosen Kulturapparat so vor sich hin brüten und basteln sieht, stellt sich die traurige Frage, was jemand, der die Welt - weil sie es braucht - verändern will, ausgerechnet im Theater verloren hat. Schumacher sitzt, fast immer an der Seite seiner Ehefrau Renate Schumacher, unerschrocken die Premieren ab, ärgert sich (oft kichernd) über die gesellschaftliche Irrelevanz des Gezeigten, über leere Effekthascherei und Selbstdarstellerei - aber er scheint auch hier die gute Laune und die Geduld nie zu verlieren. So, als hätte ihm irgendwer gesagt, dass wir, Brechts Nachgeborene, schon noch klug würden; und so, als hätte er zuverlässige Kunde, dass er diesen Tag erleben wird.Schumacher wurde 1921 in Urspring am Lech geboren, nach Gymnasium und Arbeitsdienst, gerade 19-jährig, schickte man ihn in den Krieg. Auf dem Feldzug gegen Sowjetrussland wurde er schwer verwundet und in der Folge als Obergefreiter aus der Wehrmacht entlassen. Beim Studium hörte er 1943 erstmals von dem als "apokalyptisches Tier der deutschen Literatur" verdammten, im Giftschrank verwahrten Bertolt Brecht. Da ward des damals noch katholisch-gläubigen Schumachers Neugier geweckt. Brecht bestimmt seither Schumachers Biografie. Schumacher schrieb dem Dichter, reiste ihm nach, suchte ihn auf, forschte ihn aus, promovierte über ihn. In all seinen Tätigkeiten, erst als Journalist und Lyriker, dann als Hochschulprofessor, Publizist und immer wieder als Theaterkritiker - der inzwischen seit 42 Jahren für diese Zeitung schreibt - arbeitete und arbeitet sich Schumacher an Brecht ab. Schumacher erforscht Brecht inzwischen länger, als Brecht lebte. Und - mag zusammenbrechen was da will - auch heute teilt Ernst Schumacher Brechts Sicht auf eine Welt, die Brecht zwar gar nicht mehr kennenlernte, aber wohl schon längst verstanden hatte.------------------------------Geburtstagsgrüße aus Berliner TheaternLieber Professor Schumacher, viel Gesundheit und viel Glück wünsche ich Ihnen zum 85. Geburtstag! Ihre Vorlesungen an der Humboldt-Universität waren faszinierend, von Ihrer Weltoffenheit haben wir alle viel gelernt. Ihre Beobachtungen waren stets notwendig. Und Sie haben es geschafft, eine Brücke zwischen Theatergeschichte, Theaterwissenschaft und Theatermachen zu finden. Danke!Frank Castorf, Intendant der Berliner VolksbühneHerzlichen Glückwunsch, Ernst Schumacher.Als enger beruflicher Wegbegleiter von Bertolt Brecht unterstützte er stets das Theater, das auf die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse zielte. Dem Berliner Kritiker-"Urgestein" bayerischer Herkunft wünsche ich (ebenfalls aus Bayern) alles Gute zum 85. Geburtstag!Thomas Ostermeier, Künstlerischer Leiter an der Berliner SchaubühneAls ich Ernst Schumacher noch nicht persönlich kannte, galt er mir als eine strenge Theatereminenz, jetzt, da ich ihn seit einiger Zeit kenne, erkenne ich in ihm das Prachtexemplar eines wahrhaftigen Theaternarren, durchdrungen von barocker Lebenslust, Streitlust, Argumentationskraft. Im Grunde der ideale Theaterprofessor, dem ich alle Gesundheit wünsche zur Fortsetzung seiner Erinnerungen.Hermann Beil, Chefdramaturg am Berliner Ensemble------------------------------Foto: Ernst Schumacher im Renteneintrittsalter - vor 20 Jahren.