Am späten Nachmittag erhielt ich den Anruf eines befreundeten Schäfers namens Günter. Eigentlich war er zu mir unterwegs gewesen, um die Klauen meiner Schafe zu kontrollieren, doch war er aufgehalten worden. Ein Wagen vor ihm hatte einen Bussard angefahren, am Autobahnkreuz bei Maschen. Danach hatte der Wind das verletzte Tier gegen die Leitplanke und darüber hinaus geschleudert. Und nun wollte Günter ihn im Gebüsch suchen und, falls er ihn fände, in eine Wildvogelstation bringen.Das Ganze hörte sich etwas abenteuerlich an. Einen Kescher, feste Handschuhe und eine große Kiste hatte Günter bereits dabei. Doch Günter selbst ist ein Herr um die 60, der zwar noch eifrig Schafe schert und Marathons läuft, aber eher kleingewachsen und durch all seine Aktivitäten so dünn ist, dass ihn ein Windstoß jederzeit packen und wegwirbeln könnte, zumal so einer beim Maschener Kreuz. Ungern ließ man so jemanden allein durch die Böschungsbepflanzung stapfen. Ich bot also an, nach Kräften zu helfen. "Bist du verrückt? Das ist gefährlich!", rief Günter. "Das ist doch direkt an der Autobahn!" Aufgebracht wies er mich noch ein wenig zurecht, wie ich auf eine so tollkühne Idee kommen konnte, bis ich wagte anzumerken, dass unter den Umständen vielleicht auch er das Unternehmen abblasen sollte.Das gehe nicht. "Das passt nicht zu meinen Prinzipien", sagte er, und seine Stimme nahm einen strengen Ton an. "Hier geht es um Tierleid, ich muss es wenigstens versuchen!"Weil ich Günter schon länger kenne, versuchte ich nicht weiter, ihn zu überreden. Wenn ich ihn einen Schäfer nenne, ist das übrigens nur zur Hälfte richtig. Von der Ausbildung her ist er Schäfermeister und hat auch lange in dem Beruf gearbeitet. Freunde, die ihn aus jener Zeit kennen, erzählen, er sei schon damals ziemlich dünn gewesen, habe dieselben uralten, teils zerlöcherten Schuhe und Klamotten getragen - und ein großes Herz besessen. Er hatte nie Geld in der Tasche, aber arm wirkenden Leuten schenkte er Schafe zum Schlachten. Eines Tages nahm er eine Praktikantin an, die Vegetarierin war, und lebte mehrere Jahre mit ihr zusammen. Er begann, die Sache mit dem Schlachten anders zu sehen, gab zuerst das Fleischessen, dann den Verzehr sämtlicher tierischer Produkte auf, und damit schließlich seinen Beruf. Ein Schäfer lebt nun einmal vom Verkauf seiner Tiere zwecks Schlachtung.So ist Günter heute das seltene Beispiel eines veganen Schäfers. Zwar besitzt er noch eine Herde, die besteht jedoch aus "Gnadenschafen", die er vor der Schlachtung oder aus schlechter Haltung rettete. Auf Wochenmärkten verkauft er ökologisch angebautes Obst und Gemüse, allerdings handhabt er seine Geschäfte wie einst als kommerzieller Schäfer. Gruppen junger Veganer beliefert er kostenlos, und von einem Hamburger Markt wurde er ausgeschlossen, weil seine Praktiken n den Wettbewerbsbestimmungen zuwiderliefen. Günter bemaß nämlich die Preise an der nach Augenschein geschätzten Finanzkraft seiner Kunden.Als Günter an jenem Tag schließlich seinen ächzenden alten Kleinbus auf meinen Hof steuerte, war es noch heller Abend. Den Bussard hatte er bald gefunden, leider war das Tier bereits tot gewesen. Bei aller Traurigkeit war Günter eine gewisse Erleichterung anzumerken, dass das verletzte Tier wenigstens nicht ewig leiden musste. "Und jetzt zeig mir deine Schafe!" Wir trieben die Schafe zusammen, er kontrollierte die Klauen einiger älterer Tiere. Hingebungsvoll schnitt er alles überstehende Material ab, roch an den Schafsfüßen, ob sie entzündet waren, desinfizierte die Klauen einer Ziege. Wir tranken einen Tee zusammen, aßen etwas in meiner Küche. Dann ging er zu seinem maroden Wagen zurück. "Möchtest du noch mal den Bussard sehen?", fragte er. "Hast du ihn etwa dabei?" - Ja, er wolle ihn später ordentlich begraben.Es war ein junger Bussard gewesen, ein schönes, nussbraunes Tier. Die Augen hatte ihm Günter sanft geschlossen, äußerlich war keine Verletzung zu sehen. Es sah aus, als schlafe er. Fünf Mal musste Günter den Zündschlüssel herumdrehen, bevor endlich doch der Motor ansprang. Seine dünne Hand winkte aus dem Fenster zum Abschied. Ein Tier ist nirgends besser aufgehoben als bei ihm.