Ein Konzert mit Paul Potts, dem Gewinner der Casting-Show "Britain's Got Talent", ist ein zwiespältiges Unterfangen: Einerseits glaubt man, in zermürbender Spannung auf den Anpfiff eines bedeutenden Sportspektakels zu warten, andererseits kündigt die Eintrittskarte hochkulturelle Unterhaltung an. Am Montagabend bildeten in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle eben jene ungenauen Erwartungen den dramaturgischen Rahmen: Bevor es mit emotional angepeitschten Evergreens losgehen konnte, deckten sich die Potts-Fans im dunstigen Bratfett-Nebel mit Bier und Pommes ein. Im Taumel des Kaufrausches - die Tickets für diesen Gesangs-Anfänger kosteten etwa 50 Euro - öffnete sich der schwarze Vorhang, um die erste Enttäuschung an den Anfang zu stellen: auf der Bühne hatte ein mager besetztes Orchester Platz genommen - mehr Kammermusik- als Opernorchester - der Rest kam vom Band. Als Paul Potts auf die Bühne tapste, war dennoch gewiss, dass hier niemand seinen Sitzplatz vor der erlösenden Schluss-Arie aufgeben würde.Damals, als Potts am englischen Casting-Wettbewerb teilnahm, antwortete er auf die Frage der Jury, was er denn singen wolle, schüchtern und zaghaft: "opera". Er erntete Erstaunen und schelmische Skepsis. Bei seinem Konzert in Berlin hätte er stattdessen einfach "Musical" ausrufen können, denn mit einem Opern-Recital hatte sein Auftritt wenig zu tun. Cats, Les Misérables, Pop-Songs und leicht bekömmliche Operetten-Schmankerl waren der massenwirksame Ausgangspunkt einer ansonsten abwechslungsarmen Performance.Nun hatte ja niemand strapaziöse Klangprovokationen wie in Donaueschingen erwartet. Doch ein wenig Mut zum Experiment, zumindest das Aufglimmen einer selbstironischen Geste hätte Potts dem alles aufsaugenden Publikum doch zumuten können. Dafür gab es keinen Platz. Der zur Werbe-Ikone aufgestiegene Sänger war damit beschäftigt, die angelegten Konturen seines Erfolges auszumalen: die eines erbittert für seine Träume kämpfenden Handyverkäufers, der privat in Gesangsstunden investierte, um auf der Opernbühne zu reüssieren. Das Publikum bekam, was es wollte: Pure Emotion übergossen von bräsig-kitschiger Sauce.Und auf der Bühne der singende Bär mit voluminöser und überraschend kraftvoller Stimme, die aber im Vibrato und in den Tiefen auf ihre Grenzen stieß. Wenn Paul Potts zu lyrischen Ausschmückungen ansetzte, klang der Entwicklungsprozess wie das widerspenstige Zünden eines alten Lada. Nach der erfolgreichen Ankurbelung gab es dann aber im höheren Geschwindigkeitssegment kein Halten mehr. Jede Nummer war auf die legato- und crescendo-Finalkadenzen ausgelegt, so dass sich das allmähliche Fortschreiten von Song zu Song wie ein betäubender fortissimo-Marathon anhörte.Bei aller Kritik: in Paul Potts Stimme steckt einiges. Längst schon sind Opern-Regisseure vom Ausmaß des Potts-Phänomens auf deutschen Bühnen betroffen. Schon fürchten sich Intendanten zwischen Bremerhaven und Berlin, Puccinis Turandot auf den Spielplan zu setzen, da die für das Publikum maßgebende Interpretation von "Nessun dorma" derzeit von Potts geliefert zu werden scheint.Wann wird diese Blase endlich platzen? Aus musikästhetischer Perspektive ist der Casting-Tenor eine eher das Herz als das Gehör ansprechende Erscheinung. Freilich eine Erscheinung auf Zeit.------------------------------Foto: Paul Potts: eine voluminöse, kraftvolle Stimme mit Neigung zu lyrischen Ausschmückungen.