Der Chef darf seinen Mitarbeitern riskante Sportarten nicht verbieten, muss aber bei verletzungsbedingten Ausfällen den Lohn nicht in jedem Fall fortzahlen: Urlaub extrem

Manche Menschen mögen es riskant. Sie brauchen den besonderen Kick -und suchen ihn beispielsweise in Extremsportarten wie Klippenspringen, Free-Climbing, Apnoe-Tauchen, Wildwasser-Rafting oder ähnlich riskanten Freizeitvergnügungen. Andere dagegen halten es mit der Überzeugung "Sport ist Mord", feiern lieber und schlagen dabei über die Stränge, indem sie trotz Alkoholgenusses das Fahrrad oder das Auto für die Heimfahrt benutzen.Es gibt zahlreiche Betätigungen, die ein hohes Verletzungsrisiko bergen. Viele Menschen nehmen das bewusst in Kauf. Das Grundgesetz (GG) steht hinter den Wagemutigen, denn es gewährt jedem von ihnen in Artikel 2 das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit -sofern andere dabei nicht zu Schaden kommen, die verfassungsmäßige Ordnung nicht gestört und das Sittengesetz nicht verletzt wird.Wie aber werden gefährliche Freizeitbetätigungen in einem Arbeitsverhältnis beurteilt? Steht die Freiheit des Arbeitnehmers über allem oder kann der Arbeitgeber bestimmte Aktivitäten verbieten, von denen er glaubt, dass sie sich nachteilig auf die Arbeitskraft seiner Mitarbeiter auswirken?Letzteres ist nicht zulässig: Arbeitnehmer dürfen selbst bestimmen, was sie in Urlaub und Freizeit tun oder lassen, müssen allerdings auch die Konsequenzen dafür tragen. Passiert dem kühnen Mitarbeiter etwas und wird er dadurch arbeitsunfähig, kann der Chef die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, auf die grundsätzlich ein gesetzlicher Anspruch besteht, unter Umständen verweigern. Das ist dann der Fall, wenn die krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit auf einem "gröblichen Verstoß gegen das von einem verständigen Menschen im eigenen Interesse zu erwartende Verhalten" beruht. Man spricht hier auch von einem "Verschulden gegen sich selbst". Das gilt ebenso, wenn der Arbeitnehmer seine Genesung durch unverständliches, ungewöhnlich leichtfertiges oder mutwilliges Verhalten verzögert.Bei Sportunfällen billigt das Bundesarbeitsgericht (BAG) dem Arbeitgeber bei drei Fallvarianten zu, dass er von der Entgeltfortzahlung befreit ist -und zwar, wenn der Arbeitnehmer eine besonders gefährliche Sportart ausübt, er in besonders grober und leichtsinniger Weise gegen anerkannte Regeln der jeweiligen Sportart verstößt oder sich bei seiner sportlichen Betätigung deutlich selbst überschätzt. Eine Sportart wird als besonders gefährlich eingestuft, wenn das Verletzungsrisiko so hoch ist, dass selbst ein gut ausgebildeter Sportler bei sorgfältiger Beachtung aller Regeln dieses Risiko nicht vermeiden kann, sondern stattdessen unbeherrschbaren Gefahren ausgesetzt ist. In diese Kategorie wurde allerdings bislang noch keine einzige Sportart vom BAG eingestuft, weder Skispringen noch Motorradrennen oder Drachenfliegen. Ausschlaggebend ist aber nicht nur die Gefährlichkeit der Sportart, sondern auch ob der Arbeitnehmer über die erforderliche Eignung, Übung und Ausrüstung verfügt und ob der Sport auf einer ordnungsgemäßen Anlage betrieben wird.Den Lohnausfall trägt ein Arbeitnehmer daher auch selbst, wenn er den Sport an einem dafür ungeeigneten Ort ausübt, er erkennbar defekte Sportgeräte nutzt oder Sicherheitsvorkehrungen missachtet. Wer sich selbst überschätzt und dadurch Sportverletzungen erleidet oder wer trotz bekannter Verletzungsanfälligkeit Sport treibt, kann sich ebenfalls nicht darauf verlassen, dass der Arbeitgeber die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall leistet.Bei Verkehrsunfällen geht man davon aus, dass die Arbeitsunfähigkeit selbst verschuldet ist, wenn der Arbeitnehmer vorsätzlich oder grob fahrlässig gegen die Vorschriften der Straßenverkehrsordnung (StVO) verstößt. Ein Sturz bei Volltrunkenheit ist ebenso selbst verschuldet wie ein Verkehrsunfall eines alkoholisierten Arbeitnehmers. Eine Alkoholabhängigkeit selbst gilt hingegen als unverschuldete Krankheit. Unter Umständen begründet aber ein Rückfall nach einer Entziehungskur ein Verschulden.Die Autorin ist Rechtsanwältin in der Kanzlei Dr. Jula und Partner im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Sie ist Fachanwältin für Arbeitsrecht.www.jula-partner.de------------------------------Foto: Kein O.K. vom Chef nötig: Extremsport ist trotz des Verletzungsrisikos Privatsache.