POTSDAM. Das Pulver ist kaffeebraun und fein wie Puder. Einige hundert Gramm davon hat Markus Antonietti in eine Schale geschüttet und auf das Fensterbrett seines Büros gestellt. Das Pulver ist sein Beweis. "Das ist die Kohle, um die es geht", sagt Antonietti. Die Kohle kommt nicht aus dem Bergbau. Sie kommt aus einem Labor im Potsdamer Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung.Antonietti, 48, ist der Direktor des Instituts, und er forscht mit einer 20-köpfigen Gruppe von Wissenschaftlern an der Umwandlung von pflanzlichen Abfällen in fossile Brennstoffe. Das Prinzip klingt einfach. "Wir vollziehen unter optimalen Bedingungen nur das nach, was sich in der Natur über Jahrmillionen abgespielt hat", erklärt Antonietti. Das Thema hat ein gewaltiges Potenzial. Letztlich geht es um die Frage, auf welche Energieträger die Menschheit auf Dauer setzen kann, ohne das Klima weiter zu schädigen. Gerade hat er für seine Forschungen vom Europäischen Forschungsrat 2,5 Millionen Euro erhalten. Um die kräftige Finanzspritze hatten sich weit mehr als 2 000 Antragsteller beworben."Bis jetzt geht es in der Chemie immer nur ums Erdöl", sagt Antonietti. "Aber diese Chemie kann nicht von Dauer sein." Er denkt an die Zeit danach, wenn das Erdöl knapp wird und die Kohlevorräte erschöpft sind. Dann kommt, sagt Antonietti voraus, das Zeitalter der Biomasse. Die ungeheure Menge von 60 Kubikkilometer falle täglich an. Wolle man die anders als bisher nutzen, wird eine andere Chemie benötigt.Eine Chemie zum Beispiel, die erklärt, wie aus Pflanzenresten innerhalb kurzer Zeit Kohlenstoff entstehen kann. So, wie es Antonietti gern in seinem Labor demonstriert. Das Experiment funktioniert mit Stroh, mit Laub, mit organischen Stoffen überhaupt. Die Forschungen sind weit vorangeschritten. "Wir wissen heute, wie wir Kohle für die verschiedensten Zwecke produzieren können", sagt Antonietti. Für die Energieerzeugung etwa oder zur Bodenverbesserung. "Wir haben schon so etwas wie eine Werkzeugkiste." Mikroorganismen, die Kohlendioxid freisetzen, kommen nicht zum Einsatz. Und weil sich der in den Pflanzen gebundene Kohlenstoff am Ende in der Kohle wiederfindet, spricht Antonietti von einer insgesamt "CO2-negativ-Bilanz". 2009 will ein Unternehmen in Kleinmachnow erstmals Grünabfall industriell in Kohle verwandeln.Diesmal haben seine Mitarbeiter im Labor Algen in den benötigten Druckbehälter, eine Art Schnellkochtopf, gepackt. Wegen der Explosionsgefahr wurde er auf dem Dach des Instituts, in einem blauen Schrebergartenhäuschen, zunächst auf 200 Grad erhitzt. Bei dieser Temperatur kommt die exotherme Reaktion in Gang, bei der Wärme erzeugt wird. Nach dem Öffnen findet Antonietti in dem abgekühlten Zylinder wie erwartet eine schwarze Brühe vor. Auf dem Grund hat sich Kohlestaub abgesetzt. Der hohe Druck, die Temperatur und ein Katalysator haben binnen Stunden einen Prozess vollendet, der in der Natur Ewigkeiten dauert. Bei dem Verfahren, das die Wissenschaftler "hydrothermale Karbonisierung" nennen, bildet sich auch Biogas. "Und die Brühe mit den Nährstoffen der Pflanzen ist ein hervorragender Dünger", sagt Antonietti. Es geht nichts verloren, kein Kohlendioxid entweicht.Kohlendioxid, der Klimakiller, ist das, was ihn immer wieder umtreibt. Mit Sorge sieht er die Pläne, im brandenburgischen Kyritz das verflüssigte Gas in unterirdische Speicher zu pumpen. Gelangt das Gas an einer undichten Stelle an die Oberfläche, könnte das schlimme Folgen haben, warnt er. So wie vor einigen Tagen in Mönchengladbach, als Kohlendioxid aus einer Löschanlage der Feuerwehr austrat und es mehr als 100 Verletzte gab.1993 folgte der Chemiker mit den italienischen Vorfahren dem Ruf der Max-Planck-Gesellschaft. Er zog von Marburg in Hessen, wo er als 31-Jähriger eine Professur erhalten und selbst ein Haus gebaut hatte, nach Brandenburg und übernahm in Potsdam das neugegründete Institut, das aus der DDR-Akademie der Wissenschaften hervorgegangen war. Antonietti erinnert sich: "Das war ein langer Prozess der Eingewöhnung." Nicht nur wegen der Familie, die erst vier Jahre später nachzog. Auch wegen der Mentalität. Inzwischen bewohnt er mit seiner Frau, die eine kleine Galerie betreibt, und der jüngeren Tochter ein Haus in Potsdams Nachbargemeinde Nuthetal. Seine ältere Tochter studiert außerhalb Psychologie. Vor einem Chemie-Studium hat er seine Töchter immer gewarnt. Der nicht nur in Fachkreisen bekannte Name des Professors Antonietti könnte zur Last werden.Es gibt 370 Veröffentlichungen von ihm und 20 Patente. Er gehört wissenschaftlichen Gremien an, reist zu Konferenzen in alle Welt, hat Professuren an mehreren Universitäten inne. 21 seiner früheren Doktoranden sind heute selbst Professoren. An dem Institut forschen zur Zeit junge Wissenschaftler aus 36 Ländern, die ihn sagen lassen: "Ich arbeite jeden Tag mit Genies." Er kocht zu Hause gern italienische und mediterrane Kost, er spielt Gitarre und singt mit Begeisterung in einer Band. "Rock, Blues, Punk", erläutert er nur knapp.Ja, er sei ein glücklicher Mensch, gibt Antonietti offen zu.In unserer Serie stellen wir Brandenbürger vor - Menschen mit ungewöhnlichen Ideen, mit Bürgersinn und Engagement für das Wohl ihrer Region.------------------------------Foto: Forschen für die Zukunft: Professor Markus Antonietti vom Max-Planck-Institut in Potsdam.