Zinnoberrot schimmern die Felsen vor dem Ultramarin der See. Doch die Menschen, die in den Vierzigerjahren auf der Straße entlang der Cote Vermeille unterwegs sind, haben keinen Sinn für die Anmut der Landschaft und keine Zeit, den Blick müßig schweifen zu lassen. Sie sind auf der Flucht vor den Schergen Nazideutschlands. Durch Spanien hindurch nach Portugal wollen sie, von dort irgendwie weiter, in jene Teile der Welt, die Freiheit versprechen.Schnell werden die Grenz- und Hafenorte Südfrankreichs zur Falle, werden von Tag zu Tag strenger bewacht, vor allem die großen Bahnhöfe von Cerbere und Portbou am Mittelmeer. Bis Mitte September 1940 entkommen Exilanten wie Heinrich und Nelly Mann, Golo Mann, Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel noch über den leicht zu gehenden Küstenweg bei Cerbere. Doch schon bald ist dieser im Visier der Gestapo. Die Nachfolgenden müssen die Grenze im Schutz der ansteigenden Berge überqueren, was eine viel längere und strapaziösere Passage bedeutet. Hans und Lisa Fittko, selbst Verfolgte des Nationalsozialismus, schleusen als ortskundige Fluchthelfer Dutzende von Menschen über Bergpfade in die Freiheit.Auch Walter Benjamin gehört zu jenen Exilanten, die sich viel zu spät zur Flucht aus Paris entschließen. Am 24. September 1940 meldet sich Benjamin bei den Fittkos. Sie brechen am nächsten Morgen auf. Es geht nur langsam vorwärts. Der herzkranke Philosoph muss alle zehn Minuten rasten. Schließlich erreicht die Gruppe den Bergsattel. Lisa Fittko notiert: "Das Bild erschien so unverhofft vor mir, dass ich einen Augenblick an eine Fata Morgana glaubte. Weit unten, von wo wir hergekommen waren, sah man wieder das tiefblaue Meer. Auf der anderen Seite, vor uns, fielen schroffe Klippen auf eine Glasplatte aus durchsichtigem Türkis ... es war die spanische Küste".Jenseits von Lebensgefahr und Todesangst ist der Weg über die Berge ein überaus reizvoller und anspruchsvoller Wanderpfad. Seit einem Jahr ist der "Chemin Walter Benjamin" zudem mustergültig ausgewiesen. Hinweistafeln in vier Sprachen informieren über die einstige "Route Fittko". Die Tour führt von Banyuls-sur-Mer zum Dorf Puig del Mas mit einer Gedenkstätte für Lisa Fittko. Dann steigt der Weg, der einem uralten Schmugglerpfad folgt, zwischen den Weinbergen an, zieht sich durch die Garrigue, einem duftenden Gestrüpp von Zistrosen und Wildkräutern. Auf dem Coll de Rumpissa ist die Grenze überquert und die Wanderer werden mit jenem Panorama belohnt, das Lisa Fittko in ihren Erinnerungen "Mein Weg über die Pyrenäen" beschreibt. Auf zwei Seiten leuchtet das Meer. Portbou schmiegt sich tief unten in eine muschelförmige Bucht.Walter Benjamin erreicht das spanische Portbou am Abend des 25.September 1940. Mit dem Dringlichkeitsvisum für die Vereinigten Staaten und gültigem Transitvisum für Spanien meldet er sich an der heute verlassenen Grenzstation. Er glaubt seinen Weg in die Freiheit geglückt. Doch genau an jenem Tag ist ein neues Dekret aus Madrid in Kraft getreten, das die Einreise nach Spanien nur noch mit gültigem Ausreisestempel der Franzosen erlaubt. Man setzt die Gruppe der Flüchtlinge in einem Hotel fest, um sie am nächsten Tag an die französischen Behörden zu übergeben. Benjamin nimmt sich im Morgengrauen des 26. September mit einer Überdosis Morphium das Leben. Schockiert durch seinen Freitod lassen die spanischen Grenzer die Begleiter Benjamins in die Freiheit ziehen.Heute informiert eine Ausstellung im Ortszentrum mit vielen Dokumenten über den Tod Benjamins. Tafeln mit Informationen über das Schicksal der Flüchtlinge und die Wege der Exilanten stehen überall im Ort. Der idyl- lischste Fleck von Portbou ist der am Hang gelegene Friedhof mit Blick über Bucht und Berge. "Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein", teilt sich der Grabstein Benjamins mit einem Zitat aus seinen Werken dem Besucher mit. Direkt neben dem Friedhof hat der israelische Künstler Dani Karavan den Flüchtlingen ein Denkmal gesetzt. Die nach dem Hauptwerk Walter Benjamins "Passagen" genannte Landschaftsinstallation führt als steiler, rostiger Schacht den Abhang hinunter.Jeder Schritt tönt auf dem Stahl, wenn man die schmale Treppe hinuntergeht, achtundsechzig Stufen in die Tiefe. Dann versperrt eine dicke Glasscheibe den Ausweg. Dahinter tost das Meer zwischen den Felsen. Der Wind bläst ein Klagelied in den düsteren Schacht. Beim Aufstieg zurück ans Licht leuchtet das Abendrot wie ein Versprechen.------------------------------ServiceDer WegDer "Chemin Walter Benjamin" ist 17,5 Kilometer lang und erreicht 640 Höhenmeter. Gehzeit 4,5 bis 6 Stunden.DAS KOLLOQUIUMWalter Benjamin war Philosoph, Literaturkritiker und Übersetzer Balzacs, Baudelaires und Marcel Prousts. Vom 17. bis 26. September gedenkt Portbou mit einem internationalen Kolloquium seines 70.Todestages.www.walterbenjaminportbou.cat------------------------------Karte: Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien.Foto: Philosoph und Kritiker, Walter Benjamin (1892-1940)Foto: Blick auf Banyuls-sur-mer an der Grenze zu Spanien.