Neben dem Partyraum schläft ein Ehepaar, und das pocht auf seine Nachtruhe. Das wäre eigentlich schon das Ende der Geschichte. Wie feiern, wenn Zimmerlautstärke das höchste der Gefühle ist? Die Antwort liegt nahe, man muss nur drauf kommen: Ein "Festival in Zimmerlautstärke" beginnt heute in der Lychener Straße 60 in Prenzlauer Berg."Lychi 60" hieß der schon aus Hausbesetzerzeiten bekannte Club, bis er vor anderthalb Jahren schließen musste. Das schlafbedürftige Ehepaar von nebenan war schuld. Seitdem steht der 60 Quadratmeter große Kellerraum mit seinen unverputzten Backsteinwänden und seiner metallenen Galerie in drei Meter Höhe leer. Das ändert sich nun, zumindest für drei Tage. Als "Ausland" wird der Club am Gründonnerstag wieder eröffnet. Ein passender Name, findet Noren Fritsch, eine der acht Organisatoren. Wer sagt, "Ich gehe ins Ausland", zeige damit seine Bereitschaft, sich auf Fremdes einzulassen, auf andere Sprachen und Kulturen.Bei "Unox" knistern die TütenDiese Bereitschaft ist auch gefordert während des dreitägigen Festivals von Gründonnerstag bis Ostersonnabend. Flüsternde Tüten sind im "Megafonchor" zu hören, bei "Unox" wird mit knisternden Plastiktaschen getanzt, Alistair Noon bietet (leise) Lautmalereien und Bertolt Brechts "Dritte Untersuchung, ob der Mensch dem Menschen hilft" wird als Theaterszene aufgeführt - alles in Zimmerlautstärke. Getanzt werden darf auch, klar. "Jeder kriegt einen Kopfhörer übergestülpt und los geht s", sagt Noren Fritsch: Disco à la "Ausland".Als Performance ist ein "Kaffeeklatsch" eingeplant: Reden ist verboten, Essen und Trinken erlaubt. "Schmatzen und Aufstoßen auch", sagt Noren Fritsch. Konzerte gibt es auch, zum Beispiel mit Musik vom Laptop. Diese wird nur durch winzige Computer-Lautsprecher in den Raum geschickt. Der Name des Festivals ist auch eine Aufforderung an seine Besucher: "Leise im Ausland", sonst ist nämlich nichts zu hören."Es war für uns eine Herausforderung, aus diesen Beschränkungen das Beste zu machen", sagt Mit- Organisatorin Bea Zeier. Grenzen ausloten, Experimente wagen: Das wird immer schwieriger, sagt die Studentin. Prenzlauer Berg werde Stück für Stück saniert, und damit biederer. Der Club an der Lychener Straße sei mittlerweile "einer der wenigen Räume, die es noch für derartige Experimente gibt".In der Nacht zu Ostersonntag klingt das Festival mit einem "Fade Out" aus. Das passt, denn danach wird erstmal nichts passieren. Denn auf Dauer nützt Leisetreterei auch im "Ausland" nichts. Deshalb soll der Keller schallgeschützt, mit einer Belüftung und einem Behindertenzugang ausgestattet werden. Aber das kostet viel Geld: 300 000 Mark sind eingeplant und unmöglich aus eigener Kasse zu bezahlen. Einiges ist durch Spenden zusammengekommen, den Rest soll die Stiftung Deutsche Klassenlotterie sponsern. Die Entscheidung darüber soll in den nächsten Wochen fallen.Weitergehen soll es im HerbstKommt das Geld, wird sofort mit den Arbeiten begonnen. Dann könnte schon im Herbst die offizielle Eröffnung des "Auslands" gefeiert werden. Das achtköpfige Team hat jedenfalls genug Ideen, um mit einem Sieben-Tage-die-Woche-Programm loszulegen. Sollte es nicht klappen, gibt es zumindest einen Trost: Ungestörte Nachtruhe für ein ganz bestimmtes Ehepaar.Der Club "Ausland" im Internethttp://kickme.to/auslandBERLINER ZEITUNG/KARL MITTENZWEI Psst, nicht so laut rascheln: Bei der Performance "Unox" wird im "Ausland" mit leise knisternden Plastiktüten getanzt.