Im Jahre 1965 hatte eine linke Organisation in Frankfurt am Main eine Werkschau des Collagisten John Heartfield organisiert. Das war eine Initiative, die in der damaligen Bundesrepublik als ein politisches Fanal gedeutet werden konnte. So jedenfalls sah es der Geehrte, der nach der Eröffnungsrede leicht tränenden Auges umstandslos die Hände der links und rechts von ihm Stehenden ergriff und mit brüchiger Stimme die Internationale anstimmte, worauf wir, die Vernissage-Besucher, es ihm brummelnd nachzumachen versuchten. Dass der Collagist Andreas Prüstel bei seinen Ausstellungen ähnlich reagiert, ist eher unwahrscheinlich. Er gehört jener Spezies an, der nichts heilig ist. Im Juni 1989 sind wir uns das erste Mal über den Weg gelaufen, in Greiz, anlässlich einer Ausstellung der "Neuen Frankfurter Schule", und der Gegenstand von Prüstels so gnadenlosen wie witzigen Bemerkungen waren die Widersprüche im gerade noch existierenden, nicht mehr so ganz realen Sozialismus. Dass die DDR nur noch ein Schatten ihrer selbst war, verdeutlicht nicht zuletzt die Tatsache, dass selbst ein so fragwürdiges künstlerisches Subjekt wie Prüstel kurz vor Toresschluss eine Reiseerlaubnis erhielt. Im Herbst 1989 tauchte er unvermutet in der Frankfurter Redaktion der satirischen Monatsschrift "Titanic" auf, wo seine hellsichtigen Beobachtungen zum real delirierenden Kapitalismus mir ebenso zu denken gaben wie seine erfahrungsgesättigte Kritik am Verhalten gewisser Protagonisten der sich gerade in aller DDR-Öffentlichkeit formierenden Bürgerrechtsbewegung: ein Selbstdenker, dieser Prüstel. Wie wird man Collagist? Andreas Prüstel wurde 1951 in Leipzig geboren, reifte in den Jahren 1968 bis 1971 im Betonfach heran, worauf er in den Jahren 1976 bis 1977 die Abendschule der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig besuchte. Dabei hatte er sich schon 1974 bei der Leipziger Akademie beworben, war aber bereits in der Vorauswahl durchgefallen. Begründung: Wir sind keine Surrealistenschule. Prüstel aber war vom Surrealismus fasziniert und blieb es noch, als er von präzisen Zeit raubenden Bleistiftzeichnungen zur Collage wechselte. Mit diesem Schritt folgte er einem Ratschlag Jochen Fiedlers, dem Vorsitzenden der Sektion Gebrauchsgrafik im Verband Bildender Künstler, sowie seiner inneren Stimme, die ihm vorgerechnet hatte: Wenn du so weiterpfriemelst, wird dein Lebenswerk plusminus hundert Blatt schwerlich übersteigen. Ungefähr hundert Blatt umfasste das damals bereits abgeschlossene Collagenwerk des John Heartfield, doch nicht der war Prüstels Vorbild, obwohl er dessen Arbeiten für die "AIZ" und für Kurt Tucholskys "Deutschland, Deutschland über alles" kannte und schätzte. Anregender und aufregender war Max Ernst, Schöpfer der surrealistischen Collagen-Suite "Die Frau mit den hundert Köpfen", jemand, der keine handfesten Antworten gewusst, es jedoch verstanden hatte, für die Fragwürdigkeit aller Sinnstiftung beängstigende und bezaubernde Klebebilder zu finden. Eine Collage Prüstels aus dem Jahre 1983 trägt den Titel "Vorstadt" und könnte als Nachhall surrealistischer Weltsicht gedeutet werden, hätten sich nicht die Vorstädte des Prüstel schen Heimatlandes schon damals in Richtung eines real existierenden Surrealismus entwickelt. Die deutsche Vereinigung erlebte der Collagist als Wendegewinnler. Während es anderen, nun nicht mehr DDR-Künstlern vorerst die Sprache verschlug, konnte Prüstel sich endlich mit seinen Bildern zu Wort melden: "Als die Mauer kippte, schnippte es bei mir aus. Ich arbeitete wie ein Verrückter." Er arbeitet seit dem November 1989 vor allem für den "Eulenspiegel", in dem er zeitweise mit zehn Arbeiten und mehr vertreten war. Die Zeiten änderten sich, der "Eulenspiegel" mutierte vom Wochenblatt zur Monatsschrift. Prüstel steuerte weniger bei, doch bis auf den heutigen Tag ist er Beiträger geblieben. Im "Eulenspiegel" veröffentlicht er das, was er nun schon seit 25 Jahren macht: Klebebilder zu meist politischen und gesellschaftspolitischen Themen.Doch zunächst stellen sich Fragen zur Form. Zum Beispiel die, ob es sich Prüstel nicht sehr leicht macht, wenn er als Bildsatiriker nicht zum karikierenden Stift, sondern zur Schere greift, um das Foto seines Opfers auszuschneiden und auf einen ebenfalls bereits von fremder Hand fotografierten Hintergrund zu kleben: Ist das Kunst? Oder nicht vielmehr ein ebenso simples wie arbeitsscheues Vorgehen?! Nein, Prüstel macht es sich schwer. Wie schwer, lässt sich an einem seiner Blätter zeigen, das "Sein oder Nichtsein" überschrieben ist und Gregor Gysi als Hamlet zeigt. Am Anfang, sagt Prüstel, habe ein Eindruck gestanden: Gysi als schwankende Figur, als Verantwortungsträger einer Partei, für die es zu Beginn der neunziger Jahre um Sein oder Nichtsein gegangen sei, da sie zweierlei zu verkörpern versuchte, die Nachfolgeorganisation der SED - der Genossen und des Parteivermögens wegen - und zugleich eine glaubwürdig demokratische Partei. Dieses Ineinander von Schwanken und Existenzfrage habe den Einfall geradezu aufgedrängt, aus dem Protagonisten einen Hamlet zu machen. Gedacht - getan? Nein: So schnell klebt ein Collagist nicht.Zunächst durchsuchte er seine Archivkästen, in denen das Bildmaterial penibel nach Gruppen versammelt liegt, und fand einen stimmungsvoll gewittrigen Hintergrund, ursprünglich Bestandteil einer Automobil-Werbung. Sodann begann die schon schwierigere Suche nach dem Hamlet-Körper, der sich die schwierigste anschloss: Unter 200 archivierten Gysi-Köpfen musste Prüstel den herausfinden, der in Größe, Blick und Beleuchtung zur Körpersprache des kopflosen Schauspielers passte. Zu sehen ist schließlich, dass Prüstel auch gefunden hat: Was man aber selbst bei näherem Hinsehen kaum oder gar nicht erkennen kann, sind Schnittränder und Klebestellen: Erst der vorsichtig über das Blatt fahrende Finger spürt, aus wie viel Bestandteilen sich solch eine Collage zusammensetzt. Bei "Sein oder Nichtsein" sind es drei Elemente; mehr als vier zu verwenden widerstrebt Prüstel: je weniger, desto besser. Ebenso strikt hält er sich an andere, selbst auferlegte Regeln: Keine Bearbeitungen der Fotos durch Vergrößern oder Verkleinern. Keine Retuschen. Und schon gar keine computergestützten Veränderungen und Zusammenführungen der Materialien: Andreas Prüstel ist ein Handwerker, und er ist es aus Überzeugung. Doch er kann auch anders. Neben seinen formal elaborierten, in jeder Hinsicht sorgfältig kalkulierten Collagen pflegt Prüstel ein Kontrastprogramm, das er selber "Klamauk-Blätter" nennt. Thierse als Weihnachtsmann ist ein solches Klamaukblatt, und was für dieses Blatt gilt, trifft auch für die anderen Collagen dieses Typs zu: Da stimmen die Proportionen nicht, da wird roh geschnitten und wild geklebt, da wird reingemalt und draufgeschrieben. Andreas Prüstel sagt: "Ich liebe es am meisten, wenn ich nur zwei Teile montiere." Und ich schätze jene Collagen Prüstels am meisten, auf denen ihm das gelungen ist. Das gilt beispielsweise für das prophetische Blatt von 1994, das Jörg Haider durch einen Geniestreich - besser: durch eine Genieklebe - zum, und so heißt das Blatt, "Marktführer" macht: Der schnurrbarthaft unter die Haider-Nase geklebte Strichcode weist ebenso auf des Politikers geistigen Ziehvater zurück, wie er die Wahl- und Markterfolge des Populisten vorwegnimmt. Sein Ideal sei eine Ästhetik der Sparsamkeit, sagt Prüstel. Ein anderes seiner Zwei-Komponenten-Bilder erreicht dieses Ziel durch die Verbindung von - auch zeitlich - disparatem Bildmaterial.Den Fond bildet ein KPD-Flugblatt der zwanziger Jahre, das im pathetischen Stil der Zeit für die "Rote Hilfe" wirbt, doch statt des gezeichneten Kopfs des zentralen Genossen blickt uns eine 1994 hineincollagierte Regine Hildebrandt an, die das sie umgebende Pathos zugleich bricht und bestätigt, hat sie doch einen dieser bedeutungsvollen Käthe-Kollwitz- oder Helene-Weigel-Köpfe, die nicht ganz aus dieser Zeit und von dieser Welt sind, da sie an Gutfrauen aus Schwarzweißfilmen der Vorkriegszeit oder an Theat erfotos der Nachkriegszeit erinnern. "Politiker und andere Menschen" heißt seine derzeitige Ausstellung; zu diesen anderen gehören Sportler wie Henry Maske und Katarina Witt, aber auch Nobodys wie du und ich. Wir sind bekanntlich das Volk, doch Prüstels kritischer Blick macht auch vor diesem vorgeblichen Souverän nicht Halt. In einer seiner schlagendsten Zwei-Komponenten-Collagen führt er zusammen, was nach menschlichem Ermessen niemals füreinander bestimmt war, auf seinem Blatt aber so wirkt, als gehöre es zusammen. Blattfüllend ist eine farbig und emotional bewegte Szene aus jenen Tagen, da Helmut Kohl in Dresden vor 50 000 Begeisterten sprach. Prüstel war dabei und empfand die vieltausendstimmigen Jubelchöre als beklemmend. Zu diesem durchaus doppeldeutigen Foto-Hintergrund - werden da die vielen schwarz-rot-goldenen Fahnen noch geschwenkt? Wird schon mit ihnen zugeschlagen? - gesellt sich ein Aufkleber, den ich für eine Erfindung gehalten hätte, wäre mir Prüstels Dogma nicht vertraut gewesen, nur unbearbeitete Zutaten zu verwenden. Diese spezifische Zutat stammt aus einem Jeans-Laden, den Prüstel in weiblicher Begleitung aufgesucht hatte. Sie entdeckte das seltsam geformte, an Jeans befestigte Pappschildchen zuerst, und er wusste sogleich, dass er etwas damit machen müsse, weshalb sie das Objekt kurzerhand klaute, worauf er es nach langem Suchen, Verwerfen und schließlichem Finden mitten auf das Schwarz-Rot-Gold-trunkene Volk klebte. Da prangt er nun, der entwendete Hinweis, und ruft seither dem Betrachter die folgende, im letzten Jahrzehnt leider nicht immer befolgte Gebrauchsanweisung entgegen: "Achtung! Vor dem Tragen erst Waschen. Ware blutet aus." Im 19. Jahrhundert schrieb der Dichter Lautréamont eine Definition, die zum Credo der Surrealisten um André Breton werden sollte: "Schön ist das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Operationstisch." Andreas Prüstel führt auf seinen Blättern das Zusammentreffen scheinbar disparater Materialien gezielt herbei - das macht sie zu erkenntnisfördernden und komischen Collagen. Aus den gelungensten aber scheint auch etwas von jener unkalkulierten Schönheit auf, nach der die Surrealisten gesucht haben, und ich halte es für denkbar, dass dieser Schein sich in dem Maße verstärkt, wie das zeitgeschichtliche Personal der Blätter blasser wird, um sodann langsam, aber sicher zu verdämmern. Sprechen wir uns in zwanzig, dreißig Jahren wieder.Ausstellung bis zum 6. Oktober in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, Heinrich-Mann-Allee 107, 14473 Potsdam. Erst der vorsichtig über das Blatt fahrende Finger spürt, aus wie vielen Teilen solche Collagen bestehen.Zur Kenntlichkeit entstellt: "Herr, gib ein Zeichen" (links); "Sein oder Nichtsein" (oben); "Der Marktführer" (unten). REPROS: GEORGE KALOZOIS (3)