Big Brother in den USA hat ein Gesicht: John M. Poindexter, Chef des Überwachungsbüros, das unter Aufsicht des Pentagons, mit einem Etat von 200 Millionen Dollar ausgestattet, Spitzeltechnologien entwickelt. Er will eine globale Datenbank aufbauen. Es geht darum "eine Verbindung herzustellen zwischen einem Namen und einem Bild, das in Malaysia aufgenommen wurde, einem Mobilfonanruf in Deutschland und einer Banküberweisung von Pakistan nach Chicago", formulierte es ein Offizieller aus Washington.Das ist eine große Aufgabe. In der Datenbank sollen Informationen aus offiziellen und kommerziellen Quellen über 300 Millionen Amerikaner gespeichert werden: E-Mails, Internetnutzung, Rezepte, Kreditkartenkäufe, Buchausleihen, Zeitungsabonnements, Verkehrsverstöße, Reisen, Auftritte, Beschwerden von Nachbarn, Gerichtsunterlagen, Aufzeichnungen von Überwachungskameras - alles ohne richterliche Verfügung.Poindexter zum obersten Chef einer Überwachungsbehörde zu machen ist angesichts seines politischen Vorlebens kühn, er passt aber ins Personaltableau der heutigen US-Administration. Der Wissenschaftler und Vizeadmiral wirkt mehr wie ein Intellektueller als wie ein Militär. Er war Klassenbester der Akademie der Navy und ist Doktor der Physik. 1983 ernannte ihn Reagan zum nationalen Sicherheitsberater. Er kam auf die Idee, die als Iran-Contra-Skandal Geschichte machte: Waffen an die iranische Regierung zu liefern, die seit der Geiselnahme von Teheran zum Reich des Bösen zählte. Rund 30 Millionen Dollar aus dem Erlös erhielten die Contra in Nikaragua. Der Verkauf wurde über Israel abgewickelt, mit Hilfe der CIA und eines saudischen Waffenhändlers unter Benutzung eines Schweizer Kontos. Das alles verstieß gegen US-Gesetze und geschah ohne Wissen des Kongresses oder Senats.Libanesische Zeitungen deckten den Skandal 1986 auf, Poindexter trat zurück. Arthur Lyman, der Poindexter vor einem Kongressausschuss verhörte, beschreibt ihn als steifen, gehorsamen, disziplinierten Offizier. Poindexter habe darauf bestanden, dass er ganz allein, ohne Wissen von Reagan - oder Vizepräsident George Bush Senior - gehandelt habe. 1990 wurde Poindexter (sowie Colonel Oliver North und Verteidigungsminister Caspar Weinberger) verurteilt. Das Urteil gegen Poindexter musste später aufgehoben werden, da der Kongress ihm Immunität zugesichert hatte.In der Folgezeit entwickelte er als Vizepräsident der Firma Syntek Technologies das Programm "Genoa", das große Mengen Computerdaten, vom Nutzer unbemerkt, in kurzer Zeit auswerten kann. Inzwischen sind Reagan-Leute wie Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz und Richard Perle wieder zu Macht gekommen, und mit ihnen der mittlerweile 65 Jahre alte Poindexter. Ari Fleischer, der Sprecher von Bush Jr. nannte ihn einen "außergewöhnlichen Amerikaner, einen außergewöhnlichen Bürger, der seinem Land einen sehr guten Dienst erwiesen hat".Ob Poindexter aber als globaler Chefdatensammler die Idealbesetzung ist? Als der Iran-Contra-Skandal aufflog, zerstörte er alle mit Oliver North ausgetauschten Daten - und vergaß die Kopien im Weißen Haus.