Heute feiert Walter Jonigkeit seinen 90. Geburtstag. Jüngere Kollegen haben sich längst aus dem Geschäft zurückgezogen. Doch Jonigkeit, Berlins ältester aktiver Kinobetreiber, sitzt immer noch täglich im Büro des Delphi-Kinos, oft früher als die Angestellten.1925 begann er als Lehrling bei der Trianon Film, war danach dort angestellt, bis er Verleihvertreter wurde. Mit 27 Jahren gründete Jonigkeit das erste Filmkunstkino Deutschlands: Die Kamera, ein stuckgeschmückter Saal mit 300 Plätzen, Unter den Linden 51, schräg gegenüber der Universität. "Zeig doch mal alte Filme , sagte er sich. "Alte Filme": Streifen, die aktuell "durch" waren, oder auch Stummfilme. Der Berliner Walter Jerven zeigte Produktionen aus der Sammlung "Glanz und Elend der Flimmerkiste .Die Kamera kam so gut an, daß die Verleiher aufmerkten - Jonigkeit hatte oft bloß 100 Mark Festmiete "für das alte Zeug bezahlt. Er veranstaltete als erster Filmwochen, die bestimmten Stars gewidmet waren - fast alle kannte er persönlich, und viele kamen gern in sein Kino: Henny Porten, Paul Wegener, Emil Jannings, Heinrich George, Heinz Rühmann, Grete Weiser.Jonigkeit zeigte Originalfassungen, druckte Programmheftchen, die er überall auslegte. Einige Male wurden sie von den Reichsfilmkammer-Zensoren beanstandet. Vieles, von dem man glaubt, es wäre von heutigen Programm- oder Filmkunst-Kinos erfunden worden, machte Jonigkeit schon damals.1937 übernahm er Die Kurbel in Charlottenburg. Das war sein Glück, denn im Krieg wurde die Kamera ausgebombt. Verloren gingen dabei die wunderbare Wurlitzer Kinoorgel (die er kurz zuvor erst abbezahlt hatte), die große Plakatsammlung und manch selbstgedrehter 16-Millimeter-Film. Schon Ende Mai 1945 liefen in der Kurbel wieder Filme. Die ersten Kopien holte Jonigkeit mit dem Fahrrad in der russischen Kommandantur in Lichtenberg, die Spulen auf dem Gepäckträger balancierte er durch die Trümmergassen.Noch während der Blockade baute er den ausgebrannten Delphi-Tanzpalast in der Kantstraße zum Kino mit mehr als tausend Plätzen aus. Auch nach dem späteren Einbau der großen Bühne ist das Haus (mit nun 800 Plätzen) eines der größten und stilvollsten Berlins. Alle "großen" Filme liefen hier, und die Verleihe machten glänzende Geschäfte mit Jonigkeit (oder er mit ihnen) - so kam er besser durch alle Krisen als viele andere.Auf dem blankpolierten Klingelschild am Delphi stehen heute auch andere Firmennamen: Seit den 50er Jahren gehören Jonigkeit auch das Savoy in Hamburg und das City in München. Sie sind verpachtet oder werden mit Partnern betrieben: Seit 1978 ist Georg Kloster, Berlins größter unabhängiger Kinomacher, Teilhaber am Delphi und zuständig für das Programm. Mit im Boot ist außerdem Klaus Boje, der hauptsächlich als Produzent - Boje-Buck-Film - von sich reden macht.Jonigkeit mag die jungen Leute. Sie erinnern ihn an die eigenen Anfänge. Auf einen wie Bojes Hausregisseur Detlef Buck hält er große Stücke: "Mitten in die letzte Premierenfeier hinein platzte ein Anruf aus Bucks Heimatdorf: Da seien 20 Milchkühe angekommen. Buck hatte sie von seiner Gage für den Hof der Eltern angeschafft." So etwas gefällt dem alten Kinomann, der voller Anekdoten und Filmgeschichten steckt und alle Namen parat hat.Walter Jonigkeit, dem 1,90-Meter-Recken, sieht man seine Jahre nicht an, sein ganzes Leben hat er Sport getrieben: Handball, Hockey und Rudern. Beim Rudern hätte er es 1936 beinahe bis in die Olympiamannschaft geschafft. "Aber das Kino machte zuviel Arbeit, ich konnte nicht so stark trainieren. +++