Bundespräsident Horst Köhler hat aufgerufen, eine Agenda 2020 zu entwickeln. Die Berliner Zeitung erörtert in loser Folge, wo wir die größten Probleme der Zukunft sehen und was wir uns als Lösung vorstellen können - fiktiv, spekulativ, subjektiv.------------------------------Seit drei Jahren ist Nejla Arkadas Bundeskanzlerin. Die selbstbewusste Akademikerin - Tochter einer türkischen Familie, die in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts nach Deutschland gekommen war - ist zum Sinnbild für die neuen Chancen geworden, die Einwanderern offen stehen. Deutschland hat sich im Jahr 2020 zu einem Einwanderungsland entwickelt und die Bevölkerung hat den Wandel akzeptiert.Begonnen hatte er 2011. Damals verkündete das Statistische Bundesamt die Ergebnisse der Volkszählung. Die Bevölkerung war auf unter 80 Millionen gesunken. Die düsterste Zukunftsprognose ging von einer weiteren Schrumpfung auf 60 Millionen im Jahr 2030 aus mit dramatischen Folgen für die Sozialsysteme, den Arbeitsmarkt und damit für den Wohlstand.Die Politik vollzog eine radikale Wende in der Ausländer- und Zuwanderungspolitik. Das Bildungssystem wurde umgebaut und durchlässig gestaltet. Die soziale Herkunft spielte keine Rolle mehr. Das Aufwachsen in einer Familie, in der neben Deutsch eine weitere Sprache gesprochen wurde, wurde als Chance begriffen. Endlich wurde vom Kindergarten an bis zum Studium die Zweisprachigkeit gefördert und in die Berufs- und Hochschulabschlüsse einbezogen. Die Schulen bauten ihr Sprachenangebot aus. Neue Fächer entstanden, um die Neugier und das gegenseitige Verständnis für die unterschiedliche Kulturen zu fördern. Daneben wurde die berufliche Nachqualifizierung vorangetrieben, durch die sich vielen Ausländern neue berufliche und gesellschaftliche Aufstiegschancen boten. Deutschland profitierte: Langsam wuchs die Mittelschicht wieder an.Gefördert wurde dies durch ein neues Zuwanderungsgesetz. Es führte ein Punktesystem ein, mit dem Einwanderer nach ihrer Qualifikation bewertet wurden. Im Ausland warben die deutschen Botschaften und Generalkonsulate für eine Einwanderung nach Deutschlands. Um im internationalen Wettbewerb Anreize zu schaffen, wurden hohe Löhne geboten, wodurch das Lohnniveau in Deutschland generell stieg. Ausländer gründeten Firmen, schufen neue Stellen und bildeten junge Leute aus.Der Wandel blieb nicht ohne Folgen für die politischen Beteiligungsmöglichkeiten der Zuwanderer. Als 2017 die neue Regierung Arkadas gewählt worden war, führte sie das kommunale Wahlrecht für Menschen aus Nicht-EU-Staaten ein. Seither engagierten sich Einwanderer verstärkt in den Gemeinderäten, in den örtlichen Verbänden und Schulen. Im Jahr 2020 dehnte die Regierung das Wahlrecht auf die Bundesebene aus.Ungelöst dagegen blieb der Umgang mit Flüchtlingen auf EU-Ebene. Die Weltbevölkerung wuchs dramatisch. Die Menschen suchten eine Zukunft in der EU. Doch die hielt die Flüchtlinge an ihren Außengrenzen auf. Die europäischen Staaten investierten Milliarden in den Ausbau von Grenzanlagen und Flüchtlingslager. Auswege wurden diskutiert, auch, die Grenzen zu öffnen. Doch dazu konnten sich die EU-Staaten auch 2020 nicht durchringen. Sigrid Averesch